Außerhalb Indiens ist der Jainismus fast unbekannt. In Indien ist er in Gujarat, Rajasthan und in Karnataka häufiger anzufinden. Es ist eine sehr alte Religion und geht in ihrer heutigen Form auf Mahavir, den 24. und letzten Tirthankara der Jains, 6. Jh. v. Chr., zurück. Von den 23 früheren Tirthankara sind mehrere geschichtlich belegt, so dass der Ursprung des Jainismus wesentlich früher anzusehen ist.
Jina bedeutet Eroberer, Sieger. Derjenige, der sich selbst von den Ketten des Karmas befreit hat indem er die eigenen rāga, Anhaftung und dvesa, Abneigenungen überwunden hat.
Der Jainismus sollte weniger als Religion betrachtet werden, sondern eher als Lebensweisheit, denn Mahavir selbst sprach nie von Religion, was dogmatisch ist und damit die Menschen voneinander trennt, sondern von DHARMA, was soviel wie zu seiner eigenen Natur finden bedeutet.
Der bedeutendste philosophische Lehrsatz des Jainismus ist: AHIMSA die Gewaltlosigkeit. Diese oberste ethische Regel, meint nicht nur die Abwesenheit von Gewalt, sondern auch Fürsorge und Liebe und wird so konsequent wie in keiner anderen Religion interpretiert und gelebt. Ahimsa umfasst für die Jains Gewaltlosigkeit in Gedanken, Worten und Taten. Sie ist nicht nur auf eigene Aktivitäten beschränkt, sondern lässt auch keine aktive oder passive Ermutigung anderer zur Gewalt zu.
Als weiterführende Unterstützung von Ahimsa ist die ANEKANTAVADA , die Lehre von der Relativität, zu verstehen. Dieser zweite wichtige ethische Lehrsatz der Jains besagt, dass es notwendig ist, eine Sache von allen Seiten zu betrachten, um sie gänzlich zu erfassen. Eine einzige Betrachtungsweise oder Meinung ist nie komplett. So wird eine große Toleranz gefordert, da die Realität zu komplex ist, um für einen Einzelnen gänzlich erfassbar zu sein. Jeder kennt die endlosen Diskussionen, die oft im Streit enden, da jeder Teilnehmer versucht seinen Standpunkt als den einzig Richtigen darzustellen und ihn den anderen aufzudrängen. So wie wir von einer Münze, die auf dem Tisch liegt auch nur eine Seite sehen, aber die andere Seite trotzdem existiert, sollen wir uns daran erinnern, dass eine Realität von vielen Seiten gesehen werden kann. So können wir von Beharrlichkeit zurücktreten und eher verschiedene Meinungen zulassen und üben beim Durchsetzen der eigenen Meinung nicht verbal Himsa, Gewalt, aus.
Der Jainismus kennt keinen externen Gott, das Göttliche ist in jedem Lebewesen: Mensch, Tier und Pflanze, aber nicht in der unbelebten Materie. Er hat eine dualistische Auffassung, d. h. er unterscheidet zwischen JIVA und AJIVA. Jiva ist die Seele, die empfindende Energie, deren Hauptcharakteristika Bewusstheit ist, was sowohl Wissen, als auch Intuition umfasst. Ajiva ist die Materie, die nicht-empfindende Energie. Sie besteht aus den fünf grundlegenden Faktoren – Bewegung, Ruhe, Raum, grobe Materie und Zeit.
Diese Philosophie geht davon aus, dass in jedem Lebewesen die empfindende Energie und die Materie miteinander verbunden sind. Ohne Seele wären wir tot und ohne Materie der Körper nicht sichtbar. Die Verbindung zwischen der empfindenden Energie und der nicht-empfindenden Energie wird durch KARMA , dem Prinzip der Verursachung, verstärkt oder reduziert. Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat erzeugt Karma , das im Jainismus als subtile Materie betrachtet wird. Gewalt, Gier, Hass verursachen stärkere Bindung, negatives Karma, als gute Handlungen und das Streben nach Wissen, das als positives Karma angesehen wird. Je weniger wir durch Karma gebunden sind, desto mehr ist es uns möglich, unser eigenes Potential zu entfalten und nicht in Aktions-, Reaktions- Mechanismen verhaftet zu sein. Es gilt als höchstes Ziel, alle karmischen Bindungen aufzulösen. D.h. die Lösung der Seele von der Materie zu erreichen, so dass die Seele mit dem Tod ins MOKSHA , den Zustand der Befreiung eingehen kann und nicht noch einmal den Zyklus des Lebens durchlaufen muss.
Durch die hohen ethischen Grundsätze und das Streben nach Moksha versuchen alle Jains möglichst wenig Gewalt auszuüben. Die daraus folgenden Gelübde sind für Mönche, Nonnen und Laien unterschiedlich streng.