Indien, genauer, Jaipur im Sommer – das kam mir bisher nicht in den Sinn, zumal unsere ortsansässigen Freunde mit Warnungen vor Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit während des Monsuns nie gegeizt hatten. Doch als die Einladung zur Teilnahme an einem Preksha Meditationscamp in Gegenwart meines nunmehr 88-jährigen Lehrers Acharya Mahaprajnaji per Email eintraf, dachte ich spontan, ja, das sollte ich machen. Die Sprache während des Camps würde Hindi, gewürzt mit englischen Brocken sein. Ich spreche kein Hindi, doch das war mit einem Mal kein Grund für mich, an dem Camp nicht teilzunehmen. Die Realisation des Vorhabens stellte ich mir allerdings viel schwieriger vor, als sie dann tatsächlich war.
Bereits am 24. Juni flog ich von Berlin über Frankfurt mit Air India nach Delhi, wo ich am 25. pünktlich um 03:45 morgens landete. Vorsorglich hatte ich darum gebeten nicht abgeholt zu werden, denn meine Erfahrungen mit der Vorhersagbarkeit von Air India Ankunftszeiten waren so, dass ich es vorzog, mit dem einheimischen Prepaid Taxiunternehmen (Ausgang rechts von der Ankunftshalle, Fahrpreis wird vorher berechnet, entrichtet, ist nicht verhandelbar & Name & Ziel des Fahrgastes werden aufgeschrieben & wohlbehaltene Ankunft kontrolliert) direkt zum Adhyatma Sadhana Kendra zu fahren. Dort öffneten sich dann auch glücklicherweise nach mehrmaligem Hupen die Tore zu Zimmer & Bett & ich fiel in einen leichten Schlaf, begleitet vom Brummen des Ventilators. Das Klima fand ich gar nicht so anders als in Berlin, wo es zuvor sehr heiß gewesen war. Na ja, nur dass ich trotz des Ventilators schweißgebadet aufwachte und kurz nach dem Duschen gleich wieder schweißnass war.
Den Ankunftstag verbrachte ich mit Swami Dharmanandji, der auch mein Zugticket besorgt hatte, im Kendra. Am nächsten Morgen um 06:00 sollte es mit dem Zug weiter nach Jaipur gehen, wo Acharya Mahaprajna seinen Chaturmas verbringt & auch das Meditationscamp stattfinden sollte. Als ich unseren Freunden Shivani & Sanjeev Bothra (Link zu Sanjeevs englischsprachiger Homepage) mitgeteilt hatte, dass ich in Jaipur an einem Preksha Meditationscamp teilnehmen werde, luden sie mich sofort herzlich ein, für die Dauer meines Aufenthaltes bei ihnen zu wohnen. Bereits im November 2006, als wir sie zuletzt trafen, hatten sie uns in ihr neues Haus eingeladen, das zu der Zeit allerdings nur in den Köpfen der Familienmitglieder existierte. Erstaunlich war die kurze Bauzeit von nur sechs Monaten & die Einhaltung des vorgegebenen Zeitrahmens, was Shivani darauf zurückführt, dass die gesamte Familie den Bau des Hauses für diese 6 Monate zur Hauptsache gemacht hatte & sich alle Familienmitglieder bei der Beaufsichtigung der Bauarbeiten mit Dilip, ihrem Haushälter, rund um die Uhr abwechselten. Dilip hatte sich bereit erklärt, die Nachtschicht zu übernehmen, was bedeutete, dass er für die Dauer der Bauarbeiten in einem kleinen Zelt auf dem Grundstück schlief.
Als Swami Dharmanandji & ich am nächsten Morgen in Delhi zum Bahnhof unterwegs waren, hatten wir noch genügend Zeit für eine Stippvisite bei Muni Sumermal, was in Indien „Darshan bekommen“ genannt wird.
Mit „Darshan bekommen“ wird der Vorgang bezeichnet, den man erlebt, wenn einen die Schwingungen eines Menschen, der sein Leben der Weiterentwicklung seines spirituellen Bewusstseins weiht, sanft in die Höhe fächeln. Meine Unausgeschlafenheit wich einem beschwingt-fröhlichen Lebensgefühl voller Energie. Vorstellen konnte ich mir das nicht, bevor ich es erlebt hatte. Beschreiben kann ich es vielleicht damit, dass es einfach sehr schön ist, frühmorgens von einem Menschen so liebenswürdig und freundlich angesprochen zu werden, wie Muni Sumermal mich (und alle anderen) ansprach. Mich hat allein das sozusagen automatisch in gute Stimmung versetzt & meine positiven Energien deutlich verstärkt.
Muni Sumermal verbringt die Regenzeit (Chaturmas) im Anuvrat Bhawan in der Nähe des Bahnhofs, von dem die Züge nach Jaipur starten. Während der viermonatigen Regenzeit sind die Wandermönche nicht unterwegs, sondern bleiben an einem Ort.
Um Punkt 06:00 früh setzte sich der Zug in Bewegung, planmäßige Ankunftszeit in Jaipur sollte 10:45 sein. Ich freute mich auf das Preksha Meditationscamp und auf unsere Freunde Shivani & Sanjeev Bothra (Link zu einem englischsprachigen Artikel über Shivani & Sanjeev in der Online Ausgabe einer renommierten Designzeitung Indiens). Sanjeev ist neben seiner freiberuflichen Tätigkeit als Designer Doktorand und Dozent im Bereich Design an der Universität von Ahmedabad, Gujarat, der einzigen Universität Indiens mit der Fachrichtung Design. Sein Doktorvater ist eine international anerkannte Kapazität, der die neue Designer-Generation der aufstrebenden Konsumnation Indien ausbildet und schon viele Preise für funktionales und umweltschonendes Design gewonnen hat. Shivani arbeitet auch in Sanjeevs Firma und bereitet ihre Doktorarbeit für die Jain Vishva Bharati Universität Ladnun vor, in der sie die Auswirkungen von regelmäßigem Meditationstraining auf das Aggressionspotential von Grundschülern untersuchen wird.
Der Zug erreichte Jaipur pünktlich – Shivani holte mich ab. Sanjeev musste im Auto warten, weil er wegen einer Knieverletzung nicht gut zu Fuß war. Er hatte im oberen Fach eines Regals etwas richten wollen und gemeint, er brauche dafür nicht extra die Leiter zu holen, der Stuhl täte es auch. Tat er aber nicht, er kippte um, und Sanjeev kam so unglücklich mit dem Bein auf, dass sein Kniemuskel sich verdrehte. Das war drei Tage vor meiner Ankunft passiert, und Sanjeev erhielt wieder Besuch von dem ayurvedischen Knochenspezialisten, der ihn schon einmal vor vielen Jahren erfolgreich behandelt hatte.
Eingangstür und Treppenhaus in der Wohnhalle
Nachdem wir Sanjeev abgesetzt hatten, fuhren wir zum Haus. Unterwegs bewunderte ich die Souveränität, mit der Shivani sich den Herausforderungen des – nach meinem Dafürhalten chaotischen – Verkehrsgeschehens stellte. Es ist mir während meines dreiwöchigen Aufenthalts nicht gelungen, eine dem Geschehen möglicherweise zugrundeliegende Regelhaftigkeit zu entdecken, nennen konnte mir auch niemand eine. Dennoch bemerkte ich gegenseitigen Respekt aller Verkehrsteilnehmer und unaufdringliche Rücksichtnahme, auch Tieren gegenüber. Potentielle Unfallsituationen wurden vermieden, elegante Ausweichmanöver waren an der Tagesordnung, und – mir fiel auf, wie wenig gehupt wurde!
Im Haus begegnete ich zum erstenmal meinen nun lieben Freunden Premji & Vijoyji Bothra, Sanjeevs Eltern. Die Familie lebt gemäss der indischen Tradition in einer „joint family“, was im Fall der Bothras aber eher eine fröhliche Wohngemeinschaft ist. Ich fühlte mich sofort wohl in dieser angenehmen, bis ins Detail funktionsgerecht designten Umgebung inmitten dieser herzlichen Menschen, die mich sofort wie ein Familienmitglied in ihren Kreis aufnahmen.
Hier erfuhr ich zu meiner Freude, dass Shivanis Mutter Kanchan auch an dem Meditationscamp teilnehmen würde & wir wahrscheinlich das Zimmer teilen würden, wenn möglich. Das freute mich nicht zuletzt wegen meiner fehlenden Hindikenntnisse. Kanchanji (ji wird als Ausdruck des Respekts dem Namen angehängt) wurde am Nachmittag aus Kolkata erwartet, und wir machten einen Plan, wie alle für den Nachmittag anstehenden Aktivitäten unter einen Hut gebracht werden könnten. Nach dem Mittagessen wollten wir zum Anuvibha Bhawan, wo H.H. Acharyashree und die Mönche und Nonnen den Chaturmas verbringen. Ich würde dort bleiben, während Shivani & Sanjeev Kanchanji vom Flughafen abholten & anschließend mit ihr dorthin kämen. So hätte ich genügend Zeit für Darshan vom Acharya & allen Mönchen & Nonnen, die mich kennen & die ich kenne. Außerdem wollte ich noch Dr. S. L. Gandhi von der Anuvrat Global Organisation treffen, der im Anuvibha Bhawan sein Büro hat.
Blick auf Fenster & Balkon des Gästezimmers
Eingang für Geschäftsbesucher
Blick von der Straße aus mit Nachbarhäusern
Eingangsbereich mit Blick auf die im Untergeschoß gelegenen Arbeitsräume von Sanjeev & Shivani
Eingangstür zur Wohnhalle
Blick vom unteren Eingangsbereich auf die runde Außenwand und runden Balkon der Bibliothek im 1. Stock