Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur - 19
04.03.2007
Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur
Durch die vier Eckschreine, die den Hof begrenzen, erhält der Bau zugleich die Form eines pancharata (fünf-schreiniger Tempel), eine auch bei den Hindus beliebte Grundform. Da sie nun aber genau in den Zwischenhimmelsrichtungen angeordnet sind, entsteht daraus die Neuner-Konzeption (Weltmitte, Himmelsrichtungen und Zwischenrichtungen), die eine besonders wichtige Grundform eines Mandala Kosmogramm als Grundriss der Welt) darstellt. Man sieht, wie genial der Architekt die Zahlen 5 und 9 ineinander verwoben hat.
Mit den vergrößerten Schreinen (Nr. 8 im Plan) zusammen wird der Tempel von insgesamt 84 devakulikas (Nr. 7 im Plan) umgeben und bildet so die Form eines klassischen vihara heraus (ein Tempel, der auf der Grundrissform eines Klosters beruht), eine gängige Anlage bei den Jainas. 84 symbolisiert die jeweils 24 Tirthankaras der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zuzüglich der sogenannten 12 ewigen Tirthankaras, von denen jeweils vier für eines der drei Zeitalter stehen. Mit dieser Anlage wollte der Bauherr zweifellos an die ersten Adinatha-Tempel erinnern, wie sie der Sage nach die Söhne des ersten Tirthankara, Bharata und Bahubali, mit eben jenen 84 Nebenschreinen erbaut hatten.
Auch während den islamischen Invasionen des 13. und 14. Jahrhunderts hatten es die Jainas verstanden, die Traditionen ihres Tempelbaus zu bewahren. 1315 hatte ein Thakkura Pheru ein Handbuch über Architektur verfasst, das vastu-sara. Nach ihm sollten sich vor dem Allerheiligsten axial drei Mandapas befinden. Man sieht, dass sich der Architekt auch an diese Vorgabe gehalten hat.
So weit also das, was sich aus dem Grundriss herauslesen lässt. Ich habe es absichtlich etwas ausführlicher dargestellt, weil diese Konzepte in der verwirrenden Vielfalt des Inneren häufig verlorenzugehen drohen. Man darf aber dabei nicht aus den Augen verlieren, dass zum Zeitpunkt der Einweihung 1441 nur das Zentral-Sanktuarium mit dem Schrein und den vier sabha-mandapas fertiggestellt war, sowie die westlich angrenzende Achse, also das meghanada-mandapa und die Hauptportal-Anlage. Noch ein Jahrhundert hat man weitergebaut, um den heutigen Baubestand zu erreichen, zahllose Stiftungen wurden noch bis in die heutige Zeit hinein vorgenommen.
Tänzerinnen in der Kuppel des südlichen Maghanada-Mandapa
Verglichen mit der relativ einfachen Gestaltung des Äußeren entfaltet sich das Innere in barocker Ornamentierung. Die einzelnen Skulpturen mögen nicht immer höchsten Ansprüchen genügen, ihre Bewegungen wirken oft ungelenk und eckig (s. Foto S.89 unten), die Glieder sind ausgedünnt und die Nasen zu spitz, doch sind sie offensichtlich der Architektur untergeordnet; ihr Zweck besteht darin, zu dekorieren und nicht, wie in Europa üblich, den Eigenwert von Skulptur vorzuführen. Ganz offensichtlich besteht ein Gefühl des horror vacui, denn jeder freie Zentimeter scheint vom Relief ausgefüllt. Neben rein ornamentalen und vegetabilen Motiven verwendete man gern das ganze Repertoire der hinduistischen Bilderwelt: Götterfiguren, himmlische Musikanten und Tänzerinnen, ganas (dickbäuchige Zwerge), Elefanten und maithunas (Liebespaare), außerdem Geschichten aus den großen Epen des Mahabharata und des Ramayana. Über den Säulen stellte man gern die acht dikpalas (Wächter der Himmelsrichtungen) und in den Kuppeln die typisch jainistischen 16 Wissensgöttinnen dar sowie himmlische Musikanten und Tänzerinnen.
Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur