Paryushan, das Versöhnungsfest der Jaina
Eine Tradition der Besinnung, Vergebung, Befreiung und Erneuerung
Carla Geerdes
25.08.2004
Die Jaina [siehe Jainismus] in Indien und wo auch immer auf der Welt bereiten sich auf das bevorstehende Versöhnungsfest Paryushan vor, das alljährlich zwischen der zweiten August- und Septemberdekade stattfindet und einen Zeitabschnitt von ca. acht Tagen umfasst. Während dieser Zeit der Besinnung und des Neuanfangs lassen die Jaina alle aufschiebbaren persönlichen und geschäftlichen Angelegenheiten zugunsten ihrer spirituellen Tradition ruhen und ziehen sich, soweit es mit ihrem Alltag vereinbar ist, von der Welt zurück.
Besondere Bedeutung kommt dem Fasten zu, das zwischen sechsunddreißig Stunden und mehreren, manchmal bis zu einundzwanzig Tagen variiert. Das Fasten dient der Loslösung aus dem weltlichen Geschehen und der Besinnung auf die Handlungen im eigenen Leben. Während dieser Innenschau werden morgens und abends zur gleichen Tageszeit Gebete kontinuierlich wiederholt, wobei allmählich die eigenen Fehler ins Bewusstsein gelangen. Die Gebete werden weder öffentlich, noch vor oder von einem Priester vorgetragen, jeder spricht sie bei der Innenschau für sich:
Khamemi Savva-Jive, Savve Jiva Khamantu Me
Mitti Me Savva-Bhuesu, Veram Majjha Na Kenai.
Ich vergebe allen Lebewesen des Universums,
mögen auch mir alle Lebewesen meine Fehler vergeben.
Ich bin niemandem feindlich gesinnt und begegne allen Lebewesen als Freund.
Dabei helfen der Besuch von Vorträgen über die Lehren der Jina [siehe Tirthankara] sowie das Studium spiritueller Schriften. Jeder Einzelne prüft seine privaten und geschäftlichen Handlungen des vergangenen Jahres eingehend daraufhin, ob er einem Lebewesen Schaden zugefügt oder jemanden durch das eigene Verhalten verletzt hat. Ist einem eigenes Fehlverhalten bewusst geworden, möchte man es am liebsten ungeschehen machen. Dieser menschliche Impuls wird hier in einen bewussten Akt der Reue mit der daraus resultierenden Bitte um Vergebung transformiert.
Auch die selbst erlittenen Verletzungen müssen vergeben werden, damit man sich vom Druck vergangener Ereignisse befreien, seinen Lebensweg unbelastet fortsetzen und mit neu gewonnenen Energien künftige Widrigkeiten bewältigen kann. Nach Gewahrwerden der aufrichtigen und tief empfundenen Reue zum Beispiel über ein Zerwürfnis, sprechen sich alle Beteiligten direkt an und vergeben entweder die selbst erlittenen Verletzungen dem Verursacher ausdrücklich oder wenn man selbst der Verursacher war, wird der Kontrahent angesprochen und um Vergebung gebeten. Besinnung, Reue, Vergebung und Befreiung münden im Neubeginn.
Höhepunkt und Abschluss des Versöhnungsfestes bildet die Zusammenkunft der Jainagemeinschaft mit der gemeinsamen Bitte um Vergebung für den eventuell einem Lebewesen oder der Umwelt zugefügten Schaden oder die einem Mitmenschen zugefügte Verletzung, auch wenn dies unbeabsichtigt oder unbedacht geschehen ist..
Die Tradition des Paryushan dient der Besinnung auf die Gewaltlosigkeit [Ahimsa]. Die Jaina sind Vegetarier und respektieren das Leben in allen seinen Formen. Paryushan ist die Zeit der Versöhnung und der Beseitigung der durch negative Handlungen verursachten Belastungen der Seelen, der eigenen und der fremden. Paryushan ist die Zeit der Zusammenkunft mit allen, zudem die Zeit der Selbstheilung durch Beilegung von Disputen und der Unterstützung Bedürftiger. Im engeren und weiteren Sinn.
Obgleich Paryushan eine Tradition innerhalb des Jainismus ist, hoffen viele Jaina, dass sich diese Tradition unabhängig von kulturellen Unterschieden oder Glaubensbekenntnissen als Woche des Friedens und der inneren Reinigung in der ganzen Welt einbürgert. Das wäre ein guter Anfang, mit uns selbst, unseren Mitmenschen, unseren Mitkreaturen und der Natur ins Reine zu kommen.
Vorschlag für sieben Tage Paryushan:
1. Früh aufstehen und den Tag mit heiligen Texten beginnen.
2. Kontemplation, Besinnung und Betrachtung dieser heiligen Texte.
3. Eine halbe Stunde Preksha Meditation.
4. Einschränkung der Nahrungsaufnahme oder Fasten.
5. Nach Sonnenuntergang nichts mehr zu sich nehmen.
6. Den Körper nicht mit Essen etc. belohnen.
7. Kleine Gelübde [Anuvrata] einhalten, z.B. nichts versprechen, was man nicht halten kann, keinen Alkohol trinken, nichts Süßes essen, etc.
8. Eines der folgenden Gelübde einhalten: Nicht lügen, nicht stehlen, keinen Besitz erwerben.
9. Eine Stunde lang täglich schweigen.
10. Mit der Familie beten oder meditieren.
11. Ein Gefühl der Selbstlosigkeit entwickeln.
12. Von allen Formen der Unterhaltung Abstand nehmen.
13. Kein grünes Gemüse essen oder Reistage einlegen.