In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was mentale Gesundheit ist. Beginnen wir unsere Betrachtungen mit den Gedanken. Wenn wir positive Gedanken haben, wirken diese sich positiv auf den Geist aus. Sind die Gedanken nicht positiv, macht uns der Geist Probleme. In den Jain Agamas werden die Begriffe „dienlich sein“ oder „Probleme schaffen“ sehr häufig benutzt. Sie treffen auf die zwei Aspekte des Geistes zu. Ist jemand negativen Gedanken gegenüber zu nachsichtig, nimmt er schädigende Pudgalapartikel auf, die im Körper Unwohlsein bewirken und schließlich Erkrankungen in ihm hervorrufen. In seinem Kommentar zum Nandi-Sutra schreibt Acharya Malyagiri, dass die Aufnahme negativ besetzter Pudgalapartikel auf lange Sicht zu Erkrankungen des Herzens führen. Negativ besetzte Pudgalapartikel werden durch negative Gedanken und daraus resultierende irreführende Vorstellungen aufgenommen und schädigen so das Herz. Immer mehr Menschen leiden an Herzerkrankungen, die zu einem sich täglich weiter verbreitenden globalen Leiden werden. In der Diagnostik von Herzerkrankungen sollten nicht nur Blutdruckwerte und Ernährungsgewohnheiten berücksichtigt werden, negative Gedanken sind an der Entstehung dieser Erkrankungen maßgeblich beteiligt.
Sind unsere Gedanken kreativ im Sinne der Entwicklung einer Strategie zur Lösung von Problemen, nimmt der Geist wohltuende Pudgalapartikel auf, mit denen wir Erkrankungen heilen, bzw. ihnen vorbeugen können.
Im Zusammenhang der mentalen Probleme, die sich auf die Gesundheit auswirken, ist das Prinzip der Selbstbeschränkung sehr sinnvoll. Acharya Tulsi gründete die Anuvratbewegung, deren Motto lautet: „Selbstbeschränkung ist Leben.“ Verstehen wir diesen Grundsatz und wenden ihn richtig an, hilft uns das, Lösungen für viele Probleme des täglichen Lebens zu finden.
Die Fähigkeit zur Erinnerung ist eine unserer größten Stärken, die wir zur Durchführung vieler Aufgaben brauchen. Auch im Hinblick auf die Erinnerungsfähigkeit sollten wir lernen uns zu beschränken. Beispielswiese stört es die Meditation, wenn ständig Bilder aus der Vergangenheit vor unserem geistigen Auge auftauchen. Erinnerungen können auch quälend sein. Es ist besser, das Erinnerungsvermögen nur zu aktivieren, wenn man es im täglichen Leben braucht. Unnötige Erinnerungen können Probleme schaffen und sogar auch Erkrankungen auslösen.
Eine alte Dame verdiente sich mit dem Spinnen von Garn ihren Lebensunterhalt. Als sie eines Tages zum Strand ging, legte gerade ein Schiff an. Als sie fragte, was das Schiff geladen hatte, erfuhr sie, dass Garn die Ladung sei. Nachdem sie das gehört hatte, konnte sie an nichts anderes mehr als an die riesigen Mengen Garn denken, die das Schiff geladen hatte. Dabei wurde sie schier wahnsinnig, und ihre Familie schickte sie zum Psychiater. Dieser sagte: „Wissen Sie eigentlich, dass die gesamte Ladung des Schiffes, das neulich hier angelegt hat, verbrannt ist?“ Sobald die diese Worte gehört hatte, war sie geheilt!
Unkontrolliertes Erinnern und unbegrenzte Vorstellungen können auf die Dauer mentale Erkrankungen hervorrufen. Auch die Vorstellungskraft sollte in Grenzen gehalten werden. Beschränkt man sie nicht, kann sie große Probleme bereiten. Wenn wir tiefer darüber nachdenken, wird uns klar, dass viele Kriege und Auseinandersetzungen auf der Grundlage uneingeschränkter Vorstellungen entstanden sind.
Ein Mann sagte zu seinem Nachbarn: „Ich möchte mir einen Büffel kaufen.“
Der Nachbar entgegnete: „Und wo soll der grasen?“
„Auf deiner Wiese!“ kam es prompt.
„Wenn ich ihn auf meiner Wiese sehe, jage ich ihn fort!“
„Das möchte ich sehen, wie du meinen Büffel anrührst...“
Es gab weder einen Büffel, noch eine Wiese, doch wegen der in ihrer Vorstellung entstandenen Konflikte gingen sie aufeinander los. Die herbeigeeilten Nachbarn hatten Mühe, sie wieder zur Vernunft zu bringen. Gott allein weiß, was die Vorstellungskraft alles zerstören kann.
Viele beklagen sich nach der Meditation darüber, dass sie sich nicht konzentrieren konnten. Woran liegt das, was stört sie? Hauptsächlich Erinnerungsfähigkeit und Vorstellungskraft. Beide werden dann besonders aktiv, wenn keine Notwendigkeit dazu besteht, ja sie geradezu unerwünscht sind.
Denken ist die dritte wichtige Funktion des Geistes. Auch das Denken sollten wir begrenzen. Man muss nicht den ganzen Tag lang denken, sondern sollte sich darin üben, den Geist frei von Gedanken zu halten. Freisein von Gedanken ist eine Kunst, eine Kunst in der Kunst der Meditation und der Kunst der spirituellen Praxis.
Eines Tages betrat ein Bettelmönch einen Laden. Der Ladenbesitzer erklärte ihm stolz: „ Ich verkaufe viele Produkte.“ Der Bettelmönch fragte: „So? Zeig’ sie mir bitte.“
Der Ladenbesitzer deutete auf einige Fässer: „Da drin ist Butter, dort Öl, in dem Sack sind Gewürze...“ Schließlich zeigte er auf ein leeres Fass: „Und in diesem Fass ist Gott.“
Der Bettelmönch sagte: „Merke dir, nur wo es leer ist, kann Gott eintreten.“
Frei von Gedanken zu bleiben, ist eine große Kunst. Eine gute Technik, um den Geist von Gedanken frei zu halten, ist die Wahrnehmung des Atems. Wahrnehmung des Atems befreit den Geist vom Erinnern, Vorstellen und Denken. Wer sich auf den Atem konzentriert, kann gute Fortschritte in seiner spirituellen Praxis machen. Solange der Kreislauf des Erinnerns, Vorstellens und Denkens aktiv ist, können wir nicht zu der hinter den Sinnen liegenden Welt gelangen und auch unsere subtilen Fähigkeiten nicht aktivieren. Wenn die grobstofflichen Elemente Erinnern, Vorstellen und Denken nicht da sind, haben die subtilen Fähigkeiten eine Chance zutage zu treten.
Der eine ist weise, der andere verrückt. Was ist der Unterschied zwischen ihnen? Die Jain Philosophie sagt, wer seine Gedanken meistern und ihren immerwährenden Strom anhalten kann, ist weise. Wer sich von seinen Gedanken mitreißen lässt und sie nicht anhalten kann, verrückt.
Selbstbeschränkung des Potentials und der Aktivitäten des Geistes ist von großer Bedeutung im Hinblick auf:
Exzessives Denken
Überreizte Vorstellungen
Quälende Erinnerungen
Der Geist steht in der Verantwortung sowohl für die innere Welt der Emotionen, als auch für die äußeren Umstände. Die äußeren Umstände beeindrucken ihn ebenso wie der innere Strom der Emotionen und Gefühle. In Verwirrung gerät er immer dann, wenn das Mohaniya Karma [Karma der Täuschung und Irreführung] aktiviert wird.