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Jainismus

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2008 Karuna’s Jaipur Tour – [06.2] Preksha Meditation Camp (2)

Editor Karuna Jain

21.08.2008

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29.06.2008

2256 Preksha Meditation Camp
Abendspaziergang mit Gewahrsein, Gaman Yog

Von außen betrachtet waren wir nichts weiter als eine Gruppe, die vom Anuvibha Bhawan schweigend zu einem Abendspaziergang startete, Gaman Yog, bewusstes Gehen, 18:15 bis 18:30, und dorthin auch zurückkehrte. Die Hunde des Viertels wussten es besser. Sie eilten zu einer Biegung der Straße, von der sie annahmen, dass wir dort abbiegen & somit direkt an ihnen vorbeikommen würden (was wir taten), streckten friedlich alle Viere von sich und schienen zu fragen: „Was ist mit euch los? Habt ihr gar nichts im Sinn, worauf wir uns beziehen können?? Keine Angst oder so?“ [Dazu sollte man wissen, dass die indischen Straßenhunde halbwild sind & man ihnen & ihrem raubtierähnlichen Gebiss zumindest respektvoll begegnen sollte.] Am nächsten Abend, wie auch an den folgenden Abenden, warteten sie schon an derselben Stelle & ließen uns wieder ohne Gebell und zähnebleckendes Knurren passieren. Von Abend zu Abend wurde ihre Haltung entspannter, ja, auch die Vögel schienen sich über unsere schweigende Gruppe zu wundern und beobachteten uns von den Ästen der Bäume aus, ohne sich zu rühren oder einen Laut von sich zu geben.

Der erste Tag des Preksha Meditationscamps war im Nu verflogen, zwischen 17:15 & 18:15 war das Abendessen angesetzt. Danach gab es bis zum Frühstück am nächsten Morgen keine weiteren Mahlzeiten. Einige Teilnehmer tranken in dieser Zeit auch kein Wasser. Alle betrachteten das Camp als willkommene Gelegenheit, die Auswirkungen wohlbekannter Traditionen wie nach Sonnenuntergang bis zwei Stunden nach Sonnenaufgang nichts mehr zu essen einmal am eigenen Leib zu erleben, und sogar auch während dieser Zeitspanne nichts mehr zu trinken. Die Mönche und Nonnen befolgen diese Tradition täglich.

Wer andere Ess- und Trinkgewohnheiten kultiviert, mag das vielleicht sonderbar finden. Doch das ist es keineswegs. Es gibt einen so einfachen wie plausiblen Grund für diese Tradition, er lautet: „Alles im Leben hat seine Zeit.“ Was beinhaltet, dass dies auch die beste Zeit dafür ist. 

Die Organisatoren hatten dabei nicht nur im Sinn, die Teilnehmer des Camps zum Befolgen von Traditionen zu inspirieren, sondern wollten zudem Kreativität im Hinblick auf Traditionen & deren Integration in den Alltag aktivieren. Und sie waren erfolgreich damit. Die Teilnehmerinnen & Teilnehmer waren zu jedem diesbezüglichen Experiment von dem Moment an bereit, in dem sie ihre Alltagsroutine verlassen hatten. Warum waren jetzt alle dazu bereit? Die Antwort ist einfach, weil sie sich sicher fühlten, Vertrauen hatten und sich dazu ermutigt fühlten in einer Umgebung, in der all das keine Angelegenheit von Diskussionen oder Argumenten oder Reaktionen ist, sondern als sinnvolle Handlung betrachtet wird. In eigentümlicher Weise fühlte man sich im Einklang mit dem eigenen Wollen, obwohl der Tagesablauf des Camps vom Aufstehen bis zum Einschlafen von anderen ausgetüftelt worden war. Das vorgesehene Timing stimmte nicht nur mit der biologischen Uhr überein, sondern schaffte auch die entsprechenden geistigen Rahmenbedingungen.

Vielleicht ist das zugrundeliegende Geheimnis die Doppelnatur aller Dinge. Wo Festlegung ist, ist auch Freischweben. Freischweben hier, Festlegung dort, war in diesem Fall durch die Freiheit der Wahl bedingt. Alle Anwesenden hatten sich mit dem höchsten Grad an innerer Zustimmung dazu entschlossen, über einen definierten Zeitabschnitt täglich an festgelegten Ereignisabläufen teilzunehmen, die präzise aufeinander folgten. In diesem Fall lag die Freiheit der Wahl in der Akzeptanz, dem Ablauf ohne die geringste innere oder äußere Abweichung zu folgen. Das muss mit höchster Wachsamkeit geschehen, damit man nicht ankommt, wo man keinesfalls hin möchte. Dazu allerdings bedarf es einer 100% vertrauenswürdigen Umgebung. 

Im sozialen Leben könnte es hier den ersten Konflikt geben, aus dem sich dann das Potential für berechtigten Widerstand aufbaut. Doch in diesem Fall handelte es sich nicht um eine soziale Zusammenkunft oder Übereinkunft. In einem Meditationscamp wird das spirituelle Bewusstsein jedes Individuums angesprochen. Nicht nur angesprochen, sondern überhaupt erst zu Entwicklung & Wachstum ermuntert. Für mich war es sehr interessant zu beobachten, wie dieser Prozess initiiert wurde. Die Sprache nicht zu verstehen galt mir als so etwas wie ein Beweis, dass in dieser Sphäre der Austausch von Worten weder nötig, noch hilfreich ist. Worte sind zu grobe Kommunikationskategorien für das Subtile. Nur dort, im Bereich des Subtilen, ist die Begegnung mit dem Selbst möglich. Das Selbst ist der wahrhaftigste und aufrichtigste Lotse durch das, was für den Verstand nichts als ein undurchdringlicher Dschungel von weit über die Sinne hinausreichenden Subtilitäten ist.

 

2259 Preksha Meditation Camp
Abendspaziergang mit Gewahrsein, Gaman Yog

2261 Preksha Meditation Camp
Abendspaziergang mit Gewahrsein, Gaman Yog

2265 Sadhvi Pramukha
Darshan von Sadhvi Pramukha während des Abendspaziergangs mit Gewahrsein, Gaman Yog

An diesem ersten Abend gingen wir zum Darshan von Sadhvi Pramukha, bevor wir unseren Rückweg zum Anuvibha Bhavan fortsetzten. Während des Gaman Yog wurde so gut wie gar nicht gesprochen, niemand musste besonders daran erinnert werden, dass möglichst nur gesprochen werden sollte, wenn es unbedingt nötig ist. Gaman Yog, das bewusste Gehen, ist eine der Übungen, mit denen man trainiert, jedweder Handlung oder Aktivität gewahr zu sein, sozusagen die Realisierung der Aussage: „Wer immer aufmerksam und sich seines Tuns bewusst ist, muss nicht um Verzeihung bitten.“ Alle Handlungen werden im Bewusstsein der sich daraus ergebenden Konsequenzen vollzogen, ohne dass sie von Emotionen gefärbt, geschweige denn Reaktionen auf die Emotionen von jemand anders sind. Man ist dann während der Handlung in einem Zustand  meditativer Wahrnehmung, in dem man nichts mechanisch tut, sondern ein starkes Bewusstsein von seiner Handlung enwickelt. Nebenbei ist das auch eine wirksame Methode gegen Vergesslichkeit, ein furchteinflößendes Symptom, wenn man es im eigenen Alltag bemerkt.

2271 Ranjit Dugar
Ranjit Dugar während seines Vortrags

Die letzte, aber ganz gewiss nicht uninteressanteste Sitzung dieses Tages leitete Ranjit Dugar. Zu Beginn vermittelte Ranjit Dugars sanfte, aber nicht einschläfernde Stimme im Kayotsarga nachdrücklich, dass es nur darum ginge, sich tief zu entspannen. Was wir alle willig befolgten. Doch dabei blieb es nicht. Er führte uns durch eine so eindringliche wie konzentrationsfördernde Mangal Bhavana, was eine von Acharya Mahaprajna komponierte mantraähnliche Aufzählung spiritueller Eigenschaften ist, die man in sich kultivieren möchte. Er sprach jede Zeile vor, die wir im Chor nachsprachen, dreimal hintereinander das Ganze durch.

Danach hielt er einen Vortrag über die Wirkungsweise ausgewählter Bereiche der Preksha Meditation, den er mit einer neuen Qualität krönte. Alle 10 Minuten unterbrach er seinen Vortrag in englischer Sprache für eine Meditationsphase von maximal 5 Minuten. Dafür stellte er sich extra einen mitgebrachten Wecker. Es war faszinierend zu verfolgen, wie er seine eigene Regel umsetzte. Beim ersten Klingelton des Weckers nach 10 Minuten war er etwas überrascht & schrak ein bisschen unwillig zusammen. Jeder, der selbst einmal vor einer größeren Gruppe einen engagierten Vortrag gehalten hat, kann das gut verstehen. Beim zweitenmal konnte er wesentlich schneller auf die Meditationsphase umschalten, und die darauf folgenden Male hatte er nur noch Spaß daran. Genauso ging es uns, seinem Publikum. Auf diese Weise waren wir in den Prozess einbezogen, der für uns transparent geworden war & den wir empathisch nachvollziehen & daher sehr leicht in unser Bewusstsein integrieren konnten. Eine gelungene Abkürzung des Vermittlungsprozesses, sowie ein Meisterstück an gelungenem Transfer, nicht nur im Rahmen eines Meditationscamps. Der Geist kann den Inhalt leicht in alle seine Bereiche integrieren, ihn also ganzheitlich erfassen. Zudem zeigte niemand die am Ende eines langen Tages unweigerlichen Ermüdungserscheinungen, es machte einfach Spaß.

Es ist ungewohnt, den Geist zu entspannen und ihn zugleich zu aktivieren, ohne dass er auf den Körper einwirkt. Der Körper wird nicht bewegt, Muskeln und Nerven erhalten keine Anweisungen, auch keine unbewussten. Daher ist es so wichtig, den Körper ruhig zu stellen. Körper und Geist bilden eine miteinander verwobene Einheit, deren Verknüpfung behutsam, aber nachdrücklich aufgelöst werden soll, damit man tatsächlich in Kontakt mit dem Selbst kommt.

Der Geist ist vollständig mit der Wahrnehmung dessen beschäftigt, was gerade in einem vorgeht, und wenn eine so behutsame Stimme wie die Ranjit Dugars einem klar macht, dass man nichts anderes zu tun hat, als die Vorgänge im Inneren wahrzunehmen, ist das sehr glaubhaft & man folgt bereitwillig.

 

2272 Sadhvi Rajimati & Ranjit Dugar
Ranjit Dugar bei Sadhvi Rajimati für Darshan

Auf dem Weg zum Bus, der uns zurück zu den Kingwin Filmstudios bringen sollte, gingen Kanchanji & ich noch kurz zu Sadhvi Rajimati. Das Haus, in dem sie mit ihrer Gruppe und 3 anderen Nonnengruppen einquartiert war, lag direkt auf unserem Weg. Es hatte vier Zimmer, jede Nonnengruppe mit 5 Mitgliedern hatte einen gemeinsamen Schlafraum dort. Abends kamen viele Laien zum Darshan. Wir waren überrascht, einen ihrer enthusiastischen Studenten anzutreffen, Ranjit Dugar.  Ranjit sagte, dass alles, was er weiß & uns so wundervoll weitergereicht hat, auf Anregungen von Sadhvi Rajimati basiert. Die Bedeutung einer solchen Lehrbeziehung zu einem ordinierten Mitglied der gleichen Glaubensgemeinschaft ist traditionell Bestandteil der indischen Kultur und wird immer noch sehr hoch eingeschätzt und gepflegt. Es ist die Frage, die sich in allen Kulturen immer wieder stellte, stellt und stellen wird: Wem gibt man sein Wissen weiter?

Vielleicht kann man das durchaus mit der Rolle einer Mentorin, eines Mentors vergleichen. Doch wer ist heutzutage vertrauenswürdig genug, um Mentor sein zu können? Es muss jemand sein, der an der persönlichen Weiterentwicklung des Lernenden genauso interessiert ist wie an der Weitergabe seines Wissens. Zudem braucht es die unerschütterliche Überzeugung, dass der Lernende das Wissensgebiet früher oder später auf die richtige Weise, nämlich sachlich und persönlich, beherrschen und meistern wird.

Für den durch die Preksha Meditation in Gang gesetzten Prozess ist es wichtig, jemanden ansprechen zu können, der die Realitäten des Lebens kennt und es in allen seinen Facetten zu würdigen weiß. Dazu braucht es eine starke, gleichermaßen hingebungsvolle und entschlossene Persönlichkeit. Wann immer Zweifel auftauchen, sollte die Antwort „das ist möglich für mich“ lauten, anstatt “unmöglich für mich“ oder „vielleicht möglich?“. Ein gutes Beispiel mehr dafür, was die Interaktion zwischen einem Laien und jemand, der ordiniert ist, bewirken kann. Erstaunlicherweise arbeiten jene, die ihr den Rücken gekehrt haben, unermüdlich daran, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das ist offenbar der ausschlaggebende Unterschied.

Im Zimmer angelangt, schlief ich schnell ein. Kaum drang noch zu mir durch, dass eine weitere Zimmergenossin kam, im Geiste war ich schon bei der Morgenmeditation um 05:00. Muni Kumar Shraman hatte mich gebeten, die Morgenmeditation anzuleiten, und ich hatte gern eingewilligt.


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