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auch das Universum befindet sich noch in Entwicklung


Jainismus

Jainismus

GEWALTLOSIGKEIT
das Grundgesetz im Jainismus


 

Ahimsa [Gewaltlosigkeit] - Das Grundgesetz des Jainismus. Vortrag für Tierschützer und Tierschutz

Carla Geerdes

06.04.2004

Unser heutiges Leben ist fest eingebunden in das globale Theater der Gewalt.

Wir scheinen unsere tägliche Ration Angst und Schrecken zu brauchen wie das tägliche Brot und werden von den Medien und anderen Organen unserer Gesellschaft entsprechend bedient. Kein Wunder, dass wir durch gekonnte Zugaben in dieser Sache bereit sind, uns sogar noch fester in ihre Struktur einbinden zu lassen.

Himsa (Sanskrit: die Gewalt) übt ihre uralte magische Anziehungskraft auch heute noch auf uns aus, natürlich postmodern, wie wir uns gerne fortschrittlich sehen.
Es werden zwar live und öffentlich keine Tier- und Menschenopfer mehr gebracht, aber die Medien bedienen uns gerne mit den entsprechenden Ersatz-Szenen (Verrat und Mord), wobei die Menge an Gewalt, als tägliche Dosis, genau kalkuliert erscheint.

Das Theater der Gewalt dominiert die Programmgestaltung unseres Lebens.

A-Himsa, im Deutschen als Gewaltlosigkeit begriffen – versteht sich als A - Himsa  =  weg von - Himsa (der Gewalt), also als Abwendung von Gewalt und ist somit die Negativform der Gewalt, also ihre bewusste Verneinung.

Die Botschaft der Ahimsa ist sehr alt und lautet ganz einfach: Gewalt zerstört das Leben in jeder seiner Formen.
Sie wird immer wieder, in jedem Zyklus der Menschheitsgeschichte und Vorgeschichte verkündet bzw. in Erinnerung gebracht.
Ahimsa ist das Grundgesetz des Lebens für jedes erkenntnisfähige Lebewesen.

 

Ahimsa unterscheidet den Menschen vom Tier.

Der bewusste Schritt weg von der Gewalt zeitigt genauso seine Folgen, wie das Verbleiben in der Gewalt.
Es ist die grundsätzlichste Unterscheidung in unser aller Leben, und es ist die weitreichendste in ihrer Konsequenz.

Dies alles ist keine Frage der Moral oder Ethik.
Denn Gewalt ist ein Teil der Natur.
Und Naturgewalten sind für den Menschen lebensbedrohlich.

 

Ahimsa ist der Natur gegenüber in erster Linie eine Überlebensstrategie.

Reflexe, die uns das Leben retten, kommen tief aus dem ältesten Teil unseres Gehirns, dem Reptiliengehirn am oberen Ende des Rückenmarks.
Sie lassen uns zur Seite springen und der Gewalt ausweichen, bevor wir den herunterfallenden Stein bewusst wahrgenommen haben.

Die bewusste Distanzierung von der Gewalt - Ahimsa – die „Nicht-Gewalt“, befreit dauerhaft von Fesseln und Folgen des gewalttätigen Teils der Natur.

Teil der aufbauenden, kooperierenden Kräfte der Natur zu sein, ist die richtige Entscheidung auf dem Weg zur Menschlichkeit.
Der Gewalt anzuhaften, den Mitmenschen ein Unmensch zu sein, führt letztendlich zur Selbstzerstörung.

Wahrer Frieden ist durch das Fehlen von Gewalt gekennzeichnet. Innen und außen.
Keine Gewalt in uns und keine Gewalt um uns herum.

Vollziehen wir also den Schritt der Ahimsa nach, weg von der Gewalt, so ist der Einzelne, der diese Entscheidung trifft, konsequenterweise auch von ihr betroffen. Gewaltfreiheit und die damit gewonnene Perspektive hat ihren eigenen Preis, wir wenden uns mit dieser Entscheidung uns selbst zu, denn wir sind es ja, die sich jetzt von der Gewalt in uns trennen wollen.

 

Ahimsa - Strategie der Gewaltlosigkeit zum inneren Frieden

Die meisten Menschen verabschieden sich im Laufe ihres Lebens von sich selbst und gehen ganz in ihren gewählten Aufgaben auf. Auf dem Weg zum Erfolg, dem Streben nach dem in der Welt erreichbar Scheinenden, sehen sie sich immer wieder gezwungen, sich zu ändern, sich anzupassen und so letztendlich ein Anderer zu werden.
Erst am Ende ihres irdischen Lebens begegnen sie sich wieder und bedauern, dass diese Begegnung nicht eher stattgefunden hat und sie Frieden mit sich selbst schließen konnten.

Kontakt mit sich selbst aufnehmen heißt, sich seiner Seele nähern.

Wir wissen oft viel darüber, was Andere über uns denken und über die Angelegenheiten der Welt, doch geradezu lächerlich wenig über uns selbst. Selbsterkenntnis ist heute eher eine erschreckende Angelegenheit und Grund genug, das schnell wieder zu vergessen.

Der Mensch steht in dieser Entwicklung nicht mehr im Mittelpunkt. Das Subjektive verliert gegen die objektive entmenschlichte Welt.
So gesehen haben wir nur eine Chance: Wir müssen uns wieder Zeit für uns selbst nehmen und uns weniger um die Vermehrung von Kapital und Gütern kümmern, sondern um unsere ureigensten Angelegenheiten, das Menschsein.

Es gibt die dem Menschen innewohnende Qualität der Ahimsa, die sein tatsächliches Wesen bewahrt. Durch Gewalt wird der Mensch zum Tier.’ [Lord Mahavira, 24. Tirthankara des Jainismus]

Mahavira erinnert daran, die Qualität der Ahimsa zu bewahren, die dem Menschen die Entscheidung ermöglicht, ob er Leben nimmt oder nicht. Ein Tier kennt diese Entscheidung nicht, es handelt entsprechend seinem Instinkt und seinen Veranlagungen.

‚Keine empfindungsfähige Lebensform ist dazu bestimmt, getötet zu werden oder Folter, Unterwerfung, Unterdrückung und Gefangenschaft unterzogen zu werden. Dieses AHIMSA DHARMA ist wahr und gilt immer und ewig. Wer alle fühlenden Lebewesen wie sich selbst behandelt, ist wirklich ein Anhänger der Ahimsa.’ [Lord Mahavira, 24. Tirthankara des Jainismus]

Diese Aufforderung, das Theater der Gewalt zu verlassen und ein Bewusstsein für die Gewaltlosigkeit zu entwickeln, wird im Jainismus als die erste und die letzte Wahrheit für alle lebenden Organismen anerkannt.

Jeder weiß, dass Gewalt im täglichen Leben nicht völlig vermieden werden kann. Doch wenn man angefangen hat, ein Bewusstsein für die Gewaltlosigkeit im täglichen Leben zu entwickeln, ist es leichter, zunehmend gewaltlos zu leben.

Dieses Bewusstsein wird gestärkt durch Leidenschaftslosigkeit und Freisetzung des Geistes von Anhaftung an materielle Dinge.

Bewusstsein ist das Ergebnis von Verarbeitungsprozessen des Erlebten.

Wiederholt sich  ein Erlebnis, haben wir bereits ein Bild, einen Begriff, nicht nur von den zeitlichen Abläufen - Ursachen und Wirkungen - sondern sind uns auch der inhaltlichen Perspektiven gewärtig. 
Sind wir uns bewusst geworden, nehmen uns Ereignisse nicht mehr mit und wir hängen auch nicht mehr an ihnen.

Das individuelle Bewusstsein kann direkt mit dem Grad der Freiheit eines Individuums gleich gesetzt werden.

Der Jainismus ist  von einer multiperspektivischen Weltsicht geprägt, in der jede einzelne Perspektive als realer Bestandteil der ganzen Wahrheit anerkannt wird.
Darauf gründen sich Toleranz und Mitgefühl allen lebenden Wesen gegenüber.

Die ganze Wahrheit zu kennen, ist im Jainismus denen überlassen, die Allwissenheit erlangt haben, den Tirthankaras.
Als Sterbliche, d.h. dem zeitlichen Verlauf anhaftende und zeitlich bedingte Wesen, können wir in ihrem Verlauf viele Aspekte und Wandlungen einer einzelnen Wahrheit verfolgen und erkennen schließlich, dass sich alles ständig verändert und wir uns damit letztlich auch.

Wenn wir die in der permanenten Wandlung liegenden Chancen erkennen,  fällt es uns leichter, auch uns selbst als einen Bestandteil des kontinuierlichen Wandels erkennen zu können, statt uns von herangetragenen Notwendigkeiten dazu zwingen lassen zu müssen.

Alle Lebewesen sind der ihrer Natur innewohnenden Gewalt ausgesetzt und erleben die daraus resultierenden Zwänge.

A-Himsa zu leben ist so gesehen ganz einfach:

Wenn wir Ahimsa leben, so entlasten wir nicht nur uns, sondern auch die anderen Lebewesen. Gewaltlosigkeit fördert die Lebensqualität aller.

Nein-Sagen zur Gewalt, wann immer sie ihr Gesicht zeigt, ist der Anfang des Weges der Ahimsa.

Bewusstsein für Gewaltlosigkeit hilft, unnötige Gewaltausübung zu vermeiden.

Ahimsa ist ein Begriff aus der altindischen Sprache Sanskrit und bedeutet auch 'nicht schädigen' oder 'keinen Schaden zufügen'. Mahavira lehrt: ‚Jedes Lebewesen möchte – so wie ich – leben. Jedes Lebewesen fürchtet den Tod. Keiner von uns möchte Schmerzen oder Qualen erleiden. Deshalb wollen wir all unsere Handlungen so achtsam ausführen, dass sie keinem Lebewesen schaden.’

Gewalt wird nicht nur beim Töten ausgeübt, sondern auch durch Achtlosigkeit schon in Gedanken, Worten und letztendlich dann Taten.

Innerer Frieden nimmt in einer Geisteshaltung seinen Anfang, in der wir der Entstehung der Gedanken gewahr werden.
Mit der Wahrnehmung der Entstehung und des weiteren Verlaufs von Gedanken gewinnen wir Einsicht in die wahre Natur dessen, der da denkt, spricht und dann handelt.
Dadurch entwickeln wir ein Bewusstsein von uns, das uns ermöglicht, Tun und Lassen neu zu überdenken.

Ahimsa ist diszipliniertes Handeln im Umgang mit jedem Lebewesen.
Ahimsa bedeutet aber nicht nur diszipliniertes Handeln, sondern eben zuerst diszipliniertes Denken und Sprechen.
Gewalt bedeutet schon das Zulassen negativer Gedanken, Gefühle und Einstellungen. Konkret bedeutet es, der Gewalt im Alltag entschieden zu begegnen. Hier einige Beispiele zur Verdeutlichung:

• Nicht ÜBER jemanden, sondern MIT jemandem sprechen
• Zusammenarbeit anstatt Konkurrenz
• Wünsche und Begierden minimieren
• Das Wissen über die Natur vergrößern, um sich zu ermöglichen, sie zu respektieren
• Gefühle Anderer nicht gezielt verletzen oder sticheln


Ahimsa scheint eher negativ orientiert zu sein, weil es so oft heißt, dieses oder jenes NICHT zu tun.
Doch hier geht es darum, die Bildung eines Bewusstseins dafür anzuregen, zur Gewalt in ihren vielfältigen Erscheinungsformen NEIN sagen zu lernen, indem man sie der NICHT-GEWALT bewusst gegenüberstellt.
Der ganze Vorgang hat etwas von Zähmung.
So wie wir gelernt haben, mit dem Feuer umzugehen, gelingt es uns auch mit der Gewalt.


Ahimsa – Grundlage des Respekts

Zwischen Indien und England bestehen gute Beziehungen, weil die Unabhängigkeit Indiens nicht in einer gewalttätigen Revolution mit viel Blutvergießen erkämpft wurde, sondern überwiegend durch den Einsatz gewaltloser Mittel. Blutvergießen hätte die Beziehungen der Nationen auf Generationen vergiftet.

Ahimsa ist immer auch das Respektieren des Anderen, des Gegenübers.
Unsicherheit, Voreingenommenheit und Ängstlichkeit begünstigen weder die Entwicklung von Selbstachtung noch selbständiges Denken.
Nur wer sich selbst respektiert, respektiert auch Andere.

Ahimsa vermittelt ein tiefes Verständnis für alle Lebewesen und natürliches Mitgefühl für sie. Empathie nicht nur für die eigene Spezies, sondern für alle Lebewesen.
Wer sich in andere Lebewesen einfühlen kann, lebt mitfühlend, d.h.
MITGEFÜHL UND NICHT MITLEID ist gefordert.
 
Wir Menschen sind zu der Einsicht in der Lage, dass alle Lebewesen Hoffnungen und Gefühle haben. Auf der Grundlage dieser Einsicht können wir alle Lebewesen respektieren, uns selbst eingeschlossen.

Wir wissen, dass zwar alle Lebewesen verschieden sind, doch durch gemeinsame Daseinsbedingungen tief miteinander verbunden. Unsere Handlungen wirken auf alle Lebewesen so wie die Handlungen aller Lebewesen auf uns wirken.

Ahimsa ist die höchste und gleichzeitig tiefste Wahrheit für alle Lebewesen in diesem Universum.
Individuum und Gesellschaft können ohne Ahimsa in allen Bereichen nicht in Frieden leben.

Im Jainismus wird gelehrt, dass es Aufgabe aller Seelen ist, einander bei der Selbstfindung und Selbstverwirklichung zu helfen.
Die Philosophie der Gewaltlosigkeit ist mehr als nur der Verminderung von Gewaltausübung dienlich, sondern Ausdruck tiefen Respekts vor dem Leben. Dieser beginnt bei dem Respekt vor der eigenen Lebenskraft, die sich in Gedanken, Worten und Taten äußert, wohlwissend, dass sie einen aufmerksame Begleiter braucht, Disziplin und Selbstwahrnehmung.

Die mechanischen Lebensabläufe stehen nicht mehr im Mittelpunkt unseres Interesses, wenn wir die Methode der Selbstbeobachtung und Selbstbefragung anwenden. Dabei nehmen wir die unser Leben bestimmenden universalen Gesetze von Ursache und Wirkung wahr und die Tatsache zur Kenntnis, dass Emotionen, Energien und Schwingungen, welche wir aussenden, in Verbindung mit Freud und Leid in unserem eigenen Leben stehen.

Wenn wir positive Schwingungen aussenden, kommen sie verstärkt zu uns zurück. Ebenso wie die Folgen gewalttätiger Gedanken…

Der Unterschied zwischen den Begriffen Ahimsa und Himsa, Positiv und Negativ liegt in den Aspekten ihrer jeweils verschiedenen Wirkungsweisen:

Das Negative vermindert, zerstört, wartet mit schnellem Ergebnis auf, ist effektiv und überzeugt verführerisch mit schneller Lösung.

Das Positive bedeutet Zuwachs, tritt anfangs noch nicht in Erscheinung und bringt dafür aber auch gleich seine Zukunft mit.

Im Jainismus sieht man das nicht als Alternativen, sondern als zu harmonisierende polare Bestandteile der Lebensenergie.

Ahimsa und Evolution

Jedes Lebewesen ist Ausdruck der Partnerschaft zwischen der unbewussten Energie der Materie und der bewussten Energie der Seele. Materie bleibt ohne Seele unbelebt. Das dynamische Einwirken der Seelenkraft bewirkt Entwicklung und Wachstum des Körpers.

Beide Energien, attam (Atom) und atma (Seele) werden als die konstituierenden universellen Wirkkräfte angesehen, ohne Anfang und Ende im Hinblick darauf, dass die Materie sich kontinuierlich wandelt, ihre Moleküle neu gruppiert und wieder auflöst, aber niemals verschwindet, und die Seele sich solange entfaltet, bis sie ihre wahre Identität aufdeckt und sich völlig vom Gravitationssog auf Materie und Geist befreit.

Der Gedanke der Schöpfung spielt hier keine Rolle, Die Materie war, ist und wird in der einen oder anderen Form sein, und die Seele war, ist und wird solange in einem Körper sein, bis sie endgültig erlöst ist.
 
Unsere physische Evolution folgt dieser inneren Verfeinerung. So wie Milch und Wasser in vermischter Form nicht voneinander zu unterscheiden sind, so scheinen Seele und Materie untrennbar zu sein, während sie wechselseitig an einem kontinuierlichen Prozess teilnehmen.
Sobald uns bewusst wird, dass wir seit einer anfanglosen Zeit von einem Leben zum anderen reisen, von einer Lebenszeit zur anderen, wird das Ziel unseres jetzigen Lebens klarer.
Ebenso steigt unser Mitgefühl für weniger entwickelte Lebensformen. Uns wird klar, dass auch wir diese Stadien durchlaufen haben. Einst waren wir unter ihnen, eines Tages werden sie unter uns sein.
 
Wenn wir erkennen, dass wir als Menschen nun den höchsten Rang auf der Evolutionsleiter erreicht haben, überwältigt uns eine neue Dankbarkeit. Wir sind nicht mehr hilflos. Wir können uns um unser Leben kümmern und die letzte Stufe der Evolution bewusst SEIN. Dafür arbeiten wir an unserer Befreiung von den Überresten der vorherigen, instinktgesteuerten Stadien: Unwissenheit, Ärger, Gier, Furcht, Konkurrenzdenken. Wir hören auf, uns weh zu tun und beginnen, einander mit Respekt und Ehrerbietung zu betrachten. Das Bewusstsein des Wohlgefühls tritt an die Stelle emotionaler Dürre, und wir erkennen die Großzügigkeit des Universums an anstatt uns arm und minderwertig zu fühlen.

Das Universum ist nicht ausschließlich für den Menschen da. Es ist Stätte der Evolution für alle Formen des Lebens. Der Jainismus lehrt, dass Leben nicht nur für Menschen aller Länder, Farben und Anschauungen Leben ist. In allen Lebewesen, bis zur winzigsten Ameise und dem niedrigsten Wurm, ist die Lebenskraft unabhängig von Gestalt, Größe und Form von der gleichen heiligen Qualität. 

Wenn wir uns darüber klar werden, dass die Verletzungen und Narben der Vergangenheit auf unsere eigene Einladung hin zu uns kamen, können wir aufhören, uns auf Anschuldigungen und Vergeltung zu konzentrieren. Sobald wir die Verantwortung für unser Leid und unseren Kummer übernehmen, können wir sie überwinden und sie anfangen als Kompost zu betrachten, der die harte äußere Schale unseres Herzens aufbricht und der zarten Blume des Mitgefühls und der Freundlichkeit zur Blüte verhilft. 

Die Antwort der Jain Philosophie liegt darin, sowenig Gewalt wie möglich auszuüben und durch seine Handlungen das Leben zu achten. Dazu gehören Wachsamkeit, Gewahrwerden über die eigenen Motive und Furchtlosigkeit, mit den Gesetzen der Natur im Einklang zu leben. Dem liegt kein Gefühl des Angsteinflössens zugrunde, sondern ein Öffnen des Herzens für das Leben. Diese Absicht zählt.
Das Leben ehren heißt nicht, stillschweigend Gewalt dulden oder mit irgendeiner Form von Gewalt einverstanden sein, selbst wenn jemand dazu bereit ist, Gewalt auszuüben. Es heißt auch, es zu verhindern suchen, bevor es geschieht, und es aufzuhalten suchen, wenn es angefangen hat.

Jaina Mönche haben zu allen Zeiten versucht, Priester anderer Religionen daran zu hindern, Tieropfer zu bringen. Unter Mahaviras sanftem Einfluss haben viele Könige die Sklaverei und das Kastensystem in ihrem Land abgeschafft, die Herabsetzung der Frauen nicht mehr geduldet sowie das Jagen, Töten und die Opferung von Tieren untersagt. Viele Menschen wurden zu einem Leben in Ahimsa inspiriert.
    

Ahimsa und Vegetarismus

Es stimmt, dass durch das Atmen, den Gebrauch von Wasser, Erdarbeiten und Holzverarbeitung Würmern und mikroskopisch kleinen Wesen Leben genommen wird. Es geht nun darum, dieses auf das zum eigenen Überleben nötige Maß zu reduzieren.

Wir müssen wählen: Entweder das Fleisch und Blut von Tieren zu nehmen, die schon wie wir über alle fünf Sinne und ein hoch entwickeltes Gehirn verfügen und deren Nervensystem und emotionales Leben unserem so gleichen und in deren Venen Blut fließt wie in unseren auch oder unsere Körper mit Hilfe des blutlosen Pflanzenreichs zu unterhalten, das bis jetzt noch keinen Geschmacks-, Geruchs-, Seh- oder Hörsinn entwickelt hat.

Je entwickelter der sensorische Apparat einer Lebensform, desto mehr Schmerz kann empfunden werden. Fische, Vögel und andere Tiere sind hoch entwickelt, und wir weigern uns, Auslöser ihrer Schmerzen und ihres Leides zu sein. Auch wenn wir Zeuge werden, wie sehr Tiere am Leben hängen, um ihr Leben kämpfen und wie sie von Angst beherrscht  sind, lassen wir jede Absicht fallen, sie zu benutzen oder auszubeuten. Wir fühlen ihre Hilflosigkeit im Angesicht menschlicher Gefräßigkeit, Gier und Gleichgültigkeit, wir möchten sie unbehelligt leben sehen.
Ahimsa und Güte gegenüber einem Lebewesen ist Güte gegenüber einem selbst.

Der Mensch, das höchstentwickelte Lebewesen

Das Bild vom Menschen als höchstentwickeltes Lebewesen führt leider häufig dazu, dass viele Lebewesen ihr Leben dafür lassen müssen, dass der Mensch gesund, bequem und komfortabel leben kann. Doch der Mensch wird zu Recht für das höchstentwickelte Lebewesen gehalten wegen des Wunderwerks der Natur, der sein Organismus ist und wegen seines wunderbar entwickelten Geistes mitsamt einem differenzierten Wissen, über das kein Tier verfügt.

Der Mensch hat diesen wunderbaren Geist, um sich darüber klar zu werden, dass er nicht das einzige Lebewesen auf der Erde ist. Er kann seine Begierden und Bedürfnisse kontrollieren, was ein Tier nicht kann. Er kann den Unterschied zwischen nötiger und unnötiger Gewalt erkennen.

Es gibt Tausenderlei Arten von Schmerz und Leid, sie zu lindern ist die wirkliche Aufgabe eines Menschen, nicht sie auszulösen. Das Töten von Tieren, das Quälen von Menschen ist schmerzvoll für den, der weiß, dass alle Lebewesen eine Seele wie er selbst haben und dass alle Seelen gleichwertig sind. Wer in Kontakt mit seiner Seele ist und sie zunehmend wahrnimmt, beachtet zunehmend auch die Rechte anderer Lebewesen, Mensch oder Tier.

Wie viel Gewalt?

Zum Überleben brauchen wir Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Bevor wir etwas benutzen, sollten wir uns fragen, ob mit dem Gebrauch der Verlust eines Lebens einhergeht.      

Ahimsa kann von niemandem, der in der Welt lebt, vollständig gelebt werden. Macht man sich erst einmal klar, wo überall Gewalt ausgeübt wird, fällt es einem leichter zu entscheiden, wo man selbst versuchen möchte, Ahimsa zu realisieren.

 Beispiele:

 Himsa im Beruf
  Armee
  Landwirtschaft
  Handel
  Industrie

 Himsa im Umfeld
  Infrastruktur
  Fortbewegung
  Hausbau

 Himsa im Haus
  Essenszubereitung
  Putzen
  Baden  
  

 Himsa zur Verteidigung gegen Angreifer und Feinde von
  Personen
  Besitz

ASKETEN KÖNNEN AHIMSA VIEL WEITREICHENDER REALISIEREN ALS HAUSHÄLTER.

Berühmter Jaina General Chamunda-Raya, ein Kämpfer mit vielen Auszeichnungen und militärischen Ehren.

ES GEHT NICHT DARUM, EINEN GRUNDSATZ ABSOLUT ZU LEBEN, SONDERN DIE EIGENEN ANLAGEN UND MÖGLICHKEITEN SORGFÄLTIG ZU STUDIEREN UND DANN DAS ZU TUN, WAS EINEM NOTWENDIG IM WAHRSTEN SINNE DES WORTES ERSCHEINT.

 

Herrscht kein Stress, ist Gewaltausübung nicht möglich.

Betrachten wir die Pathologie der Gewalt, so können wir im Ablauf unserer Lebensprozesse beträchtliche Veränderungen der physikalischen, psychologischen und chemischen Reaktionen bemerken:

Die Muskeln werden angespannt und stärker durchblutet, die Leber stattet das Blut mit einem höheren Zuckergehalt aus, und die Nebennieren sondern ein Sekret ab, das sich mit dem Blut vermischt und dem gesamten Körpersystem mehr Energie zuführt. Steigt die Aggression an, beschleunigt sich die Atemfrequenz von 10-15 Atemzügen in der Minute auf 30-40!

Die Meditation bremst die Überaktivität von Körper  und Geist und verhindert so Gewalt.
 
Chemisches Ungleichgewicht im Körper kann auch eine Ursache für Gewaltbereitschaft sein, ebenso ein unausgeglichenes Nervensystem. Gegenmittel: Preksha Meditation
Übung: Innere Reise und Atmen durch verschiedene Nasenhöhlen.

Überaktivität und Überanstrengung macht die Menschen heute auch eher bereit zur Gewaltausübung.
Gegenmittel: Disziplin

Übung: ca. eine Stunde täglich nicht sprechen

AHIMSA – Durchführung

Jeder sollte so anfangen, wie er kann und genau überlegen, was er realistisch einhalten kann. Der Prozess beginnt in dem Moment, in dem man anfängt, darauf zu achten, was im Bereich der eigenen Möglichkeiten liegt.

Beginnen kann man bei sich selbst, dann dehnt man den Wirkungskreis aus.
 
 Sich selbst nicht schaden

  • in Gedanken
  • in Worten
  • in Taten

 Anderen nicht schaden 

  • in Gedanken
  • in Worten
  • in Taten

 Keine Vollmacht erteilen zur Ausübung von Gewalt  

  • in Gedanken
  • in Worten
  • in Taten

 Keine Billigung von Gewalt  

  • in Gedanken
  • in Worten
  • in Taten

Realisierung von Ahimsa

Der Prozess, sich für die eigene Entwicklung zu öffnen, Kontakt mit sich aufzunehmen, ist Realisierung von Ahimsa. Ahimsa leben zu wollen heißt, sich einer geistigen Disziplin zu unterwerfen. Beherrschung - im Sinne von Herrschen - und Meisterung der Gedanken, Worte und Taten. Wer Ahimsa leben möchte, muss lernen, seinen Geist zu kontrollieren.
Wer sich selbst die Möglichkeit der Entwicklung und Veränderung zubilligt, kann dies auch anderen zugestehen und fühlt sich nicht bedroht, wenn ein anderer Mensch seinen eigenen Weg geht.

Wege zur Gewaltlosigkeit im eigenen täglichen Leben:

• 20 Minuten Kayotsarga täglich vertreiben Angst und Gewalt aus unserem      Denken.
• Gewaltlosigkeit in der Familie praktizieren
• Gewaltlosigkeit in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, unterwegs

Eine dauerhaft friedliche und angstfreie Gesellschaft kann nur aufgebaut werden, wo jedes Individuum die gleichen Möglichkeiten und Rechte hat. Das kann nur durch Selbstkontrolle und Selbstbeschränkung erreicht werden. Wenn jeder sich darum kümmert, Egoismus und Anhaftung zu kontrollieren, ist das mehr oder weniger eine Frage der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung.

Ahimsa und Selbstbeschränkung

Ahimsa kann durch Beschränkung - Einschränkung, also Selbstbeschränkung, realisiert werden, Einschränkung anstelle von Expansion. Selbstrealisierung ist nur unter diesem Aspekt möglich, sonst ist es Egozentrik. Durch Selbstbeschränkung kann Ahimsa gelebt werden.
Je mehr man sich beschränkt - einschränkt, siehe Mönche und Nonnen, desto mehr Ahimsa kann realisiert werden.
Selbstbeschränkung führt zu Achtsamkeit.
 
Achtsamkeit bedeutet aufmerksamen Umgang mit und in allen Lebenssituationen.
Ein achtsamer Mensch ist nicht gestresst. Ein achtsamer Mensch atmet richtig. Richtiges Atmen versorgt den Körper optimal mit dem Nötigen. Ein achtsamer Mensch ist nicht nachlässig.
 
Ahimsa als Selbstschutz vor karmischen Verunreinigungen der Seele. Selbstschutz dadurch, dass der expansiven Entwicklung des Geistes, der Sprache und des Körpers selbst auferlegter Widerstand entgegengesetzt wird, Widerstand gegen unachtsames –unbeschränktes - Denken, Sprechen und Essen.

[Goethe: In der Beschränkung liegt der Meister]

Ahimsa und Konsum

Ahimsa ist die Grundlage für Spiritualität. Viele Umweltprobleme im engeren Sinn, d.h. Probleme mit unserer persönlichen Umwelt, entstehen überhaupt erst, weil wir den Wert und die Funktion von Gewaltlosigkeit noch nicht verstehen. Gewaltlosigkeit bedeutet nicht nur, keine Waffenproduktion zu unterstützen, sondern auch eigene Transformation.

Entwaldung und Umweltverschmutzung kann ohne eigene Transformation nicht wirksam begegnet werden. Man kann den Missbrauch der Natur nicht überwinden, ohne die emotionale Befindlichkeit des Konsumenten zu verändern. Waffen, Entwaldung und Umweltverschmutzung entstehen wie Kriege zuerst im Kopf derer, die sich einen Vorteil davon versprechen. Werden die Voraussetzungen für die Veränderung des Konsumenten im emotionalen Bereich geschaffen, können auch die Folgen überwunden werden. Eine 'Spaßgesellschaft' verursacht durch die ungebremste Herstellung materieller Güter mit geringer Halbwertzeit unnötige Gewalt. Brauche ich das wirklich? ist in diesem Zusammenhang eine hilfreiche Frage.


Ahimsa und Toleranz

Der Gedanke der Toleranz ist eng verbunden mit Ahimsa, intellektuelle und religiöse Toleranz ist integraler Bestandteil von Ahimsa. Körperliche Gewalt sowie sprachliche, durch harsche Worte, und gedankliche, negative Gefühle gegenüber einem anderen Menschen, sollen deshalb unbedingt vermieden werden.
Im Jainismus gilt es als falsch, wenn nicht gar gefährlich, die eigenen Ansichten für die einzige Wahrheit zu halten. Anderen Ansichten wird immer ein Wahrheitsgehalt im Sinne von 'auch wahr' zugebilligt. Das Hegen feindlicher Einstellungen gegen andere Menschen, gegen die Auffassungen oder Gedanken Anderer wird als schädlich angesehen.
Selbst in Zeiten der Verfolgung durch andersgläubige Herrscher hielten sie diese Auffassung und Praxis aufrecht und lebendig.


Ahimsa und Furchtlosigkeit


Angst kommt von innen, selten gibt es äußere Anlässe dazu. Die Grundangst ist die vor dem Tod, die Angst, den Körper zu verlieren. Kayotsarga ist eine gute Übung, um die Auswirkungen dieser Angst (Stress, falsches Atmen etc.) einzudämmen und schließlich zu verlieren durch die Erfahrung des stillgelegten Körpers. Die Begegnung mit dem Tod - Kayotsarga als simulierter Tod - beseitigt die Angst davor.

Beispiel für Furchtlosigkeit:
Mahatma Gandhi und die Ziege

Mahatma Gandhi war allein auf einer seiner Wanderungen. Er begegnete einer Gruppe von Dorfbewohnern, die eine Ziege mit sich führten. Er trat den Leuten, welche die Ziege opfern wollten, furchtlos entgegen und forderte sie auf, ihn statt der Ziege zu opfern, denn wenn ihre Göttin Blutopfer wünsche, zöge sie Menschenblut bestimmt Tierblut vor. Sie ließen daraufhin beschämt von ihrem Vorhaben ab.

Angst kann durch Freisetzung besiegt werden. Das Besitzdenken 'das ist meins' – auch dem Körper gegenüber - löst viele Ängste aus. Dieses Denken ist ohnehin illusionär, denn wir sind hier zu Gast und verlassen diese Erde irgendwann wieder.

Für den Aufbau einer gewaltlosen Gesellschaft müssen vorrangig zwei Probleme gelöst werden:

 Machtkonzentration
Reichtumskonzentration

Besonders für uns wichtig, denn wenn wir einige Errungenschaften bereit sind zu teilen, profitieren die ärmeren Länder.

Ahimsa und Achtsamkeit

Ahimsa lehrt uns, mit dem eigenen Leben sowie dem der Tiere und anderer Lebewesen achtsam umzugehen. Selbst wenn wir die Entstehung des Lebens nicht bis ins Letzte genau erklären können, so wissen wir doch, dass es die Fortsetzung einer langwährenden Entwicklung ist. Alles, was diese Entwicklung stört oder zerstört, arbeitet gegen den Grundsatz der Entstehung und Fortführung. Die einzige Handlung, die Ahimsa von uns verlangt, ist die Fortsetzung dieser langwährenden Kontinuität und ihre Bewahrung. Die Aufmerksamkeit für das Leben ist von großer Bedeutung für die Praxis der Ahimsa im Alltag.

Wir müssen uns selbst lehren, gewaltlos zu denken. Anfangs ist dies vielleicht eine bewusste Anstrengung, aber mit der Zeit können wir diese Liebe, Geduld und Achtsamkeit für die Seele entwickeln. Ahimsa als gedankliche Grundlage anzunehmen bedeutet, über Felsblöcke springend einen Fluss überqueren. Diese durch die Achtsamkeit erworbene Qualität bringt uns der Seele näher und damit auch dem Wissen über das Leben.

Es gibt zwei Arten von Gewaltlosigkeit, spirituelle und utilaristische. Die spirituelle Gewaltlosigkeit wird meistens vergessen, sie zählt im äußeren Leben nicht und stellt keinen Wert dar. Utilaristische Gewaltlosigkeit herrscht meistens in Familien oder anderen sozialen Verbänden aus praktischen Gründen, wird aber auch schnell aufgegeben zugunsten eigener Vorteile. Utilaristische Gewaltlosigkeit dient also dem Erreichen egoistischer Ziele.

Spirituelle Gewaltlosigkeit kann nicht mit wissenschaftlichen Instrumenten oder historisch oder gar genetisch erforscht werden. Man muss seine Seele untersuchen, damit man die Identität seines wahren Selbst erkennen kann. Dem Forscher werden dabei all seine gewaltfördernden  Dispositionen enthüllt, woraufhin er versuchen wird herauszufinden, wie diese Dispositionen neutralisiert werden können. Eine derartige Analyse des inneren Selbst ist die Grundlage für die Suche nach der wahren Gewaltlosigkeit, weil die Frage nach Gewalt oder Gewaltlosigkeit - auch wenn sie mit äußeren Faktoren verbunden ist - in ihrer Essenz eine innere Angelegenheit ist.  

Ahimsa und soziales Leben

Ahimsa bezeichnet im Jainismus die universelle Liebe. Zu Mahaviras Zeiten waren Tieropfer üblich, wogegen er sich vehement wandte und den Gedanken der Ahimsa – keinem Lebewesen Schaden zufügen - dagegen setzte. Ahimsa ist im Jainismus das logische Resultat des Gedankens, dass alle Seelen gleichwertig sind. Niemand möchte Schmerzen erleiden oder gequält werden, also behandelt man die anderen wie man selbst behandelt werden möchte. Auf dieser Grundlage entstand die Forderung ‚Leben lassen und leben’. Die Jaina konnten so die Menschen davon überzeugen, dass Ahimsa eine sowohl individuelle als auch kollektive Tugend ist und positive Kraft und kollektive Mahnung gleichzeitig.

Ahimsa wird als die Mutter aller positiven Entschlüsse wie selbst auferlegte Entsagungen, Lerneifer, Gelehrsamkeit, Meditation, Wohlfahrt, Spendenbereitschaft, Almosengabe, Leben nach ethischen Maßstäben angesehen. Für Verbreitung und jahrhundertelange Bewahrung der Ahimsatradition sorgten die Jain Acharyas und Asketinnen und Asketen, die in den sogenannten fünf großen Gelübden geschworen haben, ihr gesamtes Leben lang Ahimsa strikt und in allen Lebenslagen zu befolgen:

Die fünf Gelübde der Asketen

  Ahimsa    Nicht Gewalt antun, schädigen
  Asteya     Nicht stehlen
  Satya       Nicht lügen
  Brahmacharya   Zölibat, Reinheitsgebot
  Aparigraha    Keinem Besitz anhaften

 

Ahimsa und Tierschutz


Das Erste Gelübde des Avashyaka Sutra ist das Gelübde der Ahimsa. Die Rede ist sowohl vom Nichttöten als auch vom Nichtverletzen. Der Jaina Laie entsagt jedwedem "groben" Töten von Lebewesen. Bezüglich der Tiere wird folgendermaßen präzisiert, was keinesfalls getan werden darf: Festbinden, Schlagen, Peitschen, Schneiden, Durchbohren, Überladen, Entziehen von Nahrung und Wasser. Ohnehin kam kein Jain auf den Gedanken, Menschen zu töten oder auch Tiere zu jagen.
Der Avashyaka Sutra ist eine Hymne auf die 24 Tirthankaras und somit entweder schon zu Mahaviras Lebzeiten (ca. 599-527 v. Chr.) oder bis zu 200 Jahre später entstanden.
Tirthankara ( Prakrit: Tirtha = Furt ) bedeutet wörtlich: 'Furtbereiter', der den Weg zeigt, wo der Strom überquert werden kann. Tirthankara werden auch Jina: spirituelle Überwinder, Bezwinger, Sieger genannt, ihre Anhänger daher Jaina.
Die beiden letzten Tirthankaras,  Mahavira (~ 599 v. Chr.) und  Parshvanatha (~850 v. Chr.) gelten als historische Personen; Mahavira als ein Zeitgenosse von Buddha. Das periodische Erscheinen ihrer Vorgänger reicht bis in graue Vorzeit zurück.
Mahatma Gandhi war der Ansicht, dass man eine Nation gemäss ihrer Haltung zu den Tieren beurteilen könnte.


Panjarapols – Pinjrapols - Tierasyle

Tierasyle, Zentren für Tierschutz, sind entstanden in der Folge von Hungersnöten, Dürren und Überschwemmungen zu Tierschutzzwecken, um das Überleben der Tiere zu sichern und die für die Tiere verantwortlichen Familien zu entlasten.
Der indische Kaiser Ashoka (272-231 v. Chr.), der viele Lehren des Jainismus und später des Buddhismus übernahm, hat nachweislich (Inschriften auf Stelen, Gegenstand indologischer Forschung) unter dem Einfluss des Jainismus Tierasyle eingerichtet und den Verzehr von Fleisch verboten.
Der Gedanke zu Tierasylen im Jainismus steht im Zusammenhang mit dem Almosengeben. Ein Teil des Einkommens sollte auch immer für wohltätige Zwecke verwandt werden. Dazu gehören Essenspenden, Unterkunft für Reisende und TIERSCHUTZ.

Panjrapols bestehen schon sehr lange, sind dokumentiert bei Helmut v. Glasenapp, Der Jainismus, S. 335, 1875 von einem Beamten in Ahmedabad, Gujarat, Indien, dokumentierter Bestand des dortigen Tierasyls:

265 Kühe und Ochsen, 130 Büffel, 5 blinde Kälber, 894 Ziegen, 20 Pferde, 7 Katzen, 2 Affen, 274 Hühner, 290 Enten, 2000 Tauben, 50 Papageien, 25 Sperlinge, 33 Gabelweihe und 33 andere Vögel.

Die Tiere wurden entweder von ihren Besitzern in das Asyl eingeliefert oder ihnen abgekauft, was häufig vorkam, wenn Privatpersonen das Schlachten von Tieren verhüten wollten. Häufig erschien auch ein Beamter des Panjrapols auf Tiermärkten und rettete die vorhandenen Vierfüßler nach Maßgabe der Mittel vor dem Tode.
Die Tiere erhielten dort ihr Gnadenbrot oder wurden, wenn sie dort geboren worden waren, ernährt. Sie wurden nicht verkauft und blieben dort bis zu ihrem Tod. Danach wurde der Kadaver dem Abdecker übergeben.

Notizen zum Tierschutz

Tierschützer müssen sich, die Menschen, schützen, wenn sie ihre Arbeit, die Tiere zu schützen, erfolgreich ausüben möchten. Nur wer sich selbst schützen kann, ist auch in der Lage, andere Lebewesen zu schützen.

Die Entscheidung, für den Tierschutz zu arbeiten, hat auch immer mit dem eigenen KARMA und dem der Tiere zu tun. Die Gegner dieser Arbeit rufen karmische Situationen hervor. Man muss sich nun klarmachen, welche Art von Karma (das der Tiere, das der Gegner, das eigene) wirksam wird in der jeweiligen Situation, damit man für einen harmonischen Ausgleich sorgen kann und nicht mit negativen Haltungen reagieren muss.

  
Frieden

Frieden ist die Abwesenheit von Gewalt.

Statt Frieden haben wir neue Kampfplätze, nämlich die Kämpfe der Partner gegeneinander. Was früher auf nationaler und internationaler Ebene ausgekämpft wurde, findet gegenwärtig in den zwischenmenschlichen Beziehungen statt. Im Arbeitsleben werden Menschen so isoliert und diffamiert, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können, sie werden gemobbt, es wird über sie hergezogen und kein gutes Haar an ihnen gelassen. Häufig sind die fähigsten und kompetentesten Mitarbeiter eines Betriebes Opfer von Klatsch- und Tratschsucht, was sie mit ihrer Gesundheit bezahlen.

Der innere Friede muss wieder hergestellt werden. Durch die Meditation lernt man, den inneren Frieden wieder herzustellen und die verschütteten Wege zu Harmonie und Einheit freizulegen.
 
Wir Menschen leben in zwei Welten, unserer Innenwelt und der Außenwelt. Im Laufe des Lebens scheint die innere Welt immer mehr in den Hintergrund zu geraten, die Meditation ermöglicht die erneute Begegnung mit der eigenen Innenwelt. Die Begegnung kann sogar auch etwas stürmisch werden, weil die eventuell zurückgehaltenen Emotionen derartige Stürme erzeugen, dass man meint, beinahe umgeworfen zu werden.

Es gibt keinen äußeren Frieden...

Als Kind fragte ich einmal, wann denn endlich der nächste Krieg käme. Mir war aufgefallen, dass viele Erwachsene, die sonst nicht mehr sehr lebendig wirkten, mit leuchtenden Augen von ihren Kriegserlebnissen berichteten, die meistens von unerwartet herzlichen Begegnungen mit anderen Menschen handelten. Ich nahm daher an, Krieg sei ein sehr belebender Ausdruck von Freundschaft, ich wollte das auch erleben. Erschreckt und verwundert erfuhr ich, dass Krieg Vernichtung und Zerstörung sei. Das stand für mich im Widerspruch mit den leuchtenden Gesichtern.

Seinen eigenen Weg gehen kann manchmal überlebensnotwendig sein, Beispiel Lemminge. Es gibt immer wieder Einzelne, die sich während des Laufens vor dem Abgrund umdrehen und in die entgegengesetzte Richtung rennen, was die einzige Chance zum Überleben ist in dieser Situation.

 

 


Preksha Meditation – Der direkte Weg zu sich selbst

Meditation in der Tradition

In allen westlichen und östlichen Kulturen gab es die Tradition der Meditation. Ziel der Meditation war es über Jahrhunderte hinweg in allen Kulturen, die Grenzen des sinnlich Erfahrbaren zu überschreiten und sich den übersinnlichen Bereichen zu nähern. Lange wurde deshalb angenommen, dass es sich bei der Meditation um ein theologisches Ritual handelt, das nur von wenigen besonders qualifizierten Personen ausgeführt werden darf.

Während sich die mit den Sinnen erfassbaren Phänomene ausschließlich in der Außenwelt ereignen, sieht und erkennt der Mensch in der Meditation seine Innenwelt, bzw. nimmt sie überhaupt erst einmal als real vorhanden wahr.

Schon die körperlichen Vorgänge im Inneren eines Menschen können mit den eigenen Sinnen nicht erfasst werden, viel weniger noch die geistig-seelischen. Auch von außen können sie ohne die Unterstützung hochtechnisierter Präzisionsinstrumente nicht erfasst werden.
Heute wissen wir, dass die Meditation den Menschen zwar in Bereiche führt, die mit den Sinnen nicht erfasst werden können, diese aber von jedem Menschen ohne spezielle Qualifikation wahrgenommen werden können.

Die moderne Meditationspraxis konzentriert den Menschen auf seinen EIGENEN übersinnlichen Bereich, nämlich auf den inneren seelischen Bereich, der mit den Sinnen nicht erfasst werden kann. Durch stetige Meditationspraxis kann aus der Erfahrung der eigenen Innenwelt ein Bewusstsein der inneren Vorgänge entwickelt werden, das die Lebensqualität anhebt.
Meditation gilt inzwischen in der Medizin sowohl als Heilmittel als auch als wirksame Vorbeugung gegen Krankheiten.

Philosophischer Hintergrund der Preksha Meditation

Den philosophischen und theoretischen Hintergrund der Preksha Meditation bilden die Jain Agamas, die heiligen Bücher der Jaina Überlieferung. Sie enthalten u.a. die Lehren des 24. Tirthankaras Mahavira, der ca. 599-527 v.Chr. gelebt und die Grundlagen des in Vergessenheit geratenen Jainismus erneut verkündet hat. Äußerungen zur Meditation finden sich im Acharanga, Sthananga und Uttaradhyyana Sutra der Jaina. Mit der Niederschrift der mündlich verkündeten Lehren Mahaviras wurde ca. 500 n. Chr. begonnen, als wegen einer großen Hungersnot viele Mönche starben und die Überlieferung der Lehren mit ihnen auszusterben drohte.

Preksha Meditation ist also weder eine Überlieferung noch eine im 20. Jahrhundert entwickelte Meditationsmethode, sondern integriert beides.
Aus den Überlieferungen der Agamas und dem aus der Meditationserfahrung entwickelten Bewusstsein entstand unter Einbeziehung der Erkenntnisse der modernen Wissenschaft diese Meditationstechnik.

Ziel ist die Auflösung von Zuneigung und Abneigung und die Erlangung des daraus resultierenden Gleichmuts, der es ermöglicht, alle auftretenden Lebenssituationen zu meistern, ohne ihnen weder zum Opfer fallen zu müssen, noch sie als Täter beherrschen zu müssen.

Zu Beginn des Prozesses des Sehens und Erkennens wird die Seele noch bewegt von Zuneigung und Abneigung, angenehm-unangenehm, mit Fortschreiten der Praxis weicht dies dem Prozess des reinen Sehens und Erkennens. Das daraus entwickelte Bewusstwerden wird zur Grundlage des den Charakter transformierenden Substrats inneren Wissens, welches das Leben in der Außenwelt vereinfacht und erleichtert.

Als praktisches Beispiel kann der Beruf des Bauers dienen.

Durch seine Arbeit auf dem Feld übt er Gewalt auf viele im Boden lebenden Wesen aus. Diese Gewaltausübung ist für sein Überleben und das seiner Familie – im weiteren Sinne auch das vieler anderer Menschen – notwendig. Im Bewusstsein dieser nötigen Gewaltausübung achtet er besonders darauf, keine weitere Gewalt anzuwenden, sei es seinem Vieh oder seiner Familie gegenüber.  


Jaina Meditationstraditionen

Es gibt zwei Meditationstraditionen im Jainismus, eine wissenschaftlich-analytisch orientierte und eine auf die Konzentration des Geistes ausgerichtete. Beide Richtungen basieren auf derselben ethischen Grundlage, der Ahimsa.
 
Die wissenschaftlich-analytisch orientierte Tradition (dharma dhyana) steht in enger Verbindung mit der Suche nach der Realität von Ursache und Wirkung. Sie analysiert den einem Naturereignis zugrundeliegenden Grundsatz und taucht tief in die Essenz des Naturereignisses. Je tiefer das gelingt, desto tiefer ist die meditative Versenkung. Der Meditierende ist wie der Wissenschaftler auf der Suche nach der Wahrheit und taucht dazu tief in die Grundlagen der Realität ein. Die Ergebnisse seiner Meditation liefern nachvollziehbare Erkenntnisse.

Die auf die Kontrolle des unbeständigen Geistes ausgerichtete Meditationstradition (shukla dhyana) erscheint eher unspektakulär, denn die erfolgreiche Kontrolle des individuellen Geistes liefert keine nachvollziehbaren Erkenntnisse. Für den Meditierenden bedeutet das Ruhigstellen des Geistes höhere Konzentrationsfähigkeit und eine erfolgsorientierte Steigerung seiner Lebensqualität und Leistungsfähigkeit.

Gründe für Vergessen der Jain Meditation

Die beiden genannten Meditationstraditionen wurden im Jainismus bis zum Mittelalter gepflegt und kontinuierlich den Gegebenheiten der Zeit angepasst. Danach sank das öffentliche Interesse an ethisch orientierten Meditationsverfahren in Indien, geriet teils auch in Vergessenheit, denn zunehmend machten sich tantrische und magische Einflüsse bemerkbar.
Die auf Naturereignisse oder Kontrolle des Geistes gerichtete Jain Meditationspraxis geriet in Vergessenheit.

Die beiden beschriebenen Meditationstraditionen sind in die Preksha Meditation eingebunden und den Gegebenheiten der heutigen Zeit entsprechend weiterentwickelt worden. Mitte des 20. Jahrhunderts stieg nach der atomaren Vernichtung Hiroshimas und Nagasakis (1945), der Unabhängigkeit Indiens (1947) und der Deklaration der Menschenrechte (1948) das Interesse an ethisch orientierten Meditationsverfahren und die Nachforschungen in den alten Schriften wurden wieder aufgenommen.

Anuvrat Bewegung und Preksha Meditation

Die Preksha Meditation ist aus der sogenannten ‚Anuvrat’ Bewegung hervorgegangen, die am 1. März 1949 gegründet wurde. Anuvrat heißt 'kleines Gelübde' im Doppelsinn von ‚atomar [kleines] Gelübde’, nämlich sowohl als Hinweis auf die atomare Bedrohung als auch als Anspielung auf die atomar winzig anmutende Dimension des Individuums im Hinblick auf die Weltlage, denn die Anuvrat Bewegung zielt auf die ethische Verantwortung des Einzelnen für das, was auf unserem Planeten getan werden kann oder sollte, damit der Lebensraum für alle Lebewesen gewahrt bleibt. Es sollen 'kleine Gelübde' für den Alltag in Beruf, Ausbildung etc. abgelegt werden, die so formuliert werden sollen, dass der Gelobende sie auch einhalten kann und will.
 
Ziel der Gelübde ist die Realisierung einer gewaltlosen multikulturellen Gesellschaft, die nach Ansicht der Gründer nicht ohne die Transmutation des Menschen erreicht werden kann. Die Preksha Meditation wurde später als Methode zur Transformation der negativen Emotionen und Impulse im Menschen entwickelt, damit sich Frieden und Harmonie in Haus und Beruf ausbreiten können, Zurückhaltung in Besitzanhäufung und Konsum geübt werden kann und gestellte Aufgaben mit Sorgfalt und Selbstvertrauen erledigt werden können.

[Die Gelübde beinhalten:

Umweltschutz (sowenig wie möglich zur Umweltverschmutzung beitragen)
keine Gewalt
Aufrichtigkeit im Geschäftsleben
Leben ohne Drogen (Alkohol, Nikotin, Heroin etc)

Gelübde für Schüler und Studenten, Lehrer, Geschäftsleute, Büro- und Behördenangestellte, Arbeiter, Bauern und auf internationaler Ebene.]

Entstehung der Preksha Meditation

Die PM steht für die Abkehr von rituellen Handlungshülsen und integriert die Spiritualität als Grundlage ethischen Handelns in den modernen Alltag. Die Preksha Meditation entwickelt den Anuvrat Gedanken ethischen Handelns im sozialen Kontext weiter mit dem das Individuum ansprechenden Grundgedanken, nur in einem spirituellen Menschen kann die Ethik zur Blüte kommen.

1966  erstes 21-tägiges Preksha Camp in Delhi Merauli, Adhyatma Sadhna Kendra, unter  Leitung von Muni Nathmal, heute Acharya Mahaprajna.
Dauer und Methode unterschieden sich von allen bisherigen Camps.

Treffpunkt von Spiritualität und Ethik:
 Studium spiritueller Bücher
 Diskussionen über geistigen Frieden (mental peace)
Überlegungen zu spirituellen Experimenten über die aktuellen Probleme in der Welt  [Spirituelle Problemlösungsvorschläge]
 Intellektuelle Welt in Aufruhr
 Preksha Meditation und Studium als integraler Bestandteil der Anuvratbewegung

Methode und Vermittlung der Preksha Meditation wurden erst im Anschluss an dieses Camp 1966 unter Einbeziehung der Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften, insbesondere Anatomie, Endokrinologie, Hirnforschung und Psychologie, erarbeitet. Sie wird ständig weiter entwickelt und verfeinert sowie wissenschaftlich begleitet.

Außenwelt und Innenwelt

3 Handlungsebenen des Menschen:

Geist
Sprache
Körper

Lebensaktivität wird auf diesen 3 Ebenen ausschließlich für die Außenwelt verausgabt:

zu viele Gedanken
zu viele Worte
zu viele Aktivitäten

Keine Lebensenergie mehr für die Innenwelt

Verzicht auf jede Aktivität in der Preksha Meditation:

nicht denken
nicht sprechen
nicht bewegen

ABER:

Das Selbst mit dem Selbst sehen
Das Selbst mit dem Selbst erkennen
Das Selbst mit dem Selbst wahrnehmen
 

Nicht-Handeln als Realisierung der Innenwelt verstehen

Handeln in der Außenwelt ist für jedes Lebewesen überlebenswichtig.
 
Für unser Überleben in der Innenwelt ist der Kontakt zu uns selbst und die Entwicklung einer Kultur des Umgangs mit uns selbst erforderlich, sonst droht uns die Entfremdung gegenüber der eigenen Seele.

Gedanken, Sprache und Körper dienen meistens dem Kontakt und der Kommunikation mit der Außenwelt.
In der Preksha Meditation nehmen wir Körper, Sprache und Gedanken von innen wahr.

 

Wirkungsbereiche der Preksha Meditation – Die 7 Daseinsebenen

Unser Dasein enthält sieben Grundebenen:

• Körper
• Atem
• Lebensenergie
• Geist
• Psyche
• Emotionen
• Psychische Farben (innen) – Aura (außen)

Preksha Meditation bringt sowohl die Erfahrungen als auch die nötigen Veränderungen auf all diesen Ebenen, das Leben wird mit Sinn erfüllt und gewinnt an Qualität.

Allen 7 Ebenen liegt Atma, die Seele, zugrunde und beeinflusst alle. Über diese Ebenen kommuniziert die Seele mit dem Körper und der Außenwelt.

Preksha Meditation: preksha, Sanskrit, bedeutet wörtlich: sehen, schauen. Dabei handelt es sich nicht um das Sehen mit den physischen Augen, sondern um das Erkennen. Das Wahrnehmen ist Teil unserer Lebensenergie, geschieht aber meistens ohne unsere Aufmerksamkeit.

Doch 'dhyan' heißt Konzentration, Meditation ist Konzentration des Geistes auf die Psyche, auf das Wahrnehmen der Psyche. Während der Geist sonst auf das Denken und Planen konzentriert ist, wird er hier auf die Wahrnehmung fokussiert.
Wahrnehmung des eigenen Selbst, Konzentration auf das Selbst.

Das Eingangsmantra zur Meditation wird in Prakrit zitiert, einer altindischen Volkssprache:
‚Sampikae Apaga Mappa Enam’

Bedeutung:
Das Selbst mit dem Selbst sehen,
Das Selbst mit dem Selbst erkennen,
Das Selbst mit dem Selbst wahrnehmen

Wir können unser Selbst auf allen 7 genannten Ebenen wahrnehmen, denn die Konzentration auf das eigene Selbst geschieht durch die Wahrnehmung einer der 7 Ebenen.

Atma – die Seele - ist eine reale Existenzebene, die Kraft des Bewusstseins. Der Körper ist nicht das Selbst, sondern das Selbst manifestiert sich im Körper und wirkt auf ihn ein.

Das Selbst soll von den emotionalen Prozessen der Zuneigungen und Abneigungen befreit werden.
Kein Ärger, keine Wünsche, einfach das reine Selbst in seiner reinen Existenz wahrnehmen. Damit befreien wir es von früheren Kontaminierungen, genannt Karma. Karma ist eine mit der Seele verbundene Energieform, die ihre Daseinsfreiheit einschränkt.

Karma entsteht durch die Reaktionen der Seele auf die durch Zuneigung und Abneigung generierten Emotionen. Die Psyche als Hauptfaktor in unserem Dasein wird durch die Preksha Meditation gestärkt und widerstandsfähig gegen alle möglichen Wechselfälle des Lebens. Wir unterliegen häufig den äußeren Einflüssen auf unser Leben, was uns daran hindert, unsere Kräfte und Möglichkeiten zu realisieren und uns für das einzusetzen, was wir sinnvoll und richtig finden. In der Preksha Meditation entwickeln wir unsere potentiellen Fähigkeiten und können sie nutzen.

Dauerhafte Gesundheit erlangen wir auf allen 7 Ebenen durch stetige Preksha Meditation Praxis. Je mehr wir die Freiheit unserer Seele als Ausdruck unseres Daseins verstehen, desto gesünder sind wir auch. Es besteht ein Zusammenhang zwischen karmischen Kontaminierungen und Krankheit.

Durch stetes Praktizieren der Preksha Meditation erlangen wir Gleichmut. Gleichmut ist der ursprüngliche Zustand der Seele.

Gleichmut hilft bei der Bewusstseinsbildung, bzw. dabei, in neuen Situationen das zugrundeliegende Prinzip erkennen und in ihnen handlungsfähig sein zu können. Zorn oder Wut beeinträchtigen unsere Erkenntnis- und Handlungsfähigkeitfähigkeit, wir können nur noch gemäss unseren Impulsen REAGIEREN statt ruhig zu AGIEREN.

[Beispiel aus der Mahabharata: Rama und Zita im selben Garten, er sah ein Feld mit roten Blumen, sie mit weißen, er war noch zornig, sie gleichmütig]

Jeder Mensch hat außer intellektuellen und utilitaristischen Unterschieden (geistige Ausstattung und Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen) die gleichen existenziellen Kapazitäten, die 7 Daseinsebenen, da bildet die gesamte Menschheit ein Ganzes.
 
Mit den Tieren haben wir außer dem Geist 6 Daseinsebenen gemeinsam!
[Geist meint die Fähigkeit, ein Bewusstsein von sich selbst und vom Dasein zu entwickeln]

 

Kayotsarg - Erste Phase : Preksha Meditation ca. 10-15 Min.
voller Durchgang ca. 45 Min.

Vorbereitung des Körpers auf WAHRNEHMUNGS Meditation

Wahrnehmung nur möglich, wenn Spannungen aufgelöst sind

Überaktivität und Schnelllebigkeit der Zeit verbrauchen zuviel Lebensenergie

Ka   Körper
yotsarg  aufgeben
Körper aufgeben, Simulation des Todes

Beständigkeit der Körperhaltung, 'Sitzen wie eine Statue'

physische, emotionale oder mentale Aktivitäten produzieren Spannungen

Spannungen sollen aufgelöst werden, Spannungen gesundheitsschädlich

Reihenfolge: Rechter großer Zeh... etc

Der Körper wird nach und nach in aufsteigender Reihenfolge wahrgenommen, wobei die volle Aufmerksamkeit sich auf den jeweiligen Teil des Körpers richtet, und dieser stillgelegt wird.

Vibrationen oder Sensationen (Empfindungen) werden wahrgenommen
Ziel ist das gleichmütige Wahrnehmen und Überwinden schmerzender Beine, Füße etc.
wir entspannen die jeweiligen Körperteile, indem wir der vorgesprochenen Reihenfolge nachgehen und uns entspannen

Die Seele ist eine selbständige Einheit und vom Körper verschieden, aber mit ihm verbunden. Über den Körper ist der Kontakt mit der Seele möglich.
 
Kayotsarg Erlebnis des Getrenntseins von Körper und Seele
Seele im natürlich reinen - von Empfindungen und Wertungen ungetrübtem - Zustand frei von Karma.

Der unruhige Geist kann durch Kayotsarg zur Ruhe gebracht werden. Körperliche Unruhe der Muskeln, Nerven und die Aktivität des Geistes erzeugen Spannungen. Körper wird stillgelegt. Physische Funktionen und Bewegungen werden reduziert.

Wissenschaftliche Beschreibung:

Nervensystem Motor der Körperfunktionen, Überaktivität eines Nervensystems häufig Ursache für Krankheiten
Sympathisches und parasympathisches Nervensystem arbeiten ausgeglichen zusammen

Sympath. Nervensystem dominiert in physischen und psychischen Stresssituationen, Stoffwechselprozesse haben katabolen Charakter, Körpersubstanz abbauenden.
Sympathisches Nervensystem weniger Aktivitäten, kommt zur Ruhe.

Parasympathisches NS dominiert, wenn man ruhig und entspannt ist.
Stoffwechselprozesse haben anabolen Charakter, Körpersubstanz aufbauenden:

Atemfrequenz wird gesenkt
Muskelaktivitäten sinken
Blutzuckergehalt sinkt
Herzschlag wird langsamer
Folgen des stressigen Lebensrhythmus werden gemildert
sympathisches Nervensystem wird dominanter, emotionale Turbulenzen werden beruhigt

Rückkehr zur wahren Natur (Gleichmut) des Selbst wird möglich

Identifikation mit dem Körper wird als Illusion erkannt, Körper als Tempel der Seele
tgl. Kayotsarg beruhigt Nerven, parasympathisches und sympathisches Nervensystem ausgeglichen und arbeiten harmonisch zusammen, Wohlbefinden ist die Folge, mehr Alphawellen werden produziert

Metabolismus (Stoffwechsel) wird gesenkt 

Geringer Sauerstoffverbrauch, Körper sehr entspannt, Energie wird 'aufgeladen'
weniger Muskelaktivitäten, keine Energieverschwendung durch ständige An- und Entspannung der Muskeln (Folge des schnellen Lebensstils)
Wachsamkeit, Aufgewecktheit wird erhöht, intellektuelle Fähigkeiten werden dadurch vergrößert PRANA wird nicht in sinnlosen Aktivitäten vergeudet, sondern sinnvoll und zielgerichtet für bewusste Aktivitäten verbraucht.
Wissen über das Leben und Verständnis für das Leben wachsen, 'Lebensklugheit'

 

Innere Reise - 2. Phase der Preksha Meditation

Dient dazu, tiefer in das Bewusstsein einzutauchen.
Konzentration auf das untere Ende der Wirbelsäule, psych. Zentrum der Energie
dann die Wirbelsäule hinauf bis zum höchsten Punkt des Schädels, psych. Zentrum der Weisheit

Es gibt beinahe unzählig viele psychische Zentren im Körper, in der PM werden 13 als wichtig erachtet:

Zentrum der Energie - Ende der Wirbelsäule - Keimdrüsen
Zentrum der Gesundheit - Handbreit über dem Steißbein - Keimdrüsen
Zentrum der Bio-Elektrizität - Nabelhöhe - Nebennieren
Zentrum der Seligkeit - Nahe dem Herzen - Thymus
Zentrum der Reinheit - Kehle - Schilddrüse
Zentrum der Enthaltsamkeit - Zungenspitze - Geschmackssinn
Zentrum der Lebensenergie - Nasenspitze - Geruchssinn
Zentrum des Sehens - Augen - Sehsinn
Zentrum der Wachsamkeit - Ohren - Hörsinn
Zentrum der Intuition - Mitte der Augenbrauen - Hirnanhangdrüse
Zentrum der Erleuchtung - Mitte der Stirn - Zirbeldrüse
Zentrum des Friedens - Ende der Stirn, Haaransatz - Hypothalamus
Zentrum der Weisheit - Höchster Schädelpunkt - Cerebraler Kortex


Psychische Zentren sind Berührungszentren zwischen dem grobstofflichen und dem psychischen Körper, also zwischen der grobstofflichen und der feinstofflichen Energieebene sowie dem limbischen System.

Ständiges Hinauf- und Hinabgehen die Wirbelsäule hinauf und hinunter, das zentrale Nervensystem hinauf und hinunter. Mehrmalige Wiederholungen. Konzentration auf Wirbelsäule und Gehirn. Vitaler Energiefluss wird wahrnehmbar. Dazu wird der Atem mit der Auf- und Abwärtsbewegung synchronisiert.

Einatmen abwärts, anhalten, ausatmen aufwärts.

Wahrnehmen der Vibrationen und Empfindungen in der Wirbelsäule.

Wahrnehmen der vitalen Energien im Körper, des Prana. Mit zunehmender Praxis können diese subtilen Vibrationen wahrgenommen werden.

Wissenschaftlicher Hintergrund aus biologischer, anatomischer Sicht:

Nervensystem ist das wichtigste System im Körper, weil das Atmungs- und Verdauungssystem vom Nervensystem kontrolliert wird. Das Zentrale Nervensystem liegt in Wirbelsäule und sorgt für die Verbindung zwischen dem Gehirn und den anderen Teilen des Körpers.

Sensorisches und zentrales Nervensystem beherrschen den Körper.

Innere Reise sorgt für Ausgleich und Harmonie im zentralen Nervensystem. Willkürliche und unwillkürliche Bewegungen. Autonomes Nervensystem managt Willenskraft und Konzentration.

Durch Kommunikation mit dem Nervensystem wird eigene Veränderung ermöglicht.

Strom der Lebensenergie, Wissenschaft vom Prana:

Auch der wird von Wirbelsäule und Gehirn gemanagt. Idar und Pingula, links und rechts der Wirbelsäule, Shushumna. Wird das Bewusstsein auf Shushumna konzentriert, harmonisieren sich die Energieströme von Idar und Pingula. Das Selbst kontrolliert beide ohne Beteiligung unserer Aufmerksamkeit. Reguliert man den Strom durch Konzentration, erlangt man seelisches Gleichgewicht, das für Ausgeglichenheit und Harmonie im Leben sorgt. Innere Gelassenheit gegenüber allen äußeren Einflüssen des Lebens wird erreicht.

Die Aufmerksamkeit wird auf die inneren Vorgänge gelenkt, die äußeren Vorgänge stehen nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit, karmische Bindungen werden durch Ausgeglichenheit der inneren Existenz aufgelöst und auch schwierige Lebenssituationen werden besser bewältigt. Die Kontroversen der äußeren Welt sind nicht mehr wirksam, Zu- und Abneigung schwinden, womit auch die karmischen Auslöser verschwinden.

Realistische Weltsicht ist die Folge.

 

Wahrnehmung des Atems – Dritte Phase der Preksha Meditation (PM)

Atmen ist Leben. Ohne Nahrung kann man einen guten Monat überleben, ohne Wasser eine knappe Woche, ohne Atem nur wenige Minuten. Unser Leben sowie jede Lebensaktivität ist mit dem Atem verbunden. 'Atmen ist Leben', dieser Aphorismus drückt aus, dass unser Leben vom Atem beherrscht wird.

In der PM wird großes Gewicht auf das richtige Atmen gelegt als Merkmal für Gesundheit und Zufriedenheit im Leben. Sauerstoff wird in Lebensenergie umgesetzt durch den Prozess des Atmens. Unzureichende Sauerstoffzufuhr und daraus resultierende schlechte Blutzirkulation verursachen viele gesundheitliche Probleme wie unzureichende Funktion der inneren Organe, Stoffwechselstörungen und dergleichen. Erschöpfungszustände und die Schwächung des Immunsystems sind die Folgen.

Ca. 23.000 Atemzüge täglich, durchschnittlich 1-0,5l Volumen, kann durch Aufmerksamkeit und Konzentration auf bis zu 4-5l erhöht werden. Langsames und tiefes Einatmen können die ca. 10-15 Atemzüge auf 5-7 Atemzüge senken, das Herz wird entlastet.

Ein- und Ausatmen erfolgt unter Einbeziehung des Zwerchfells, Ein-> Heben, Aus -> Senken. Vollständiges Ausatmen ermöglicht optimales Einatmen und  größeres Volumen bei der Aufnahme.
 
Die Kapazität des eingeatmeten Luftvolumens entspricht der vitalen Kapazität. Wer die richtige Atemtechnik erlernt hat, kann sie überall praktizieren und sich durch richtiges Atmen auch schneller wieder ins Gleichgewicht bringen bei Störungen durch äußere Einflüsse. Das erhöht die operationale Effizienz und die Konzentrationsfähigkeit.

Jeder von uns verfügt über positive und negative Tendenzen. Wir sollten beide wahrnehmen und ausbalancieren. Über die Wahrnehmung des Atems gehen wir einen Schritt auf diesem Weg.

Atmet man durch die linke Nasenhöhle ein, wirkt das kühlend auf das Körpersystem und aktiviert die rechte Hirnhälfte. Das parasympathische Nervensystem ist mit der linken Nasenhöhle verbunden, seine Aktivierung betont Minderwertigkeitsgefühle.

Atmen wir über die rechte Nasenhöhle ein, wird das Körpersystem erwärmt und die linke Hirnhälfte aktiviert. Das sympathische Nervensystem ist mit der rechten Nasenhöhle verbunden, seine Aktivierung betont Überlegenheitsgefühle. Harmonisiert werden beide durch Abwechseln der Seiten und die Wechselatmung. Tagsüber wird mit der linken Nasenhöhle begonnen, abends mit der rechten.

Um die Wahrheit erfassen zu können, müssen wir die Tatsache anerkennen, dass wir in zwei Welten leben, in der Welt des Körpers und in der geistig-seelischen Welt. Die Außenwelt bietet uns keinen Schutz gegen die Härten des Lebens, den kann uns nur ein ausgeglichenes Selbst gewähren.

 

Wahrnehmung des weißen Lichtes - vierte Phase der PM

Zur Meisterung negativer Emotionen ist das Zentrum der Erleuchtung in der Mitte der Stirn besonders wichtig.

Dort kann auf die Generierung der Emotionen eingewirkt werden.
 
Im Zwischenhirn ist der Sitz der Impulse und Emotionen mit dem Hyppocampus als Zentrum des limbischen Systems, der über Nervenfaserbahnen mit dem Hypothalamus verbunden ist, der unter anderem für das Gefühlsleben verantwortlich ist. Angst, Sorge und Ärger werden hier generiert.
Autonome – unwillkürliche - Reaktionen des Nervensystems werden ausgelöst, wenn wir Stress oder Druck ausgesetzt sind.

Wir entlasten unser limbisches System, wenn es nicht irrational reagieren muss und unser cerebraler Kortex schneller handelt als unsere animalischen Impulse auf die Reize der Außenwelt reagieren können. Wir handeln dann im Einklang mit uns selbst und wissen, was wir tun.

Weiße Farbe wirkt beruhigend auf das limbische System.

Zum Ende der Meditation wird weiß visualisiert in der Mitte der Stirn, im Zentrum der Erleuchtung. Assoziationen mit dem Vollmond oder schneebedeckten Gipfeln des Himalaja rufen die weiße Farbe hervor und wirken so beruhigend.
 
Positive Einstellungen werden wirksam und keine reaktiven Impulse. Zorn, Furcht und Aufregung können gemeistert werden.
 
Diese Konzentration mag anfangs noch nicht jedem gelingen, wird aber durch wiederholte Praxis und beständiges Wiederholen immer stärker.

 

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