Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur - 06
19.02.2007
Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur
Toranas im Ranga-Mandapa des Luna Vasahi (Tejapala) Tempels
Der Name Abu ist abgeleitet von Arbudachala (Hügel von Arbuda). Dies spielt auf die Legende der Entstehung des Berges an. In uralter Zeit soll hier der Weise Vasishta, der Lehrer Ramas, gelebt haben; bereits das Nationalepos Mahabharata, dessen Ursprünge in vorchristlichen Jahrhunderten liegen, erwähnt den Ort als Vasishtashram (Wohnung des Vasishta). Der heilige Eremit war im Besitz einer Wunderkuh, Kamadhenu (Kuh der Fülle), die einem als ein indisches “Tischlein-deck-dich” jeden Wunsch erfüllen konnte. Eines Tages fiel sie in einen großen See und der Heilige wandte sich an die Götter im Himalaya um Hilfe. Sie entsandten die kosmische Schlange Arbuda, die mit einem riesigen Felsen, eben dem Mount Abu, den See auffüllte und damit der Kuh wieder auf das feste Land verhalf.
Säule des Navchoki mit Tänzerinnen im Luna Vasahi (Tejapala) Tempel
Eine andere Sage, wiederum unter Mitwirkung von Vasishta, macht den Abu zu einem der heiligen Gründungsplätze Rajasthans bzw. der wichtigsten Rajputengeschlechter. Als Vishnu in seiner 6. Inkarnation als Parashurama auf Erden weilte, rottete er systematisch mit seinem berühmten Beil die Kriegerkaste der Kshatriyas aus. Die übrigen Götter baten Vasishta um Hilfe, das nötige Gleichgewicht innerhalb der Gesellschaft erhalten zu können. Der Heilige zelebrierte daraufhin ein uraltes Feuerritual in seiner Klause und aus den Flammen schuf er die “vier feuergeborenen Rajputenclans”, die Pratihara, Chauhana, Solanki und Paramara, die seither massgeblich die Geschichte Rajasthans mitbestimmt haben; unter anderen führen sich auch die Fürstengeschlechter Jaipurs und Udaipurs auf sie zurück.
So wie die Gestalt Parashuramas mythologisch erklären soll, wie nach der Landnahme der Arier die dabei natürlich dominierende Kriegerschicht durch die Brahmanen abgelöst wurde, so soll offenbar diese Geschichte aufzeigen, warum sich gerade in Rajasthan die bevorzugte Stellung der Krieger dennoch erhalten konnte. Vielleicht gab sie damit auch eine Erklärung für die Umwandlung ehemaliger zentralasiatischer Hunnen in die allgemein als sakral empfundenen Rajputenclans mittels einer Feuer-Initiation. Zehn Kilometer von der Stadt entfernt werden bis heute Einsiedelei und Feuerplatz des Vasishta gezeigt.
Blick durch die das Ranga-Mandapa umgebende Toranas auf das Sanctum im Vimala Vasahi Tempel
Wahrscheinlich stammten die Paramara, die vom 10.-14. Jahrhundert über den Abu herrschten, tatsächlich aus dieser Gegend. Dies soll wohl eine veränderte Version der oben geschilderten Sage belegen, in der Vasishtas Kuh von einem gewissen Vishvamitra gestohlen wurde. Daraufhin entzündete der Einsiedler das Heilige Feuer, gab ihm Opfergaben und rezitierte sakrale Texte, bis ein gewaltiger Held aus dem Feuer sprang, der die Kuh zurückbrachte. Der dankbare Heilige gab ihm den Namen Paramara (Schlächter der Feinde). Da diese Geschichte Ende des 10. Jahrhunderts von Padmagupta Parimala überliefert wurde, sollte sie wohl zur Rechtfertigung der gerade errungenen Paramara-Herrschaft dienen. Diese kennen wir historisch bereits seit dem frühen 9. Jahrhundert, da sie noch als Vasallen der Rashtrakutas auf dem Dekkhan dienten.
Jainismus und die Tempel von Mount Abu und Ranakpur