Zu Beginn des Neuen Jahres möchte ich allen meine besten Wünsche für ihre spirituelle Entwicklung übermitteln.
Spirituelle Entwicklung ist zusammen mit der materiellen unentbehrlich; meiner Auffassung nach ist Frieden ohne Spiritualität nicht möglich. Die Entwicklung von spirituellem Bewusstsein ist die erste Lektion des Friedens. Seine praktische Form ist Ahimsa (sanskr.: Gewaltlosigkeit, Abwesenheit von Gewalt, dem Weg der Gewalt den Rücken kehren).
Zwischen Frieden und Ahimsa besteht eine Beziehung von Ursache und Wirkung: Ahimsa ist die Ursache, Frieden die Wirkung. Bevor wir über den Frieden reden, sollten wir zuerst den Gedanken der Ahimsa tief in uns aufnehmen.
Der erste Grundsatz von Ahimsa ist die Reinheit von Gedanken, Emotionen und Handlungen in dem Sinne, dass wir uns von jeglicher Gewalt in Gedanken, Emotionen und Handlungen frei machen. Das dazu nötige Bewusstsein entwickeln wir, wenn wir die Gleichwertigkeit allen Lebens anerkennen. Mit der Entwicklung eines Bewusstseins, welches das Recht auf Leben aller, auch der kleinsten Lebewesen anerkennt, sind wir auf dem Weg, unseren Traum vom Frieden zu realisieren.
Diese geistige Realisierung führt uns weiter zu dem Gedanken, dass wir Menschen eine Einheit bilden. Dieser Gedanke ist einer der Grundgedanken von Anuvrat, einer von Acharya Tulsi in Indien vor mehr als 50 Jahren ins Leben gerufenen Bewegung. Die Einheit aller Menschen gründet sich vor allem darauf, dass alle Menschen in erster Linie Menschen sind, weder groß, noch klein, weder minderwertig, noch übergeordnet.
Gegenwärtig sind Dogmatismus und die ungleiche Verteilung des Wohlstands in der Welt die Ursachen vieler Unruhen. Wenn wir den Frieden wirklich wollen, müssen wir vor allem die Unterschiede ausgleichen. Tun wir das, stellt sich der Frieden von selbst ein.
Es berührt mich bis in die Tiefen meiner Seele, dass sich Menschen gegenüber ihren Mitmenschen nicht menschlich verhalten. Einige leben in unvorstellbarem Reichtum, während andere nicht einmal ihren Hunger stillen können. Hätten wir den Gedanken bereits realisiert, dass alle Menschen das gleiche Recht auf ein Leben in Würde haben, gäbe es weder Hunger, noch Armut und das damit verbundene Leid.
Gegenwärtig ist der Gedanke, dass alle Menschen das gleiche Recht auf ein Leben in Würde haben, leider nur ein ethischer Grundsatz. Erst wenn wir im Sinne von Ahimsa handeln, sind unsere Hoffnungen auf Frieden berechtigt und wir können uns Gedanken über eine Transformation der Welt im ganzen machen.
Der zweite Grundsatz von Ahimsa ist, umsichtig bei der Konsumption materieller Güter zu sein. Materieller Besitz ist nicht etwas für wenige Auserwählte, sondern sollte der Gesellschaft als Ganzes zur Verfügung stehen. Wie gesagt, die jedes Maß überschreitende Ungleichheit zwischen Arm und Reich ist eine der Hauptursachen für alle Unruhen. Wir sollten der wahren menschlichen Natur folgen und sie ausgleichen.
Vor meinem geistigen Auge visualisiere ich eine Bedrohung des Fortbestehens der Menschheit durch die gegenwärtige Situation. Es breitet sich immer mehr eine Geisteshaltung aus, die anderen die eigene Hoheitsgewalt aufzwingen möchte. Nationen wetteifern in der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen. In diesem Wettstreit bleibt der Frieden, den wir uns doch alle wünschen, auf der Strecke. Wir müssen einsehen, dass wir durch unser widersprüchliches Handeln keinen Frieden erringen können.
Wir können unsere Erkenntnis, dass jeder Mensch ein Recht auf ein Leben in Würde hat, in die Praxis umsetzen, wenn wir uns von Dogmen aller Art befreien. Eine Gemeinschaft muss die Auffassungen anderer respektieren, seien es nun unterschiedliche Glaubensvorstellungen, Herangehensweisen oder Riten. Ein Garten, in dem nur eine Pflanze wächst, wirkt monoton, während eine Vielfalt von Pflanzen unsere Augen erfreut. Unterschiede sind kein Widerspruch, sie verleihen einer Betrachtung erst die Schönheit. Wir setzen die Mannigfaltigkeit der Gedanken in Konflikt und Gewalt um. Ist das die richtige Einstellung? Darüber sollten wir uns Gedanken machen.
Zu Beginn des Neuen Jahres sollten wir nicht auf andere schauen, sondern uns selbst in bezug auf unsere Handlungen im vergangenen Jahr betrachten. Zugleich mit der Bewertung unserer vergangenen Handlungen sollten wir auch für eine erleuchtete Zukunft und Wohlergehen beten. Diskussionen über Frieden sind müßig, solange wir unsere Gedanken an die Vergangenheit nicht mit unserem gegenwärtigen Leben und unseren Wünschen für die Zukunft synchronisieren können. Ich hoffe inständig, dass wir dahin kommen, über eine Seele frei von Leidenschaften und Emotionen meditieren zu können. Religion ist kein Zertifikat oder Statussymbol, sondern muss in unseren Handlungen verwirklicht werden.
Acharya Tulsi setzte sich dafür ein, dass unsere Handlungen unsere ethischen Grundlagen reflektieren und dass Religion nicht auf heilige Stätten und Schriften beschränkt bleibt, sondern sich in unserem Alltagsverhalten manifestiert. Entwickeln wir Achtsamkeit dafür, anstatt Rituale um ihrer selbst willen auszuführen.
Zu Beginn des Neuen Jahres sollten wir unseren Geist damit entspannen, ihn neue Wege gehen zu lassen und ihn nicht mit Dogmen zu belasten. Früher gab es weniger Stress als heute, weil sich die Menschen nicht so einseitig an der Gewinnung materieller Vorteile orientiert haben.
Es ist dringend geboten, dass wir zugunsten des Friedens über Ahimsa sprechen. Ahimsa bedeutet auch Kontrolle von Konsum und Kontrolle über die Anhäufung materieller Güter. Wenn wir uns danach richten, kann der Traum vom Frieden im Alltag Gestalt annehmen, damit wir Spannungen abbauen und Depressionen überwinden können. Ärzte und Krankenhäuser können uns nicht helfen, solange wir den Ursachen nicht entgegenwirken.
Wenn ich Frieden und Ahimsa predige, ist mir klar, dass meine Botschaften nur eine kurzlebige Anregung für den Geist derer sind, die sie vernehmen. Gedanken, die nur die bewusste Oberfläche des Geistes erreichen, hinterlassen in ihm keinen dauerhaften Eindruck. Erst wenn auch die Tiefen des Unbewussten erreicht werden, wird er transformiert. Das geschieht nur, wenn die Inhalte wieder und wieder in Handlungen umgesetzt werden. Deshalb sollten wir darüber nachdenken, wie wir unsere Absichten tatsächlich in Handlungen umsetzen können.
Unser Bildungssystem ist seltsam: Wir legen sehr viel Gewicht auf die intellektuelle und körperliche Entwicklung, doch so gut wie keines auf die emotionale. Ahimsa-Training ist bis heute kein Bestandteil der Lehrpläne. Solange Gewaltlosigkeit nicht trainiert und ständig praktiziert wird, bleibt dieses Konzept nur ein Versprechen und nichts wird sich ändern.
Lösung
Die Lösung der gegenwärtigen Probleme liegt meiner Auffassung nach darin, dass man Selbst-Beschränkung im Leben praktiziert, d.h. sich dort einschränkt, wo man es sinnvoll findet und verwirklichen kann. “Sanyam hi jeevan hai”bedeutet “Selbstbeschränkung ist Leben”, es ist das Herzstück der Anuvratbewegung, denn der Mangel an Selbstbeschränkung Weniger führt zu Leid und Elend Vieler.
Deshalb sollten wir über Selbst-Beschränkung und Selbst-Beherrschung nachdenken. Es gilt nicht andere zu beherrschen, sondern sich selbst und Selbst-Bewusstsein zu gewinnen. Je mehr das Bewusstsein erwacht, desto einfacher finden wir die Lösung der Probleme. Die Lösung nur außerhalb von uns zu suchen, führt zu keinem Ergebnis.
Ein Junge zündete eine Lampe an. Ein Weiser fragte: “Woher ist das Licht gekommen?“ und blies die Lampe aus. Der Junge fragte: „Wohin ist das Licht gegangen?“
Woher kommt das Licht und wohin geht es? Das ist unser Problem, dafür müssen wir eine Lösung finden. Woher kommt die Unruhe, wohin geht der Frieden? Dafür müssen wir auch eine Lösung finden. Werfen wir keinen Stein ins Dunkle, sondern bewegen wir uns mit dem Licht und finden dabei die Lösung.
Den Schlüssel zur Lösung finden wir mühelos und stressfrei in einem Bewusstsein ohne Furcht. [Mahavira, Jesus, … « Fürchtet euch nicht! »]
Beginnen wir das Neue Jahr mit diesem Gedanken an ein befreites, reines Bewusstsein, auf dass unsere Freude andauere und wir darin das finden können, was das Neue Jahr zu einem glücklichen und erfreulichen für die Menschheit machen wird.