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Non-violence is my religion.

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Leben und Wirken Rabindranath Tagores

Dr.sc.Hiltrud Rüstau

21.08.2007

Text eines Vortrags, gehalten am 30.6.2007 im Bürgerhaus Berlin-Grünau

Rabindranath Tagore wurde am 7. Mai 1861 in Kalkutta geboren (heute Kolkata). Die Spanne seines Lebens - er starb am 7. August 1941 - umfaßt eine für die neuere indische Geschichte entscheidende Zeit: Gerade war 1857 die erste umfassende antibritische Erhebung in Indien niedergeschlagen und die Besitzungen der Ostindischen Handelskompanie direkt der Verwaltung der britischen Krone in London unterstellt worden. Kalkutta entwickelte sich zur schnell wachsenden Metropole des britisch-indischen Kolonialreichs. Industrielle Produktion begann, allerdings fast ausschließlich im britischen Besitz, und eine westlich gebildete Mittelschicht entstand.  

Von der zweiten Hälfte des 19. Jh. an führten zunehmende ökonomische Ausplünderung, Verelendung und Diskriminierung der einheimischen Bevölkerung zur Herausbildung einer nationalen Bewegung, die wenige Jahre nach Tagores Tod in der Erlangung der Unabhängigkeit Indiens ihre Erfüllung fand.

Rabindranath Tagore wuchs in einer wohlhabenden, kulturell sehr interessierten Familie auf. Die Thakurs (Thakur, Herr, Meister, ein Ehrentitel des vorkolonialen Indien, wird anglisiert zu Tagore, was eingedeutscht dann zu Tagore wird). Die Thakurs also gehörten zu den brahmanischen Familien, die durch die Ostindische Handelskompanie nach Kalkutta gekommen waren und Grundbesitz erworben hatten. Sie waren sowohl in der traditionellen Hindukultur verwurzelt als auch bestens mit der muslimisch-persischen Kultur der vorherigen Machthaber vertraut und hatten sich nun auch schnell mit den geistig-kulturellen Errungenschaften Europas bekannt gemacht.

Die Familie war allem Neuen gegenüber sehr aufgeschlossen. Der Großvater Tagores, Dwarkanath, reiste nach England, was nach seiner Rückkehr zur sozialen Ächtung seiner Familie führte, war doch eine Überquerung des „Schwarzen Wassers“ für Brahmanen von Alters her tabu gewesen.  

Der Vater Tagores, Debendranath, war wie auch sein Vater zuvor, ein führendes Mitglied des Brahmo Samaj, einer religiös-sozialen Reformbewegung.  

Rabindranath war das jüngste von 15 Kindern. Auf Grund schlechter Erfahrungen hegte er eine große Abneigung gegen jeglichen organisierten Schulbetrieb und wurde darum zumeist von Hauslehrern unterrichtet. Es waren aber vor allem seine älteren Brüder, die seine geistige Entwicklung prägten und sein politisches Interesse weckten. Einer seiner Brüder gründete verschiedene eigene Unternehmen, um dem wirtschaftlichen Monopol der Briten entgegen zu treten. Allerdings scheiterten alle seine Unternehmungen.  

Schon früh begann der junge Rabindranath zu dichten. Er konnte seine Gedichte auch veröffentlichen, denn die Großfamilie gab eine eigene Zeitschrift heraus.  

Er durfte als Kind seinen Vater auf einigen Reisen begleiten, und der sensible Knabe erlebte mit offenen Augen die Schönheit der Natur. Diese Liebe zur Natur wird zu einem prägenden Charakteristikum seines gesamten dichterischen Schaffens. Ob in Kurzgeschichten, Romanen oder Gedichten, der Mensch wird immer als Teil der Natur betrachtet.  

Mit 17 Jahren reist Tagore in Begleitung eines älteren Bruders nach England, aber statt dort Jura zu studieren und sich so für eine Laufbahn im anglo-indischen Verwaltungsdienst zu qualifizieren, interessiert er sich vor allem für moderne Literatur und europäische Sprachen. Bereits 2 Jahre später ist er wieder zurück in Indien.  

1883 wird er, 22jährig, mit der 10jährigen Mrinalini Devi verheiratet, die ihm im Laufe ihres kurzen Lebens - sie stirbt 1902 - 5 Kinder zur Welt bringt, von denen aber nur 2 den Vater überleben.

Um 1890 endet die Zeit unbekümmerter Jugend für Tagore. Er wird vom Vater mit der Verwaltung der vor allem in Ostbengalen, dem heutigen Bangladesh, gelegenen Familiengüter beauftragt. Er lebt zeitweilig in einem Hausboot auf der Padma. Die Gedichte aus dieser Zeit sind unmittelbares Zeugnis seiner engen Naturverbundenheit, die er in einer höchst aktuellen Weise ausdrückt:

In einem Brief aus jener Zeit heißt es: „Ich liebe die Erde, die still zu meinen Füßen liegt, so sehr, daß ich ihre ganze Unermeßlichkeit, mit ihren Bäumen und Blättern, Flüssen und Feldern, ihrem Lärm und ihrem Schweigen, ihren Morgen und ihren Abenden, mit diesen meinen Armen umfangen möchte. Ich frage mich, ob wir jemals von einem Himmel die Schätze bekommen, die uns die Erde schenkt.“  

Aber diese Zeit ist für Tagore vor allem darum so wichtig, weil er im direkten Kontakt mit seinen Pächtern die Armut der bengalischen Bauern kennenlernt und Unwissenheit, Elend und Fatalismus als deren Folgen begreift. Die Erlebnisse dieser Zeit verarbeitet er vor allem in Kurzgeschichten, in denen er die soziale Problematik mit der Schilderung von Landschaft und Naturereignissen verbindet. Zugleich nimmt er aktiven Anteil an den aktuellen politischen Ereignissen. Er kritisiert in Aufsätzen und Kurzgeschichten engstirnigen Hindufanatismus und falschen Nationalstolz.  

Seine ganze Liebe aber gilt den hart arbeitenden Menschen seines Heimatlandes, wie er sie inzwischen kennengelernt hat.    

Um 1900 etwa beginnt eine neue Phase in Tagores Schaffen. Zwei Romane erscheinen („Sandkörnchen im Auge“ und „Schiffbruch“), in denen er sich besonders Eheproblemen zuwendet. Wie auch in allen späteren Werken, stehen hier häufig Frauen aus der gebildeten Mittelschicht im Zentrum. Immer wieder bringt er seinen Standpunkt zum Ausdruck, daß das Leben der Frauen nicht auf das Wirken in der Abgeschiedenheit des häuslichen Herdes beschränkt sein dürfte und sie das Recht zur Verwirklichung ihrer eigenen Persönlichkeit hätten. Er schreibt in einem Aufsatz: „Aber die Frau kann nicht für immer durch die Machtbestrebungen des Mannes nur zum Schmuckstück erniedrigt werden , denn sie ist für die Zivilisation nicht weniger notwendig als der Mann, sondern wahrscheinlich noch weit mehr … Die Zeit ist da, wo die Verantwortlichkeit der Frau größer als je wird, wo ihr Arbeitsfeld den häuslichen Rahmen ihres Lebens weit überschreitet.“

Neben der Forderung nach Gleichberechtigung der Frau finden die Ablehnung von Kastenungleichheit und blindem Aberglauben Niederschlag in seiner Dichtung. Seine Helden zeichnen sich durch Gerechtigkeitssinn aus, sie lassen sich weder von den englischen Herren noch von den eigenen reichen Landbesitzern einschüchtern und erlangen die Kraft, ungeachtet der herrschenden Meinungen bornierte Vorurteile zu überwinden.

Tagore nimmt in dieser Zeit aktiv Anteil an der nationalen Bewegung, auch in Verbindung mit dem 1885 gegründeten Indischen Nationalkongreß. Er will mit seinem dichterischen Schaffen seinen Landsleuten Mut und Selbstbewußtsein vermitteln. Mit einem Aufsatz unter dem bezeichnenden Titel „Die Geknebelten“ protestiert er gegen die Einschränkung der freien Meinungsäußerung durch die Antiaufruhr-Gesetze der Kolonialregierung. Er kritisiert die Versklavung Indiens durch die Fremdherrschaft und betont zugleich die Notwendigkeit der Einheit von Hindus und Muslimen.

Vielerorts brechen Unruhen gegen die britische Kolonialherrschaft aus, junge Leute verüben Bombenattentate auf besonders verhaßte Repräsentanten des Kolonialregimes. Diese Attentate lehnt Tagore mit aller Konsequenz ab. Er kann nur eine gewaltlose Kampfmethode gutheißen. Aber er sieht die Ursachen für die Terroraktionen in den herrschenden Verhältnissen: 1897 waren in Bengalen eine Pestepidemie und eine Hungersnot ausgebrochen, und das Elend der in den engen, dunklen Gassen Kalkuttas dicht zusammengedrängt lebenden Menschen ist für uns heute kaum vorstellbar.  

Aber Tagores gesellschaftskritischer Blick bleibt nicht auf Indien beschränkt. Im Gedicht, zur Jahrhundertwende von 1899 zu 1900 verfaßt, kritisiert er nachdrücklich die zerstörerische Selbstsucht der Nationen der westlichen Welt:

Tagore hofft mit ganzer Kraft auf ein freies, friedvolles und demokratisches Indien der Zukunft. In einem Gedicht von 1901 heißt es:

Die Kolonialregierung beabsichtigt, durch administrative Veränderungen die Protestbewegungen einzudämmen. So wird 1905 Bengalen in einen vorwiegend hinduistischen und einen muslimischen Teil gespalten. Tagore stellt sich an die Spitze der gegen diese Teilung protestierenden Bewegung, und dies nicht nur symbolisch: Er führt mit seinen Liedern die Protestmärsche an. Die von ihm geschaffenen patriotischen Lieder stellen den Beginn des politischen Liedes in Indien dar. Sie werden von den Demonstranten begeistert aufgegriffen. Eines dieser Lieder (Amar sonar Bangla: Mein goldenes Bengalen, dich liebe ich) wird 1973 zur Nationalhymne des nach blutigem Kampf gegründeten Staates Bangladesh. Ein anderes (Janaganamana adhinayaka jaya he: Es lebe der geistige Lenker des Volkes …) wird zur Nationalhymne des unabhängigen Indien.  

Während seine Romane und Kurzgeschichten ebenso wie seine Gedichte sich vor allem an die städtischen Mittelschichten wenden und bei ihnen großen Anklang finden, erreicht er mit seinen Liedern die Massen der Bevölkerung. Bis heute sind sie im Volke lebendig und besonders bei der bengalischen Jugend sehr populär.

Das erste Jahrzehnt des 20. Jh. ist nicht nur durch zunehmende politische Aktivitäten Tagores gekennzeichnet, auch in seinem persönlichen Leben ergeben sich große Veränderungen. Seine Kinder brauchen eine Schule, und da er mit den existierenden Bildungseinrichtungen in seiner Kindheit schlechte Erfahrungen gemacht hatte, gründet er 1901 in Santiniketan (Hort des Friedens) selbst eine Schule. Tagores Vater hatte vor Jahren diese 150 km von Kolkata entfernten Ländereien erworben, um einen ungestörten Ort zum Meditieren zu haben.  

Tagore hatte sich bereits schon früher mit pädagogischen Fragen beschäftigt und dazu auch publiziert. Bis heute findet in Santiniketan der Unterricht in enger Verbindung mit der Natur statt. Schultafeln sind im Freien fest installiert, und die Schüler sitzen auf der Erde unter den gewaltigen Bäumen. Schon bald nach der Schulgründung wurde hier der gemeinschaftlichen Unterricht von Jungen und Mädchen eingeführt. Tagore lehnte jeglichen Zwang ab. Ein weltoffener Geist, das enge Zusammenleben von Lehrern und Schülern, die Ermunterung der Schüler zu aktivem Mitgestalten - all dieses sind bis heute Merkmale von Santiniketan. Künstlerische Betätigung wie Malerei, Musik und die Beschäftigung mit den Kulturen anderer Länder spielen im Unterricht eine große Rolle. Tagore wirkt selbst über lange Jahre als Lehrer an seiner Schule, er verfaßt Lehrbücher führt mit seinen Schülern seine eigenen Dramen, Musikdramen und Tanzdramen auf. 1926 bringt er hier auch zum ersten Male - zumindest was Bengalen anbelangt - indischen Tanz auf die Bühne.

1921 wird der Schule eine Universität mit internationaler Ausrichtung angefügt, Vishwa Bharati - die Welt in Indien - und dazu mit Shriniketan (Sitz des Wohlstands) noch ein Lehr- und Forschungszentrum für Landwirtschaft. von Er bemüht sich um die Wiederbelebung von Volkskunst und Volkshandwerk und richtet Werkstätten zur Anfertigung ein Leder- und Textilarbeiten ein, um damit der bäuerlichen Bevölkerung Anregung für eine Nebenerwerbstätigkeit zu geben.

Santiniketan und, damit verbunden, pädagogische Fragen werden zu einem Dreh- und Angelpunkt von Tagores weiterem Schaffen. Es ist seine feste Überzeugung, daß die Verbesserung der Volksbildung eine unerläßliche Voraussetzung für eine Verbesserung der Lebenslage der notleidenden Massen Indiens darstellt.

Aber das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bringt auch viel Leid in sein Leben. Ein Jahr nach der Eröffnung seiner Schule stirbt seine Frau. Ein Jahr später stirbt eine seiner drei Töchter, kurz darauf sein Vater und 1907 der jüngste Sohn, bei dem er nach dem Tode seiner Frau Mutterstelle vertreten hatte.. Tagore ist durch diese Verluste tief betroffen. In Erinnerung an seine toten Kinder schreibt er Gedichte, die zu seinen schönsten und innigsten gehören.

Ungeachtet seiner zurückgezogenen Lebensweise in dieser Zeit nimmt er dennoch weiterhin am politischen Geschehen regen Anteil. Er verfaßt den Roman „Gora“, der 1908 erscheint. Es geht hier Tagore vor allem um die Entwicklung der Persönlichkeit. Der Held, zunächst aus patriotischen Gründen völlig dem orthodoxen Hindudenken verhaftet, erkennt die Borniertheit dieser Auffassungen. Der Prozeß der Entwicklung seiner Ansichten zu einer toleranten Religiosität, zu tief empfundenem Humanismus und echtem Patriotismus ist eindrucksvoll geschildert. Bemerkenswert auch in diesem Roman sind die Frauengestalten, die sich selbstbewußt über die Beschränkungen der gesellschaftlichen Konvention hinwegsetzen.  

Daneben verfaßt Tagore auch weiter Naturgedichte und Gedichte mit religiösem Gehalt. Eines davon soll hier vorgestellt werden.

Walter Ruben schrieb 1961: „Indiens Beitrag zur Menschheitskultur sah Tagore in erster Linie in der Religion, aber nicht in der der Hinduorthodoxen, im Islam oder im Buddhismus, sondern in einer freien, reformierten Religion eines namenlosen Gottes ohne Tempel, ohne Idol, ohne Riten oder Dogmen, mit weltweiter Toleranz weltoffen und lebensfreudig, antiasketisch und pantheistisch, wie es indischer reformerischer Tradition entspricht.“  

Tagore wuchs in der geistige Tradition des monotheistischen Brahmo Samaj auf, die ihn zwar nicht befriedigte, aber dennoch stark beeinflußte. Seine religiösen Vorstellungen sind zunächst in starkem Maße geprägt von der hingebungsvollen Liebe zu dem persönlich gedachten Gott der Vishnuiten und der Bauls, den bengalischen Wandersängern, die von der Liebe zwischen Mensch und Gott singen. Gott und Mensch sind abhängig voneinander: der Mensch braucht Gott, aber auch Gott bedarf unserer Liebe, um sich in ihr selbst zu erkennen.

Zunächst ist Tagores Religiosität vor allem ein personifiziertes Naturbewußtsein. Er sucht nach dem überpersönlichen Prinzip der Einheit von Mensch und Natur und findet es letztlich in seiner „Religion des Menschen“.  

Er versteht darunter nicht das einzelne menschliche Individuum, sondern die Menschheit in der Komplexität von menschlichen Wechselbeziehungen. Er definiert das Unendliche als die Menschheit, die das Unendliche sucht. Gott ist für ihn das Ewige in der menschlichen Persönlichkeit; das Göttliche im Menschen ist sein Menschtum. Wahre Religiosität hat sich daher als Einsatz für die Menschheit als Ganzes zu kennzeichnen. Demzufolge wird die Übernahme sozialer Verantwortlichkeit zur Vorbedingung der Vereinigung mit dem Göttlichen. Frieden, Liebe, Toleranz und Verständnisbereitschaft sind daher Charakteristika eines wahrhaft religiösen Menschen, meint Tagore.

1930, im Gespräch mit Albert Einstein, verneint Tagore die Frage, ob er daran glaube, daß das Göttliche unabhängig vom menschlichen Denken existiere. Er begründet das damit, daß jede menschliche Vorstellung von einem obersten geistigen Wesen nur der menschlichen Vorstellungswelt selbst entstammen könne. In allem, was wir erfahren und fühlen, gelangen wir nicht über den Menschen hinaus, darum könne die Vorstellung von Gott nichts anders als eine menschliche sein. „Meine Religion besteht darin,“ sagt er, „daß ich den überpersönlichen Menschen, den universellen Menschengeist in meinem eigenen individuellen Sein wiederzugewinnen suche.“  

In seinen Vorträgen über die Religion des Menschen in den dreißiger Jahren warnt er vor dem ungezügeltem Wachstum menschlicher Kräfte in wissenschaftlich-technischer Hinsicht und verweist auf das Schicksal der sich überdimensional entwickelt habenden Dinosaurier. Das Überleben der Menschheit als Spezies sei nur im Einssein mit dem Universum und als Zugehörigkeit zur universellen Menschheit möglich, was die Wahrung von Frieden, Gleichheit und Demokratie für alle, Individuen wie Nationen gleichermaßen, bedinge.  

1911 wird die Teilung Bengalens aufgehoben.  (1947 erfolgt sie erneut, und nun dauerhaft.)

1912 reist Rabindranath Tagore nach England. Während der langen Schiffsüberfahrt beginnt er, einige seiner Gedichte ins Englische zu übersetzen. Diese Gedichte, im Bekanntenkreis in London vorgetragen und gedruckt, rufen Begeisterung hervor. In Kalkutta wird ihm, der keinerlei Schulabschluß vorzuweisen hat, die Ehrendoktorwürde zuerkannt. Später kommt noch ein Ehrendoktor der Oxford University hinzu. Vor allem aber wird er als Folge der Publikation seiner Gedichte in England 1913 in Oslo für die Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis ausgewählt. Damit ist er der erste Nichteuropäer, dem dieser Preis zuerkannt wird. Man verleiht ihm den Preis „auf Grund der Schönheit und Frische seiner Dichtungen, die auf eine glänzende Weise sein dichterisches Schaffen auch in dessen eigentümlichem englischen Gewand der schönen Literatur des Abendlandes einverleibt“, heißt es u.a. in der Laudatio.  

Das mit dem Nobelpreis verbundene Geld stiftet Tagore ebenso wie den Erlös auf dem Copyright seiner bengalischen Publikationen und seine Eigentumsrechte an Santiniketan der Universität Vishvabharati.

Nach dieser Ehrung nimmt es nicht wunder, daß ihm dann 1915 vom britischen Königshaus der Adelstitel verliehen wird.  

Tagore hat nun Weltruhm erlangt. Er erhält Einladungen in viele Länder, die er gerne wahrnimmt, ergibt sich daraus doch auch häufig eine großzügige Spende für seine Universität. In den Jahren 1912 bis 1934 unternimmt er 14 große Auslandsreisen, sowohl nach Europa als auch nach Amerika und in den Nahen wie den Fernen Osten. Er popularisiert seine pädagogischen Vorstellungen, stellt Indiens geistig-kulturelle Traditionen vor und bemüht sich so, als Mittler zwischen den Kulturen des Ostens und des Westen zu agieren.  

1916-17 reist er in die USA und nach Japan. In seinen Vorträgen wendet er sich gegen den Kult des Nationalen, wie er ihn nicht nur in Europa, sondern zunehmend auch in Japan beobachtet, nachzulesen im Band „Nationalismus“. Es ist nicht unbedingt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Mechanismus einer modernen Industriegesellschaft, aber die Warnung eines zutiefst von humanistischem Denken erfüllten Poeten, die ihre Berechtigung auch oder gerade heute nicht verloren hat. Damit macht er sich keinesfalls nur Freunde. Während er im Ausland wegen seiner Kritik an der britischen Kolonialpolitik und den Machtbestrebungen der Industrienationen als Aufrührer und Parteigänger linksextremer Kräfte mitunter kritisch beobachtet wird, wirft man ihm in Indien wegen seiner Ablehnung eines bornierten Nationalismus vor, ein Agent des britischen Imperialismus zu sein.  

Der Erste Weltkrieg erschüttert Tagore sehr. Er sieht seine Ursachen in Machtkult und Verherrlichung des Nationalstaates, in blindem Anbeten der Maschine und vor allem in der tiefen Kluft zwischen intellektueller Entwicklung und Moralbewußtsein. Er bedauert, daß die Menschen um ihn herum das nicht erkennen können und ahnt einen weiteren Krieg voraus.  

Aber ungeachtet seiner kritischen Einschätzungen bleibt er Optimist.  

Das für unsere heutige Veranstaltung gewählte Motto stammt aus einer Rede, die Tagore vor japanischen Studenten hält. Hier heißt es: „…wenn ich euch mein Herz zeigen könnte, würdet ihr erkennen, daß es grün und jung ist … Und ihr würdet auch finden, daß ich kindlich genug bin, an Dinge zu glauben, die Erwachsene der heutigen Zeit in ihrer höheren Weisheit schamvoll verleugnen … Das heißt, ich glaube an die Ideale des Lebens… Ich glaube, daß in den Liedern der Vögel sich die Natur mit einer Gewalt ausdrückt, die größer ist als das ohrenbetäubende Dröhnen einer Kanonade.“

Die nationale Bewegung in Indien hatte auf größere Selbstbestimmungsrechte nach Beendigung des Krieges gehofft und wurde bitter enttäuscht, als die Reformpläne der britischen Regierung bekannt wurden. Eine Welle des nationalen Aufbegehrens erfaßte Indien, die die Engländer mit aller Gewalt zu unterdrücken suchten. Höhepunkt dessen war 1919 das Massaker in Amritsar, als auf einem von allen Seiten eingegrenzten Platz die anglo-indischen Truppen auf eine friedlich protestierende Menge schoß. Von den etwa 5000 Anwesenden starben 379 im Kugelhagel, mehr als 2000 wurden verletzt. Während viele Vertreter der nationalen Bewegung mit ihrem Protest auf das Ergebnis der juristischen Untersuchung warteten (es endete später mit dem Freispruch des kommandierenden Generals mit der Begründung, er habe nur seine Pflicht erfüllt), protestiert Tagore sofort und sehr scharf. Voller Empörung gibt er seinen Adelstitel zurück.

Ende 1924 reist Tagore nach Südamerika. In Buenos Aires erkrankt er. Die junge argentinische Schriftstellerin Victoria Ocampo (Vijaya) pflegt ihn, und zwischen beiden entwickelt sich eine innige lebenslange Freundschaft.  

Tagore fand in Südamerika begeisterte Aufnahme. Er wurde zum Vorbild vieler junger lateinamerikanischer Dichter, so wurde u.a. auch Pablo Neruda von ihm beeinflußt.  

In Deutschland Tagore weilte dreimal, 1921, 1926 und 1930. Er wurde begeistert als Prophet fernöstlicher Weisheit gefeiert. Die englische Version seiner Gedichte (Gitanjali, Der Gärtner, und auch eine Essaysammlung Sadhana) fanden reißend Absatz. Im Nachkriegsdeutschland, das unter Arbeitslosigkeit und Inflation litt, suchte man Trost und Hoffnung in seinen Gedichten, die man als exotische Mystik feierte. Der Vortrag an der Berliner Universität mußte wegen des großen Andrangs wiederholt werden.  

Neben dieser Begeisterung gab es auch andere Reaktionen in Deutschland. Man bezeichnet ihn als Werkzeug „kommunistischer und bolschewistischer Agenten“, dessen verweichlichter Pazifismus ungeeignet für Deutschland sei.  

Uns beeindruckt noch heute Tagores Mitempfinden für die Not in Deutschland. Er, der permanent von Geldsorgen für seine Universität geplagt wird, spendet den Erlös einer Publikation von Vorträgen der deutschen Kinderhilfe.  

1930 werden zum ersten Mal Tagores Bilder ausgestellt. Sie stoßen in Indien zunächst auf Unverständnis, werden aber in Europa, so auch in Deutschland, gebührend bewundert. Die Bilder haben ursprünglich keine Titel.

1930 weilte Tagore auch für einige Zeit in der Sowjetunion. Anerkennend äußert er sich über die dort gesehenen Leistungen auf dem Gebiet des Bildungs- und Gesundheitswesens und der Landwirtschaft. Er würdigt die Erfolge gebührend, vor allem die Überwindung des Analphabetentums, war doch die Lage im zaristischen Rußland kaum von der in Indien verschieden gewesen. Allerdings ruft die Ideologie vom antagonistischen Klassenkampfes bei ihm, der stets Liebe und Toleranz an die oberste Stelle setzt, ebenso wie die mangelnde Freiheit des Denkens Befremden hervor.

Es sei hier noch ein Wort zum Verhältnis von Gandhi und Tagore angefügt als die beiden bedeutendsten Inder in der zweiten Hälfte des 20. Jh. Beide bewundern und achten einander. Gandhi schickt 1914 seine Kinder mit den Schüler seines südafrikanischen Ashrams zu Tagore nach Shantiniketan, 1915 treffen sie sich dort zum ersten Male persönlich. 1920 besucht Tagore Gandhi in seinem Ashram. Rührend sorgt er sich um Gandhi, als dieser 1932 sein Hungerfasten bricht. Tagore unterstützt die Aktionen Gandhis, der seinerseits um Spenden für Tagores Universität wirbt. Obwohl beide fest in der indischen Geistestradition verwurzelt sind und in Grundpositionen wie der Betonung von Liebe und Toleranz sowie dem Ablehnen von Gewalt als Kampfmittel übereinstimmen, unterscheiden sie sich beträchtlich hinsichtlich ihrer Herkunft und ihres Charakters. In einer ganzen Reihe von Fragen haben sie einander entgegengesetzte Auffassungen. Während Tagore der Aristokrat, Künstler, Denker und Realist ist, der sich vorwiegend an die Intelligenz bzw. das städtische Bürgertum wendet, ist Gandhi der Tatmensch und der unbelehrbare Idealist, wie Tagore es formuliert. Er repräsentiert das bäuerliche Indien und ist den Massen verbunden. Wenn Tagore auch das Machtstreben der westlichen Industrienationen ablehnt, so unterscheidet er davon doch die westliche Zivilisation, von der zu lernen er immer bereit ist. Er befürwortet die Entwicklung einer modernen Industrie, aber lehnt es ab, in der Maschine das alles bestimmende Kriterium menschlichen Zusammenlebens zu sehen.  

Für Gandhis Politik der starken Betonung des Nationalen und die Ablehnung westlicher Errungenschaften, hat er daher wenig Verständnis. Und er hält auch wenig vom Spinnen, das für Gandhi eine so große Bedeutung hat, denn diese Tätigkeit verlange kein Denken, meint er.

Mit scharfen Worten wendet er sich dagegen, das vernichtende Erdbeben von Bihar im Jahre 1934 als Strafe Gottes für die menschenverachtende Praxis der Unberührbarkeit zu werten, wie Gandhi es tut. Beide kritisieren einander in der Öffentlichkeit - in Zeitungsartikeln legen sie ihre unterschiedlichen Standpunkte dar - und sind dennoch die besten Freunde.  

1940, bei dem letzten Besuch Gandhis in Shantiniketan, setzt Tagore Gandhi als Treuhänder für Vishwa Bharati ein, eine Geste, die für die Größe des Vertrauens spricht, das er in seinen Freund setzt.  

Von 1937 an setzen häufige schwere Erkrankungen jeglicher Reisetätigkeit ein Ende.  

Tagore ist müde geworden. Die Zeit zum Abschiednehmen ist gekommen. Dennoch bleibt Tagore künstlerisch weiterhin sehr aktiv und sucht entsprechend seinem hoch entwickelten politischen Empfinden mit Botschaften und Appellen in das politische Geschehen einzugreifen. Obwohl er sich zuallererst als Dichter versteht, lebt er nie in einem Elfenbeinturm, sondern erhebt immer seine Stimme, wenn in Indien oder außerhalb Unterdrückung und Ungerechtigkeit unübersehbar werden. Er protestiert gegen den italienischen Überfall auf Abessinien und den Überfall Japans auf China Er kritisiert mit scharfen Worten das Münchener Abkommen und den italienischen Faschismus. Als Präsident des indischen Komitees gegen Faschismus und Krieg wendet er sich 1937 mit einem aufrüttelnden Appell an die Öffentlichkeit: „In Spanien wird die Weltzivilisation bedroht und mit Füßen zertrampelt. Gegen die demokratische Regierung des spanischen Volkes hat Franco seine Revolte ausgelöst.“ Er appelliert an das Gewissen der Menschheit, der Regierung des spanischen Volkes zu helfen. Es ist ihm eine Genugtuung, daß englische Freiwillige nach Spanien zur Verteidigung der Demokratie eilen.  

Aus Anlaß seines achtzigsten Geburtstags wendet er sich mit einem Essay an die Öffentlichkeit, überschrieben mit dem Titel „Die Krisis in der Zivilisation“.  

Rabindranath Tagore stirbt am 7. August 1941 im Haus der Familie in Kolkata. Er hinterläßt mehr als 1000 Gedichte, 8 Bände Kurzgeschichten, zwei Dutzend Dramen, 8 Romane, mehr als 2000 Lieder. Er verfaßt Schulbücher und populärwissenschaftliche Darstellungen über naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Er ist unermüdlich als Journalist tätig, er inszeniert seine Theaterstücke und spielt selbst in ihnen mit, er hält Vorträge über indische Musik, Philosophie, Geschichte und vieles andere mehr. Die Vielseitigkeit seines Talents ist für uns kaum faßbar.  

Wenn Tagore auch in einem Gedicht am Ende seines Lebens bedauert, daß es ihm nicht genügend gelungen sei, den Weg in das Innere der Menschen zu finden, daß er durch die Schranken seines eigenen Lebens mitunter an den Problemen der einfachen Menschen vorübergegangen sei, so hat er doch auch uns heute, mehr als 60 Jahre nach seinem Tod, viel zu sagen. Noch viele nachfolgende Generationen werden Kraft, Zuversicht und vor allem Freude aus der Fülle seiner Werke schöpfen können.

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