Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur - 03
16.02.2007
Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur
Girlandenartige, reich verzierte Bögen (makara toranas) zwischen 2 Säulen, die von symmetrisch angeordneten Stützpfeilern an den Säulen zur Mitte nach oben geführt werden.
Vimala-Vasahi-Tempel (Adinatha geweiht) von 1032 n.Chr. auf Mount Abu, Rajasthan
Allgemeine gesellschaftliche und religiöse Situation im 6.Jh.
Indien erlebte im 6.Jh.v.Chr. eine spirituelle und philosophische Blüte, vergleichbar der, die sich parallel dazu in China (Konfuzius und Laotse), Persien (Zarathustra), Israel (Jesaja und Jeremias) und Griechenland (Thales und Pythagoras) entwickelte. Mahaviras Wanderleben vollzog sich im wesentlichen in Magadha (heute der Bundesstaat Bihar), also der gleichen Landschaft, in der auch Gautama Buddha wirkte und außer ihnen zweifellos viele andere Asketen und Wanderlehrer. Alle lehnten sich gegen ein gesellschaftliches System auf, das schon kurze Zeit, nachdem die arische Einwanderung und Landnahme ihren Abschluss gefunden hatte, verkrustet und eingefahren war. Es existierten bereits die vier Kasten und noch darunter die Unberührbaren mit all den Dünkeln, Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten, die eine solche Schichtung mit sich bringt.
Darin beanspruchten die Brahmanen die absolute Führungsrolle, da nur sie den Willen der Götter zu kennen glaubten und sie mit exklusiven Ritualen zu beeinflussen suchten. Ihre Autorität zogen sie aus der Kenntnis der Veden, der ältesten Heiligen Schriften Indiens und dem Vollzug blutiger Opferpraktiken. Indem nun Mahavira und Buddha den Offenbarungscharakter der Veden und die Existenz eines höchsten Gottes leugneten und indem sie die Opfer ablehnten, gingen sie als klassische Häretiker gegen die Vormachtstellung der etablierten Priesterschaft vor. Vielleicht erklärt das, warum so viele Könige zu ihren Gönnern zählten, denn auch den Herrschern konnte nur daran gelegen sein, die Allmacht der Brahmanen zu beschränken.
Diese Ähnlichkeiten im Auftreten der beiden Religionsstifter, betreffend sowohl das Milieu, den geographischen Rahmen und die Zeitstellung als auch die Zielsetzung, haben dazu geführt, dass man im Westen noch bis in das 19. Jahrhundert die beiden Religionen für nahezu identisch hielt. Wechselweise hielt man mal den einen für den Lehrer, den anderen für den Schüler und umgekehrt.
Die Jainas selbst glauben, dass der Buddhismus eine von einem abgefallenen Jaina-Mönch begründete Irrlehre sei. So berichten sie, dass ein Asket namens Buddhakirti einen von der Strömung angeschwemmten Fisch gegessen habe, da er ja keine Seele mehr besaß. Daraus sollen ein Schisma und der Buddhismus entstanden sein. In einer anderen Variante wird erzählt, dass ein Schüler Parshvas, Maudgalyayana, das Buddhatum aus Hass und Eifersucht gegenüber Mahavira gestiftet habe, indem er Buddha zum Gott erklärt habe. Manche europäischen Forscher neigten zu ähnlichen Ansichten, irregeführt durch den Namen des Schülers Mahaviras, Gautama. Erst Hermann Jacobi ist 1879 der Nachweis gelungen, dass es sich um zwei voneinander unabhängige Systeme handelt.
Ein mächtiger Shikhara (Tempelturm) erhebt sich im auch Dharna Vihara genannten Jain-Tempel von Ranakpur von 1439 über dem Allerheiligsten mit dem chaumukha (vier-gesichtigen) Kultbildes Adinathas.
Ältere Ursprünge der Lehre
Wahrscheinlich trug Mahavira keine gänzlich neue Lehre vor, sondern entwickelte ein Gedankengebäude weiter, das vor ihm bereits Parshva und davor möglicherweise noch andere verkündet hatten. Dafür spricht, dass Mahavira bei den Jainas als 24. Tirthankara (Furtbereiter) gezählt wird, also in einer langen Kette von Vorgängern den letzten Höhepunkt bildet. Seine Eltern waren bereits Anhänger Parshvas, des 23. Tirthankara. Im Gegensatz zu Buddha fußte also Mahavira schon auf einer Überlieferung, er entwickelte kein neues philosophisches System und behauptete nicht, Erleuchtung einer neuen Einsicht empfangen zu haben. Vielmehr erlangte er nur die vollkommene Einsicht dessen, was man in der Gemeinschaft schon vorher in Fragmenten wußte und lebte.
Die lange Kette jainistischer Erlöser verschwindet im Dunkel des Mythos. Sie scheinen nicht unserem Raum-Zeit-Kontinuum anzugehören, denn es werden ihnen unendlich lange Lebensspannen und gewaltige Körpermasse zugeschrieben. Das hängt mit der pessimistischen jainistischen Weltsicht zusammen, nach der die Menschen früher vollkommener von Gestalt waren und länger lebten und sich dies im Laufe der Zeit zum Negativen wandelte. Der riesige zeitliche Abstand zur heutigen Zeit soll den Ewigkeitsanspruch dieser Religion dokumentieren.
Aber natürlich bedeutet das nicht, dass diese Tirthankaras nicht existiert hätten. Drei von ihnen, Rishabha (ein anderer Name für den ersten Erlöser Adinatha), Ajita und Arishtanemi waren bereits den Autoren des Yajurveda (kurz nach 1000 v.Chr.) bekannt. Auch geben manche Namen, familiäre Zuordnungen und Symbole Hinweise auf bestimmte historische Zusammenhänge. So ist Adinathas Symboltier der Stier und verweist auf den in ältester Zeit überall im Orient gepflegten Stierkult.
Bharata, den die Hindus als Gründerkönig, der dem Land seinen Namen gab, verehren (Indien = Bharat in Hindi), gilt als Sohn Adinathas, so dass die Ursprünge jainistischen Glaubens bis in die älteste mythische Schicht Indiens hinaufgerückt werden. Die Gestalt Arishtanemis (=dessen Radfelge unbeschädigt ist), des 22. Tirthankaras, spiegelt sich in Legenden wider, die ihn als Vetter ersten Grades von Krishna bezeichnen. Sein Name verweist auf das Sonnenrad oder den Sonnenwagen und deutet darauf hin, dass er der alten halbmythischen Sonnendynastie angehörte.
Die meisten Tirthankaras allerdings sind ihrer Herkunft nach keineswegs arisch. Das könnte bedeuten, dass sich mit ihrer lebensverneinenden Philosophie erstmals einheimische Gedanken der heroisch aktiven und lebensbejahenden Welt der Arier entgegenzustellen begannen.
Tempel von Ranakpur
Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur