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Jainismus

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das Grundgesetz im Jainismus


 

2008 Karuna’s Jaipur Tour – [03] Gochari

Editor Karuna Jain

06.08.2008

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27.06.2008

 

Nach dem Frühstück trafen Premji („ji“ ist ein Ausdruck des Respekts & wird dem Namen angehängt), Kanchanji, Shivani & ich die Vorbereitungen zu einem kleinen Picknick im Vorhof des Hauses, in dem Sadhvi Pramukha („Chefin“ der Nonnen, deren Stellung in der Hierarchie der einer Äbtissin vergleichbar ist) und mehrere Gruppen von Nonnen während ihres Aufenthaltes in Jaipur untergebracht sind. Mönche und Nonnen nehmen kein Essen an, das speziell für sie zubereitet worden ist, sondern nur von dem, was die Haushälter (in Indien üblicher Begriff für Laien, bzw. Nicht-Ordinierte) zum eigenen Verzehr zubereitet haben. Zur Zeit der Mahlzeiten betreten sie die Küche eines Hauses mit der unausgesprochenen Frage: „Habt ihr soviel zu essen, dass ihr uns etwas abgeben könnt?“

Heute ähnelt es eher einem Akt des Managements zu wissen, wann man zu welcher Familie geht & was man von wem nimmt, kommuniziert durch ein „Buschfunksystem“, dessen zugrundeliegender Mechanismus sich mir bisher noch nicht erschlossen hat. 

Sobald der Ort des Chaturmas während der vier Monate Regenzeit, in der die Mönche & Nonnen sich an einem Ort aufhalten und nicht unterwegs sind, bekannt gegeben worden ist, wird mit der Errichtung von provisorischen Häusern aus Fertigteilen begonnen, in denen die Laien wohnen und kochen können. In der Vergangenheit war der sogenannte Chaturmas oft eine Überlebensfrage. Denn wenn die Mönche und Nonnen während dieser Zeit in einer Gegend waren, in der nicht alle hungrigen Mägen dauerhaft gefüllt werden konnten, begannen sie zu fasten. Diese unvorhergesehene Fastenzeit zog sich manchmal sehr lange hin.

Heutzutage wird das Geben des „Gochari“ (Essensspende) als glückverheißende Tradition nicht nur deswegen betrachtet, weil man mit den „Heiligen“ - wie die Mönche und Nonnen im Volksmund heißen – so lebenswichtige Grundlagen wie das Essen teilt, sondern auch, weil mit der Essensspende die Handhabbarkeit der Lebensgrundlagen zelebriert wird. Wir jedenfalls hatten genug Essen dabei, von dem wir den Nonnen etwas abgeben konnten.

 

2097 Gochari
Shrimati Prem Bothra (r) und Shivani Bothra bieten Nonnen Früchte an.

Wir erreichten unser Ziel gerade zu der Zeit, als die Nonnen sich auf den Weg zum „Gochari“ in die Küchen der Laien machten. Gochari heißt ursprünglich grasen. So wie die Kühe auf einer Weide niemals das ganze Gras ausrupfen, sondern es hier und da zupfen, ziehen die Mönche & Nonnen von der Küche einer Familie zur nächsten und wählen jeweils nur eine bestimmte Menge und Speisenart vom Essen einer Familie. Dieser Vorgang des Losgehens mit leeren Händen und des mit Speisen beladenen Wiederkehrens braucht natürlich seine Zeit und erfordert zudem beträchtliche Körperkräfte. Gewöhnlich holen zwei Mitglieder einer aus 5 Nonnen bestehenden Gruppe das Essen für die ganze Gruppe.

Sie lassen sich das Essen in ihre aus Kokosnüssen selbstgefertigten & -bemalten Schüsseln geben, die sie zum Transport in ein an den Rändern verknotetes weißes Baumwolltuch übereinander stellen. Jede Nonne fertigt für sich 5 ineinander stapelbare Gefäße verschiedener Größe, deren kleinstes als Trinkgefäß dient. Außer einem Baumwollsari & Wäsche zum Wechseln ist das ihre einzige Habe, die sie auf allen Wanderungen mit sich tragen. Auch der Ersatzsari & die Wäsche wird zum Transport in ein festgewebtes weißes Baumwolltuch geknotet. Alle Stoffe, die sie brauchen, werden von älteren Nonnen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind und deshalb an einem Ort leben, in mühevoller Kleinarbeit hergestellt. Saris, die zum Tragen zu verschlissen sind, werden aufgeräufelt, die verwertbaren Fäden aufgespannt, zu einem Knäuel gewickelt und am Handwebstuhl neu zu Stoff verarbeitet oder als Nähfaden benutzt.

Das Ganze geschieht im Laufschritttempo, denn auch die Zeit muss eingehalten werden, in der alles vonstatten geht. Es sind nicht nur einige Familien aufzusuchen und die Wegezeiten zu berücksichtigen, auch der Zeitplan für die Einnahme der Mahlzeiten muss eingehalten werden, denn er ist für alle Mitglieder einer Gruppe verbindlich. Einzel- und Gruppenaktivitäten lassen sich nur durch Pünktlichkeit und Disziplin aller effektiv koordinieren. Ausgeschieden aus jeder weltlichen Gemeinschaft praktizieren sie in der Realisierung ihrer Spiritualität ein Netzwerk aus Kooperation & liebevoller Zuwendung, das ein genaues Abbild der Lehren ihres Meisters Mahavira ist.

Die Mahlzeiten nehmen sie schweigend unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein. Nach dem Essen gibt es eine Ruhepause, während der die meisten sich ausruhen. Sie liegen auf einer dünnen Decke oder einem Karton, auch während der Nacht. Anlässlich eines Besuches bei den Mumukshus (Novizinnen) in Ladnun erklärten sie mir, wie sanft sie daran gewöhnt werden, auf dem harten Boden schlafen zu können. Anfang des ersten Jahres schlafen sie auf zwei dicken Decken, nach 6 Monaten verzichten die meisten auf eine davon. Im zweiten Jahr dann wird die dicke Decke durch eine dünne oder einen Karton ersetzt. Allerdings berichteten die Novizinnen, dass sich manche sich sehr viel schneller daran gewöhnen und diese Gewöhnung auch niemandem schwer falle, ja manche völlig auf eine Unterlage verzichten.

2096 Gochari
Smt. Kanchan Baid aus Kolkata bietet einer Nonne Mangos an

Der Sommer ist die Zeit der Mangos in Indien. Es soll über 200 Sorten geben, manchmal trägt ein einziger Baum bis zu 10 verschiedene Sorten. Wir hatten auch einige Sorten Mangos dabei, die Kanchanji vorübereilenden Sadhvis auf dem Weg zum Gochari anbot. Einige hielten an und nahmen etwas, andere signalisierten, dass sie auf dem Rückweg noch einmal vorbei kämen, manche schüttelten lächeln den Kopf.

Doch zuerst mussten wir etwas essen, denn die Nonnen akzeptieren als Gochari nur Essen, das für sie nachvollziehbar mit ihnen geteilt wird. Das ist in der Küche nicht nötig, aber bei mitgebrachtem Essen schon. Der Gedanke dahinter ist die Einschränkung des individuellen Konsumaufwands & das Zurechtkommen mit jeder Situation, die das Leben bietet. Selbst dann, wenn es überhaupt kein Essen gibt. Es versteht sich fast von selbst, dass die Auswahl, die sie in den Küchen der Haushälter treffen, nicht nach Vorliebe für oder Abneigung gegen bestimmte Gerichte getroffen wird. Erstaunlich genug, dass die mitgebrachten Mengen immer genau das Maß haben, das alle am jeweiligen Tag tatsächlich verzehren. Ich bewunderte, wie sie zu zweit ohne Anzeichen von Schnaufen und großer Anstrengung das Essen für die ganze Gruppe trugen (auch das Wasser!), einfach lächelten und damit jenen dankten, die mit ihnen teilten.

Einmal während meines Aufenthaltes regnete es heftig bis zum Nachmittag. Ich war um die Mittagszeit gerade im Anuvibha Bhawan & fragte mich, wie die Mönche & Nonnen Mittagessen bekommen würden, denn sie gehen im Regen nicht hinaus. Ich hörte im Untergeschoss ungewohnte Geräusche. Sie kamen von den Familien, die zum Mittagspicknick ihr Essen mitgebracht hatten & es dort mit den Mönchen teilten. Eine andere „Picknickgruppe“ tat das gleiche in dem Vorhof des Hauses, in dem die Nonnen waren.

 

2105 Gochari
Smti Prem Bothra & ihre Schwiegertochter Shivani Bothra bieten der Sadhvi Pramukha & anderen Nonnen etwas zu essen an.

2107 Gochari
Karuna gibt der Sadhvi Pramukha & anderen Nonnen Gochari.

Schließlich kam die Sadhvi Pramukha mit einigen Nonnen. Sehr bescheiden, fast lautlos war sie gekommen, mit keinerlei Aufwand anzeigend, dass sie da ist, stand sie vor uns. Noch nie hatte ich erlebt, dass jemand, der eine gewisse Machtposition innehat, sich so bescheiden bewegt und auch auf andere Menschen zugeht. Sie folgte lächelnd mit den Augen Premjis & Shivanis Präsentation einer Auswahl von Gerichten, die wir dabei hatten. Sie sagte, dass sie von allem etwas nehmen würde, und wir fühlten uns alle glücklich dabei zu sein, denn es gilt als äußerst glückverheißend, den Nonnen „mit eigener Hand“ Essen zu geben. Ein subtiler Wechselprozess von Schwingungen. Ja, alle fühlten wir uns am Entstehen der guten Schwingungen beteiligt.

2113 Meeting Sadhvi Pramukha
Sadhvi Pramukha schaut in einem Buch nach der Antwort auf eine Frage, die Premji Bothra (2. links) ihr gestellt hat.

Wir aßen zu Ende und gingen dann zum Darshan von Sadhvi Pramukha und einiger Nonnen, bevor sich die Türen wegen des Mittagessens und der folgenden Ruhepause schlossen. Shivani fuhr mich dann freundlicherweise dorthin, wo ich mit Dr. Shugan Chand Jain, Initiator und Direktor der ISSJS (Internationalen Sommerschule für Jainstudien) verabredet war. 


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