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auch das Universum befindet sich noch in Entwicklung


Jainismus

Jainismus

GEWALTLOSIGKEIT
das Grundgesetz im Jainismus


 

Eine Vision fürs 21. Jahrhundert: Die Kraft der Liebe aktivieren

Masami Saionji

20.06.2008

Die Menschheit befindet sich an einem der kritischsten Punkte, den die Welt je erlebt hat. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Menschen eine wachsende Besorgnis über die bevorstehenden Umweltkrisen, ethnischen und religiösen Konflikte, Aggressionen und Terrorismus sowie die Bedrohung durch Atomwaffen geäußert. Inzwischen weitet sich dieses „Krisengefühl“ auch auf soziale, politische und wirtschaftliche Bereiche aus. Die menschliche Zivilisation als Ganzes steht vor einer tiefen Krise. Ihr zugrunde liegt eine nicht sofort erkennbare Krise des menschlichen Bewusstseins, eine Krise des menschlichen Denkens, der menschlichen Werte und des menschlichen Verantwortungsgefühls.

Wer ist nun verantwortlich für die Zukunft des Planeten: Seine Regierungen? Seine Religionen? Oder liegt die Verantwortung bei bestimmten einflussreichen Gruppen oder Organisationen? Liegt sie bei einer kleinen Gruppe besonderer Menschen – Gelehrter, Heiliger, Erzieher, Wissenschaftler oder Experten unterschiedlicher Gebiete? Welche dieser Gruppen oder Entitäten kann der menschlichen Gattung mit einer Lösung dieses Problems dienen? Welche Führer sind in der Lage, Verantwortung für die Verbreitung von Frieden und Harmonie zu übernehmen?

Es ist wahr, dass Frieden im Herzen eines jeden Individuums beginnt. Aber der Mehrheit der Menschen erscheint die Schaffung des Weltfriedens als zu große Aufgabe, als dass sie von normalen, durchschnittlichen Bürgern erreicht werden könnte. Wir denken immer, die Probleme der Welt seien von Regierungen oder von besonderen Menschen mit Autorität verursacht. Ebenso schreiben wir die Verantwortung, Frieden in der Welt zu schaffen, anderen Kräften als uns selbst zu: Politikern, Vorständen oder irgendwelchen Menschen, die größer, mächtiger oder gebildeter sind als wir selbst. Nie kommen wir auf den Gedanken, unser eigenes Denken, unsere Worte und alltäglichen Handlungen könnten einen Einfluss auf das Weltgeschehen haben; noch glauben wir, dass wir in irgendeiner Weise Verantwortung für globalen Frieden und Harmonie tragen.

Warum fühlen die Menschen so? Warum glauben so viele Menschen, dass ihr Einfluss unbedeutend sei oder zweifeln an ihren Möglichkeiten, zum Weltfrieden beitragen zu können? Meiner Meinung nach liegt der Grund hierfür darin, dass wir zwar im 21. Jahrhundert leben, unser Geist aber noch von den Werten des 20. Jahrhunderts bestimmt ist.

Die Werte des 20. Jahrhunderts

 Was haben wir im 20. Jahrhundert wertgeschätzt? Was war für uns von Bedeutung? Am wichtigsten waren uns materielle Werte – Dinge, die berührt, gezählt oder gemessen werden können. Mehr als nach allem anderen strebten wir danach, materiellen Wohlstand für uns und unsere Familien zu schaffen. Diese Sorge um materielle Ziele führte zu einer ungeheueren Expansion einer materiellen Kultur und Zivilisation. Gleichzeitig führte es jedoch zu einer ausgeprägten Vernachlässigung der inneren Entwicklung des Individuums – seines Herzens, Verstandes und Geistes. In jedem Bereich unseres Lebens brauchen wir Menschen die Balance: Balance zwischen dem Materiellen und dem Ideellen, zwischen dem Wenigen und der Fülle, zwischen Wissen und Weisheit, jung und alt, Religion und Wissenschaft und zwischen Gesellschaft und Natur. Wenn dieses Gleichgewicht fehlt, beginnt alles zu bröckeln.

Da sich die menschliche Gesellschaft immer stärker an den äußerlichen, materiellen Zielen orientiert hat, vernachlässigten wir unsere großartigen inneren Kräfte – die Kräfte der Liebe, der Weisheit, der Intuition, der Gedanken, des Willens und der Entscheidung. Heute glauben viele von uns nur an externe „Mächte“: an die Macht des Geldes, die Macht eines Landes oder einer Regierung, die Macht von Wissenschaftlern, Politikern, Erziehern oder Institutionen. Aufgrund dieses Glaubens ist es uns nicht möglich, die Würde und die Macht unserer eigenen Existenz wahrzunehmen. So trieben wir in einer Art hilfloser Gleichgültigkeit von Moment zu Moment, anstatt für den von uns ausgeübten Einfluss auf die Welt auch die Verantwortung zu übernehmen.

Aufgrund dieses eingeschränkten Verantwortungsgefühls überlassen wir unsere Gefühle und Entscheidungen allzu oft dem Instinkt und grenzenlosem Egoismus. Verlangen nach Macht, Autorität, Dominanz und Besitz: solcherart sind die Bedürfnisse, die im 20. Jahrhundert von Bedeutung waren. Damit einher gehen die dadurch provozierten Gegenreaktionen: Furcht vor Besitzverlust und das Bestreben, sich Kontrolle und Unterdrückung zu widersetzen. Als Ergebnis haben wir uns eine Welt voller Kämpfe und Verwirrung erschaffen, eine Welt, in der materielle Werte Vorrang vor spirituellen Werten haben. Mit anderen Worten: Wir haben eine Welt geschaffen, der es an Liebe, Harmonie und Vergebung fehlt.

Eine Revolution des Bewusstseins

Mit dem Schritt in das 21. Jahrhundert ist ein Richtungswechsel unabdingbar. Wenn wir weiterhin den Werten des 20. Jahrhunderts folgen, wird die Menschheit das 21. Jahrhundert nicht überdauern. Was die Welt heute mehr als alles andere braucht, ist eine Revolution des Bewusstseins. Es ist an der Zeit, uns von einem Glauben an das Äußerliche, Kurzfristige und Flüchtige zu einer Wertschätzung des Inneren, Dauerhaften und Essenziellen hinzubewegen. Meine Hoffnung ist, dass das 21. Jahrhundert ein „Zeitalter des Individuums“ wird, ein Zeitalter, das jedem von uns ermöglicht, sein inneres Potential zu entfalten:

Was bedeutet es, Mensch zu sein? Woher kommen wir, und wohin gehen wir? Zu welchem Zweck leben wir auf dieser Welt?

Aufgrund der Erfahrungen meines Lebens ist mir bewusst geworden, dass alle menschlichen Wesen, ohne Ausnahme, geboren sind, um Liebe zu schenken. Begeben wir uns zu den Wurzeln des Lebens, ungeachtet zeitlicher oder sonstiger Fragen zu diesem Thema, so bleibt lediglich die Liebe. Liebe ist das einzige, was bleibt: die einzige unveränderliche Wirklichkeit.

Was wir jetzt dringender als alles andere tun müssen, ist, uns selbst und andere zu lieben, uns und anderen zu vergeben, Liebe, Verbundenheit und Vergebung auszudrücken in unserem Reden und Handeln. Und schon bald werden unsere vermeintlichen Bedürfnisse verfliegen. In jedem Augenblick muss ein jeder sich sorgsam selbst beobachten und fragen: Gebe ich hier und jetzt der Liebe Ausdruck? Ist mein Herz von Liebe zu mir selbst, zu meiner Familie und zu meinen Freunden, zur Gesellschaft und zu allen Menschen erfüllt? Versprühe ich Liebe gegenüber meiner Umwelt, den Tieren, Insekten und Pflanzen, gegenüber Wasser, Luft, Erde, Berg und Meer? In welchem Ausmaß strahle ich in diesem Augenblick die unerschöpfliche Energie der Liebe aus?

Ungeachtet dessen, wie viel Liebe wir an andere weitergeben, kann die Liebe in uns niemals versiegen. Wir werden dadurch nicht ermüden oder emotional ärmer. Je mehr Liebe wir geben, umso mehr fließt nach, und Liebe erweist sich als kraftvollste Energiequelle des Lebens überhaupt. Und da Liebe die Energie des Lebens ist, können wir uns gar nicht dem Leben verschreiben, ohne uns der Liebe zu verschreiben; die Lebenskraft wäre nicht vollends aktiviert.

Auch wenn man anderes vermuten könnte: Es ist nicht schwierig, Liebe auszudrücken. Alles, was wir dazu tun müssen, ist der tiefe Herzenswunsch, uns und andere zu lieben. Dieser Herzenswunsch allein wird Liebe aus unserem Innersten entspringen lassen. Wenn wir zum steten Ausdruck der Liebe mit unserem ganzen Wesen imstande sind, kann niemand mit Gewalt in unser Herz eindringen oder uns glauben machen, wir könnten etwas verlieren. Wenn wir in mitten von Armut, Krieg und Krankheit unsere tiefe, überzeugte Liebe leben, wird unsere innere Würde niemals ins Wanken geraten. Wenn nun der Sinn des Lebens im Ausdruck von Liebe besteht, wie kann da das Auftreten unterschiedlicher und wechselnder Gefühle wie Ärger, Traurigkeit, Eifersucht, Verachtung, Frustration oder Missmut erklärt werden? Derartige Emotionen können erst entstehen, wenn der ursprüngliche Fluss der Liebe verändert oder gestört wird und äußere Faktoren unser Gemüt beeinflussen. All unsere Gefühlsregungen, ob gut oder schlecht, positiv oder negativ, passiv oder aggressiv, entstehen erst, wenn wir unsere ursprüngliche Lebensenergie der Liebe – in Reaktion auf externe Einflüsse – in andere Formen überführen.

Wenn wir uns dieses Prinzips nicht bewusst sind, wird unsere Reaktion auf die Geschehnisse um uns herum durch physische Instinkte bestimmt, die der Selbsterhaltung dienen. Um durch Ereignisse oder Bedingungen der Außenwelt nicht verletzt zu werden, wandeln wir unbewusst die Lebensenergie der Liebe in eine negative Form um.

Durch ständige Wiederholung wird dieses Muster zur eingeübten Gewohnheit. Es passiert automatisch, ohne bewusstes Bemühen. Wieder und wieder wird unsere reine, essentielle Lebensenergie zu Wellen des Misstrauens und der Angst, zu Ärger und Konfrontation umgewandelt, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Wollen wir dem Sinn unseres Lebens entsprechen, so müssen wir ganz bewusst mit dieser Gewohnheit brechen. Wir müssen von jetzt an stets unser ursprüngliches, liebevolles Ich respektieren und ausschließlich heitere, positive Gefühle erzeugen. Wenn es uns gelingt, allezeit und allerorten Liebe zu erleben, wird unsere Energie sich nicht in Zweifel oder Angst umwandeln: Sie wird völlig zum Guten gereichen.

Unsere Energie auf das Gute richten

Die Kraft der Liebe, die jeder von uns besitzt, ist keine aggressive Energie, sondern eine Kraft des Akzeptierens, des Wertschätzens und des Annehmens. Es ist keine Kraft der Anklage, sondern des Vergebens, nicht des Tadels, sondern des Lobes, nicht des Konfliktes, sondern der Eintracht. Wir dürfen diese allumfassende Kraft nicht von uns weisen. Wir müssen an sie glauben. Wenn wir in der Illusion leben, wir seien unfähig Liebe zu geben, kann die Welt nur schlecht sein. Das liegt daran, dass wir an Schwierigkeiten, Unglück und Misslingen glauben, weil wir an unserer Kraft zum Lieben zweifeln. Dieser Glaube versperrt uns den Weg in eine glückliche Zukunft, denn wir können nur da erreichen, woran wir stetig und fest glauben. Jedermann kann nur so stark und so sicher sein, wie er glaubt sein zu können.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir jedwede Umstände überwinden können, wenn wir auf die Kraft der Liebe vertrauen. Wir können jede Schwierigkeit, jede Mühsal überwinden, wenn wir die Kraft der Liebe einsetzen. Sogar für riesige, weltweite Probleme können wir Lösungen finden, wenn wir die Kraft der Liebe entfalten.

Heute leben wir Menschen in allen Regionen der Welt nach recht kleingeistigen Ansichten, die wir über uns und andere haben und die wir, da wir sie einmal geprägt haben, nicht aufgeben, sondern womöglich noch hartnäckig verteidigen: „In der Welt wird es immer Armut und Krankheit geben“, „in der Welt wird es immer Unterdrückung geben“, „die Welt wird immer von Gier regiert werden“. Wenn wir uns weigern, von solchen trotzigen Irrlehren abzulassen, verwenden wir unsere Lebensenergie zur Erzeugung immer neuer Probleme.

Energie fließt dorthin, wo wir unsere Aufmerksamkeit hinwenden. Bis jetzt haben wir Menschen enorme Energien in negative Überzeugungen gesetzt. Aber wir können das ändern, wenn wir es nur versuchen. Wir können ganz bewusst sagen: „Es ist möglich! Ich kann es schaffen! Ich kann mich verändern! Ich möchte teilen! Ich möchte lieben! Ich möchte geben! Ich möchte freudig sein! Ich kann es ganz gewiss!“ – Durch die Macht unserer Gedanken, unserer Worte, unserer täglichen Entscheidungen können wir unsere ganze Energie zu einer Kraft formen, die alles belebt: zur ursprünglichen Kraft der Liebe.

Lasst uns zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jeder Situation und in jeder Verfassung danach streben, durch unseren Verstand, durch unsere Herzen, durch Worte und Handlungen Liebe auszudrücken. Der Ausdruck von Liebe ist die treibende Kraft der Veränderung unserer Zukunft und der Zukunft der Welt. Lasst uns jeden einzelnen Tag, vom Moment des Erwachens an, zu guten Worten, Gedanken und Taten nutzen. Lasst uns unseren Eltern und Kindern, Partnern und Freunden, der Gesellschaft und allen Nationen Respekt und Unterstützung entgegenbringen.

Jeder von uns ist für die Zukunft der Erde verantwortlich. Es gibt niemanden, der nicht verantwortlich wäre. Wir alle können dieser Verantwortung nachkommen, wenn wir uns dafür entscheiden.

(Dieser Artikel erschien im Buch „Impulse für eine Welt in Balance“ – Global Marshall Plan Initiative, ISBN 3-9809723-2-1, und ist ein Auszug aus dem englischen Buch „Vision for the 21st Century“ von Masami Saionji.)
 

Global Marshall Plan Initiative (Ed.):
Impulse für eine Welt in Balance

GMP:
Impulse für eine Welt in Balance .
Herausgeber: Global Marshall Plan Initiative, Rissener Landstr. 193, 22559 Hamburg, Deutschland,
ISBN 3-9809723-2-1 , Auflage Mai 2005 .

FAW/n Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/nAus Anlass des Deutschen Evangelischen Kirchentages (DEKT), der Ende Mai in Hannover stattfand, enstand das Buch "Impulse für eine Welt im Gleichgewicht", zu dem namhafte Persönlichkeiten einen Beitrag beisteuerten. Unter den mehr als 50 Autoren, die sich mit dem Thema Globalisierung auseiandergesetzte haben, finden sich: Franz Alt, Prinz El Hassan bin Talal, Benita Ferrero-Waldner, Ashok Gangadean, Ellen Kallinowski, Ervin Laszlo,Wangari Maathai, Angela Merkel, Rupert Neudeck, Yuejun Quian, Wolfgang Sachs, Guillermo Salcedo, Vandana Shiva, Heide Simonis, Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Ich denke sogar, es ist das wichtigste Buch für unsere gemeinsame Zukunft, welches dieses Jahr in deutsch publiziert wurde. Ralf K. Stappen (Franz von Assisi Akademie zum Schutz der Erde e.V.)


Quelle:    Dieser Artikel erschien im Buch „Impulse für eine Welt in Balance“ – Global Marshall Plan Initiative, ISBN 3-9809723-2-1, und ist ein Auszug aus dem englischen Buch „Vision for the 21st Century“ von Masami Saionji.



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