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Jainismus

Jainismus

GEWALTLOSIGKEIT
das Grundgesetz im Jainismus


 

Acharya Mahaprajnaji’s Botschaft an das 'Parlament der Weltreligionen 2004' in Barcelona, Spanien

Acharya Mahaprajna

02.08.2004

Transcription from video message by Samani Pratibha Pragya
Übersetzung: Carla Geerdes

 

Wir können keine Gesellschaft frei von Problemen konzipieren. Einige dieser Probleme sind naturbedingt, andere jedoch werden durch den Menschen verursacht. Die gewaltigen, aus tieferen Bewusstseinsschichten resultierenden Probleme können durch materielle Objekte nicht gelöst werden. Diese tieferen Bewusstseinsschichten müssen angesprochen werden und hier spielt Religion eine Rolle, denn Religion ist nichts anderes als die Vergeistigung oder Erhebung innerer spiritueller Energie.

Das größte Problem der Gegenwart ist die Gewalt. Gewalt manifestiert sich in zahlreichen Formen, eine davon ist die Intoleranz gegenüber der Sichtweise anderer oder der Mangel an Verständnis für ihre Anschauungen. An zweiter Stelle steht die Annnahme der Höherwertigkeit der eigenen Ideen oder des eigenen Glaubens oder der eigenen Religion. All dies sind mentale oder ideologische Probleme. Unsere instinktiven Impulse oder negativen Ausbrüche sind so intensiv, dass wir kaum zögern, auf irgendeine Art Gewalt auszuüben oder sonst Verbotenes zu tun.

Das führte zu einer Zunahme von Kriminalität in der Gesellschaft sowie zur Entstehung solcher Probleme wie Extremismus. Im Dharma hätten alle Religionen genug Macht, das zu verhindern, was die Situation insgesamt verändern würde. 

Sollten wir also den Schluß daraus ziehen, dass Religion so, wie sie ist, nicht kompetent genug ist, diese Probleme zu lösen? Implizit folgt daraus, dass wir uns die Wege aller Religionen bis auf den heutigen Tag als völlig verschieden vorzustellen haben.  

Der Jainismus lehrt uns das Prinzip des Anekantvada. Das ist die Lehre der non-absolutistischen oder relativistischen Sichtweise. Fundamentaler Grundsatz des Anekantvada ist die Toleranz gegenüber den Anschauungen oder dem Glauben anderer. Man sollte nicht nur versuchen, die Wahrheit in den eigenen Auffassungen oder im eigenen Glauben zu finden, sondern auch in den Anschauungen und dem Glauben anderer. Wir müssen die Wahrheit akzeptieren, dass Wahrheit auch in den Anschauungen anderer enthalten sein kann.

Freiheit ist unser aller Recht von Geburt an, allerdings zögern nicht wenige in der Gesellschaft, die Freiheit Anderer zu beeinträchtigen. Es wäre Aufgabe der Religion gewesen zu verhindern, dass die Reichen die Armen, die Mächtigen die Machtlosen in ihrer Freiheit beeinträchtigen. Doch leider hat die Religion nicht in dieser Weise gewirkt.

Die Teilnehmer des Parlamentes der Weltreligonen in Barcelona sollten das als Autoritäten ihrer respektiven Religionen ernsthaft überdenken. Sie sollten ein Konzept von Religion in der heutigen Zeit erarbeiten. Eine Neubewertung der für die Gegenwart bedeutsamen Aktivitäten auf dem Gebiet der Religion ist dringend vonnöten.

Mein Mentor, Seine Heiligkeit Acharya Tulsi, hat dieses Konzept von Religion in Erwägung gezogen und festgestellt, dass Religion ohne Moral der Gesellschaft nicht zuträglich ist. Es gibt drei Formen der Religion: erstens Moral, zweitens Hingabe und drittens Spiritualität. Der erste Aspekt der Religion, Moral, ist vernachlässigt worden, und auch Spiritualität erlebt einen Verfall. Also müssen der erste und der dritte Aspekt für die Gegewart, das 21. Jahrhundert, vertieft werden. Der zweite Aspekt, nämlich Hingabe oder Andacht bzw. die Riten und Rituale etc einer Glaubensgemeinschaft, wird in allen Religionen weitergeführt. Alle drei Formen der Religion sollten in allen Religionen gleichermassen aktiv sein, doch ist die Entwicklung moralischer Werte vorrangig. Solange sie keine Relevanz im Alltag haben, ist Religion für die moderne Gesellschaft nutzlos. 

Ziehen wir hier Versammelten doch Religion als Lösungsmöglichkeit für die gegenwärtigen Probleme der Gesellschaft in Betracht. Erwägen wir das Problem mit wachem Bewusstsein und präsentieren Religion als Lösung für die Probleme der Gegenwart. Gelingt uns das, kann diese Versammlung erleuchteter Menschen anlässlich des Parlamentes der Weltreligionen für das Individum, die Gesellschaft und die ganze Welt von Nutzen sein.

 

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