Mahavira wurde 27-mal wiedergeboren, bis er Erleuchtung erlangte.
Karma lässt niemanden aus, sagt ein indisches Sprichwort.
Der Samen weiß nicht, was geschehen wird, denn er weiß nichts von der Blüte. Zudem kann er nicht einmal glauben, dass er das Potential in sich trägt, eine wunderschöne Blüte zu werden. Lang ist seine Reise, und es wäre sicherer sie nicht anzutreten, denn die Route ist unbekannt und garantiert wird für gar nichts. Auf dieser Reise lauern 1001 Gefahren und viele Fallstricke sind ausgelegt, doch der Samen ist in seiner harten Schale sicher geborgen. Er aber versucht alles, die harte Schale, seine Sicherung, zu durchbrechen. Sofort beginnt der Kampf: gegen die Erde, die Steine, die Felsen. So hart und stark der Samen ist, so zart und gefährdet ist der Keim. Für den Samen gab es keine Gefahren, er hätte Jahrtausende überleben können. Doch der zarte Keim bricht auf ins Unbekannte, dem Licht der Sonne entgegen, ohne zu wissen wohin und warum. Gewaltig ist die Reise, die das Leben antritt, doch ein Traum verfügt über den Samen, und der Samen setzt sich in Bewegung. Genauso ist es mit dem Menschen. Seine Reise ist beschwerlich und verlangt viel Mut.
Mahavira war der 24. Tirthankara der Jaina. Gemäß der Jain Philosophie wurden alle Tirthankaras als Menschen geboren, die in der Meditation ihre Seele geschaut haben, wodurch sie zu vollkommenen und erleuchteten Menschen geworden sind.
Ein Tirthankara (oder Jina - der Siegreiche: Er hat erfolgreich die 5 inneren Feinde Angst, Zorn, Gier, Täuschung und Bewertung der Lebensumstände nach Zu- oder Abneigung bezwungen) ist der Gründer einer auf den vier Säulen - Mönch, Nonne, weibliche und männliche Laien - basierenden Religionsgemeinschaft der Jaina.
Mahavira wurde 599 vor unserer Zeitrechnung als Prinz Vardhaman in Bihar, Indien, geboren. Im Alter von 30 Jahren verließ er seine Familie und das Adelshaus seiner Geburt. Er gab seine weltlichen Besitztümer einschl. Kleidung auf und wurde Mönch. Die folgenden 12 Jahre verbrachte er hauptsächlich in tiefer Meditation im Dschungel und sprach und aß nur wenig.
Sorgfältig vermied er das Verletzen und Eindringen in die Lebensräume anderer Lebewesen wie Tiere und Pflanzen. Seine Meditationsmethode, seine selbst auferlegten Entsagungen und seine friedliche Lebensweise sind Vorbild aller Jaina Mönche, Nonnen und Laien. Das Ergebnis seiner über 12 Jahre praktizierten spirituellen Übungen war neben übersinnlicher Wahrnehmungsfähigkeit und der Generierung gewaltiger Energien die Erlangung von Allwissenheit, Keval Jnana. Die nächsten 30 Jahre seines Lebens durchquerte er als spiritueller Lehrer barfuss den indischen Subkontinent und unterwies seine Mitmenschen in der Realisierung der ewigen Wahrheit, die er geschaut hatte. Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft folgten seinen Lehren, Könige, Arme, Reiche, Priester, Händler und Kaufleute. Er richtete sich explizit gegen die im Alten Indien geltenden Kastenregeln der sozialen Aussonderung, für ihn zählte nur die Bereitschaft eines Menschen, sich seiner Fähigkeiten und seines Potentials als Mensch bewusst zu werden und sie zum Wohle der Allgemeinheit einzusetzen. Sein ultimatives Ziel war die Befreiung des Menschen aus dem ewigen Kreislauf der Geburten und Tode voller Wechselbäder aus Freud und Leid, mit dem Ziel, einen Zustand andauernder Glückseligkeit zu erleben in absoluter Freiheit und Erlösung (Moksha).
Mahavira erklärte, dass die Seele jedes Lebewesens (Jiva) seit ewigen Zeiten von Karma Atomen gebunden wird, die sich aus den eigenen guten oder schlechten Taten generieren. Unter dem Einfluss des Karma gewöhnt sich die Seele daran, Vergnügen aus sinnlichen Freuden und materiellen Objekten zu ziehen, die zur Ursache für egozentrische und gewalttätige Gedanken, Worte und Taten werden, was wiederum zur Anhäufung weiteren Karmas führt. Mahavira predigte, dass richtige Einstellung (Samyak Darshana), richtige Erkenntnis (Samyak Jnana) und richtiges Handeln (Samyak Charitra) dem Menschen dazu verhelfen sich selbst zu befreien. Das Herzstück von Mahaviras Lehre ist in fünf Gelübden niedergelegt:
Gewaltlosigkeit (Ahimsa)
Wahrhaftigkeit in Worten und Taten (Satya)
Nichts nehmen, was einem nicht gegeben wird (Asteya)
Nicht nach sinnlichen Freuden und Genüssen streben (Brahmacharya)
Keinen Besitz anhäufen (Aparigraha)
Mönche und Nonnen bekunden mit ihrem Eintritt in das Mönch-, bzw. Nonnentum, dass sie der verbindlichen Befolgung dieser Gelübde in jeder Lebenssituation ihr ganzes Leben widmen. Laien sehen sie als Grundlage ihres Handelns in der Welt an und realisieren sie soweit sie dazu in der Lage sind. Das bezieht sich sowohl auf die individuellen (genetisch,charakterlich), als auch die sozialen (Umwelt, Arbeit) Lebensumstände.
Mahavira starb im Alter von 72 Jahren im Jahre 527 v.u.Z. Seine vom Karma gereinigte Seele verließ seinen Körper und erlangte vollkommene Befreiung. Er wurde zu reinem, ewig lebendigem, körperlosem Bewusstsein in vollkommener Glückseligkeit, was man in Indien als Siddha bezeichnet. Die spirituelle Kraft und der ethische Level seiner Lehren beeindruckte und beeindruckt bis heute die Menschen. Er machte die Religion einfach und natürlich, ohne elaborierte rituelle Komplexitäten. Seine Lehren reflektieren das humane Streben nach innerer Schönheit und Harmonie der Seele.