Die Verwandlung des Königs und der Alchemist von der Pfaueninsel
Ann McCoy
15.01.2008
Jeder Wandlung wohnt ein Zauber inne - Die New Yorker Künstlerin Ann McCoy malt moderne Märchen
Vor über 30 Jahren zeigte ein russischer Prinz der Künstlerin Ann McCoy die Berliner Pfaueninsel. Ob sich die DAAD-Stipendiatin in den romantischen Stadtführer verliebte, ist nicht bekannt. Aber die kleine Insel inmitten der Havel hatte es ihr angetan.
In der Ausstellung "Die Verwandlung des Königs und der Alchemist von der Pfaueninsel" malt die Künstlerin traumtänzerisch schön die Geschichte des Alchimisten Johann Kunckel aus, der im 17. Jahrhundert auf der Pfaueninsel nach dem "roten Glas" suchte.
RBB Kulturradio Berlin vom Samtag, 19.01.2008, 9:45
PFAUENINSEL
Im Zeitalter des endlosen Winters war die Sonne eine bleiche Erinnerung im Himmel und dunkle Wolken verschleierten die Palaeste des Ostens und des Westens.
Die Kreuzzüge des Ostens hatten die Armen des Koenigreichs erschöpft. Im weißen Palast des Westens waren die Körper der Gefallenen an der Wand gestapelt und über die weißen Marmortreppen goss das Blut. Fette schwarze Krähen blähten sich auf Leichen junger Männer und der Gestank wurde unerträglich. Der endlose Krieg hatte einen endlosen Nachschub toter Soldaten erzeugt. Im Osten eilte man die jungen Mohren in ihre Gräber: ihrer Religion entsprechend, Haufen verschleierter Körper, begraben neben denen der alten Krieger in ummauerten Friedhöfen.
Die Offiziellen schenkten dem keine Aufmerksamkeit. Es waren die Menschen außerhalb der Mauern, deren Niedergeschlagenheit mehr und mehr zunahm. Während die Söhne der Armen tot und entstellt von den Kreuzzügen zurück kamen, fiel das Königreich in eine dunkle Stimmung. Der Gestank wurde schlimmer und schlimmer, die Geier und Krähen saßen auf den Mauern der Stadt, Mütter weinten um ihre toten Söhne, wie sie es seit Jahrhunderten taten.
Die Männer des Koenigs stapelten die Münzen in den Kontoren. Ölfässer und Gold füllten die Schatzkammern des Ostens. Beide, ferne Länder und das Koenigreich waren geplündert und Koenig und Hof wurden jeden Tag reicher. Es ist eine alte Geschichte; ein alter Koenig, zählt sein Geld im Palast, während sein Land ausblutet und die Bewohner verzweifeln. Es gab keine gute Königin, die in der Kapelle für die Seele des Koenigreichs betete.
Der Koenig war ein Feigling und hatte sich als junger Mann geweigert in den Kampf zu ziehen; er hatte andere seiner statt in den Tot geschickt. Jedoch trug er militärisches Zeug und marschierte auf den Planken Königlicher Schiffe. Am Tag als der Koenig im Kampfanzug durch die Stadt marschieren sollte, fiel er zu Boden: Er schwill wie eine Laus, sein Kopf die Grosse einer Melone und er konnte auf seinen geschwollenen Beinen nicht länger stehen. Sein fiebernder Wahnsinn war allen offensichtlich. Ärzte aus allen Koenigreichen wurden gerufen, den König zu heilen da keine der Königlichen Ärzte ihm helfen konnten. Nach dem jeder bekannte Arzt probiert wurde und versagte, wurde der Alchemist Johaan Kunckel und sein weiblicher Assistent Gräfin von der Kammerherren gerufen. Jener Alchemist und sein weiblicher Partner heizten den Schmelzofen in ihrer betenden Einsamkeit.
Kunckel hatte ein geheimes Labor auf der Pfaueninsel. Er war bekannt für seine Heilmittel und für das Erzeugen rubinen Glases. Seine Glaserei lag abgelegen, um das Verfahren geheim zu halten und keinem Besucher war es möglich an der Insel anzulegen. Das Labor war als Ort der Seelenheilung und der Rubinglaserzeugung von Gräfin und Kunckel erbaut worden. Die Schmelzöfen brannten gleichmäßig dank großen Aufmerksamkeit. Die Insel war friedlich und im Garten streunten Hasen und Pfauen.
Der Körper des Koenigs wurde auf ein Schiff verladen und zu Kunckels Labor auf der Pfaueninsel gebracht. Eine lange Barke trug den geschwollenen Körper des Koenigs in seinem bleiernen Sarg. Wiederholt schrie er: Der mich rettet, wird mein Königreich erben. Seine Verzweiflung wuchs. Im Dunkel der Nacht landete sein Boot an der Insel. Kunckel begann seine Schmelze mit Buchenholz zu feuern. Gräfin blies Wind in die alchemische Schmelze mit Blasebalken. Der Koenig wurde auf einem Brett getragen und in die Schmelze gelegt.
Auch den Körper des Koenigs aus dem Osten brachte Kunckel herein. Der Mohrenkönig war in einen ähnlichen Zustand verfallen, er war schwarz wie Pech und musste in einem Bleisarg getragen werden. Die Mohren waren die Erbfeinde des Koenigreichs. Die königlichen Truppen waren im Osten gewesen, gegen die Mohren kämpfend, im großen endlosen Krieg. Auch der Koenig der Mohren wurde von Kunckel in den Ofen gelegt. Koenig und Mohr wurden drei Tage gebacken. Als die Öfen sich öffneten wurden zwei Haufen Asche in den Schmelzen gefunden. Kunckel nahm die Asche und vermischte sie im Moerser und zerrieb sie mit dem Stößel. Gräfin gab heiliges Wasser aus der Kapelle der Insel hinzu.
Die Asche wurde mit der schwarzen Flüssigkeit gemischt, die in die Pfanne am Boden der Schmelze gesickert war. Kunckels Glaserei benutzte Gold in seiner kleinsten molekularen Struktur ,um blutrotes Glas herzustellen. Diese Vereinigung von schwarzer Essenz und Asche wurde in einen roten Glasbecher gegossen und in die Sonne gestellt. Schwarze Krähen begannen aus der schwarzen Flüssigkeit in die Bäume zu fliegen. Die schwarze Flüssigkeit aus Koenig und Mohr verdickte sich und wurde dann in eine Pfanne gegossen und in einem langsam brennenden Ofen aus Backstein gelegt. Die Flüssigkeit verdunstete und der Teig begann die Form eines zweiköpfigen Mannes anzunehmen. Kunckel und sein weiblicher Lehrling beteten Tage neben dem Ofen. Als der Ofen geöffnet wurde erschien ein Unipedes, ein Einfüßer, mit zwei Köpfen. Ein Kopf war der Koenig, einer war der Moor. Die beiden Köpfe sahen sich an und riefen: Wir sind eins. Der Unipedes ist wie eine Münze; der dunkle Bruder und wir ,sind dieselbe Münze, nur verschiedene Seiten. Wir projizieren unser Böses aufeinander. Diese Projektion muss weichen, sodass der Prozess weitergehen kann.
Das Unipedes kämpfte mit dem Gehen auf der Insel und setzte sich auf einen Stein, weinend auf das Ufer blickend. Die beiden Königlichen Schiffe saßen am Kai, aber jetzt würden sie nie zu ihren verschiedenen Koenigreichen segeln. Mohr und Koenig waren in ihrer Trauer verbunden. Kunckel kam und führte das Unipedes in sein Labor. In Kunckels Haus sahen sie einen Tisch mit einem großen roten Reagenzglas. Ihre Tränen wurden im Reagenzglas gesammelt und über einer Flame erhitzt. Im roten Licht begann eine kleine Frau im Reagenzglas zu wachsen. Das Unipedes weinte weiter bis all die Tränen das Glas füllten. Das Unipedes fiel zu Boden, eine leere Haut. Kunckel kehrte die leere Haut auf und warf sie in das Feuer.
Die Flüssigkeit der Tränen und die kleine Frau wurden neun Tage in einem hochkantigen Tonofen gelegt. Als der Ofen geöffnet wurde, erschien ein roter Mann. Er kroch aus dem Ofen und stand nackt, ein schöner Junge. Kunckel ließ Gräfin für diesen jungen roten Prinzen ein Königliches Kostüm schaffen aus Gold und roter Seide. Der Prinz spazierte über die Insel, das Schloss und die Gebäude erforschend. In einem Hain entdeckte er einen kleinen, der Venus gewidmeten Tempel. Ein roter Vogel ließ sich auf seiner Schulter nieder und forderte ihn auf den Tempel zu betreten. Drinnen fand er eine schlafende weiße Königin kalt wie Eis auf einem Stück Marmor. Sie hatte seit Jahrhunderten geschlafen und war in griechische Roben gehüllt. Als sie ihn küsste, erwachte sie und ihr Körper begann sich zu röten. Blut schoss durch ihre Venen und er erkannte sie als die kleine Frau aus dem Glas des Alchemisten. Auf dem Boden des Venustempels schliefen Priester und Ritter. Sie erwachten, stolperten aus der Gruft, ihre Augen vom Angesicht der nackten leuchtenden roten Königin schützend.
Sie rannten in den Wald. Die Venuskönigin erzählte dem Prinz von ihrem langen Schlaf durch die Jahrhunderte. Sie war in einen tiefen Schlaf gefallen, als jene Männer, die ihn ihrer Gruft geschlafen hatten ihre Tempel zerstörten.
Die neugerötete Königin und der Prinz gingen in den Wald der Insel bis sie an einen Brunnen kamen. Der rote Vogel hieß sie ein Bad nehmen. Nackt badeten sie im Brunnen und begannen rot ihm Sonnenlicht zu leuchten. Sie tauchten in die Wasser und tranken vom Brunnen. Ihre Körper waren jugendlich und gleichten einander wie ein Bruder und Schwesterpaar. Der Prinz hielt ihre linke Hand in seiner Linken und bat sie um die Hochzeit. Eine weiße Taube schwebte vom Himmel herab und flog um den Brunnen. Während sie vom Brunnen tranken wurden sie zueinander geführt, in einer dem Koenigreich unbekannten Leidenschaft. Es war eine Vereinigung sogleich heilig als auch gewalttätig, gleich zwei Wölfen sich dann, in zwei Pfaue verwandelnd. Die Wasser des Brunnens flossen rot und glitzerten im Sonnenlicht.
Prinz und Königin schlenderten über die Insel, Leitern erklimmend und Früchte von den Bäumen pflückend. Die Körbe voller Früchte wurden auf die zwei geankerten Schiffe der toten Könige geladen und nach Ost und West verschifft. Sie trugen Bottiche mit rotem Wasser des Brunnens zusammen und füllten es in rote Gläser als Fracht zu den Völkern, leidend im ständigen Krieg. Rote Vögel wurden geschickt um zu singen. Gebete des Alchemisten Kunckel und der Gräfin waren Teil der Ladung. Es ist diese rote Flüssigkeit, Vögel, Gebete und Frucht, die in den Zeiten des Krieges am nötigsten sind. Alte Könige müssen sterben und durch neue ersetzt werden, Tänze zu uralten Göttinnen aufgeführt werden, sodass die Felder neue Früchte hervorbringen.
Jetzt war es Zeit eine königliche Hochzeit zu planen. Zusammen mit Kunckel und Gräfin trat das Paar in den Rosengarten. Nur ein wiedergeborener König der sich Tot und Verwandlung unterzogen hat, möge den Garten in Begleitung seiner Königin betreten. Die Königin übergab dem Prinzen die Schlüssel zum Garten und das königliche Paar und Kunckel und Gräfin traten ein. Sie gingen in den großen Kreis und saßen zwischen roten und weißen Rosen, Während die Rosenbüsche goldene Münzen abwarfen. In der Mitte des großen Kreises zogen sie einen zweiten Kreis für ihren Hochzeitspavillion. Die Sonne fiel auf die Münzen und spiegelte die Strahlen zurück in die Himmel. Die Münzen begannen sich zu vermehren.
Um ein Pavillon zu bauen würde man neue Architektur und einen neuen Architekten brauchen. Das Gebäude muss einer Vision entspringen, dem Traum eines Architekten. Boten wurden in die vier Himmelsrichtungen gesandt um solch einen Erbauer zu finden. Schließlich fand sich ein Architekt aus Indien. Ein Kreis wurde in einem Viereck gezogen und vom Schutt gereinigt. Goldene Münzen, Diamanten und Federn roter Vögel wurden mit Rosenblüten aus dem Garten in den Kreis gelegt. Die beiden Paare saßen auf dem Boden und Kunckel und Gräfin beteten, um die roten Vögel aus dem Himmel herab zu holen. Weißer Schnee begann zu fallen und die Gärten wurden von sanften weißen Flocken bedeckt. Ruhe legte sich über die Insel und es herrschte eine friedliche Stille.
Der Architekt ging in Kunckels Glaserei. Hunderte Scheiben roten Glases wurden hergestellt. In der Mitte des Gartens wurde ein kreisrunder Pavillon erbaut mit Palmen und Rosen und hunderten von Pfauenpaaren. Vor dem Pavillon stand eine weiße Burg mit einem männlichen und weiblichen Turm. Die beiden Türme waren durch eine Brücke verbunden. Der rote Prinz und die Königin trafen sich auf der Brücke und von unten betrachteten die Besucher wie sie sich umarmten. Jene die den Gartenpavillon betraten mussten allen Hass, alle Angst und Eigensucht aufgeben und im Gebet und mit Vergebung kommen. Jeder Besucher wusch die Fuße seines Bruders und seiner Schwester und trocknete sie mit Blütenblättern des Gartens. Danach grüsste jeder Gast das Göttliche im Anderen und verneigte sich. Jeder Anwesende machte ein Versprechen der Vergebung, Während sie in das Gebäude eintraten. Im roten Glashaus gab es weder Dunkel noch Licht, nur Wärme und Eros. Der rote Prinz erschien, die Königin zu heiraten, Göttin des Himmels und der Erde. Kunckel und Gräfin bauten einen roten Pavillon um die Rückkehr erotischer Leidenschaft, göttlicher Liebe und mystischer Vereinigung zu loben.
Die Planer endloser Kriege können solch eine Insel nie besuchen. Sie müssten all ihr Wissen aufgeben. Denn die Insel ist ein Ort in dem Vögel und Hasen und kleine Waldgeschöpfe mit königlichen Paaren wandeln und Friede herrscht. Musik, erotisches Spiel, Gartenpflege, Alchemie und Gebet zu den Himmeln beschreiben den Weg der Seele. Die Männer des Krieges können nie solche Freuden kennen. Die Pfaueninsel ist keine gewöhnliche Utopie. Um zur Insel zu kommen verlangt es dass man stirbt und seine Form ändert. Die Seele, seit langem im Westen vergessen, erwächst hier im Rosengarten, von dem Alchemist Kunckel und seiner Geliebten Gräfin gepflegt. Die roten Vögel umschließen jede Seele mit ihren Flügeln und setzen sie sacht in die Blütenblätter der wachsenden Rosen. Rotgefärbte Wasser ernähren zart die Wurzeln der Büsche und die Seele wächst in Frieden.