In der seit 2500 Jahren überlieferten Literatur finden sich auch Biografien von großen Sehern. Liest man sie, fällt einem auf, wie tolerant sie waren. Häufig wurden sie beschimpft, bestraft, ja sogar tätlich angegriffen. Dennoch waren sie nie gestresst oder angespannt. Wenn Stress Teil des menschlichen Lebens ist, kann man behaupten, dass Mahavira das wohl stressigste Leben gehabt hat. Es wird berichtet, dass er nie angespannt war, obwohl er beschimpft worden ist, man sich in seiner Gegenwart sehr grob ausgedrückt und ihn auch körperlich angegriffen hat. Auch von Krishna, Rama, Guru Nanak [Heiliger und Religionsstifter des Sikhismus], Samarth Ramdas und vielen anderen wird berichtet, dass sie mit Schmähungen und allen erdenklichen Arten unkultivierten Verhaltens konfrontiert wurden. Haben sie jemals die Geduld verloren? Wer seine Emotionen in Schach halten kann, regt sich nicht auf, selbst wenn andere sich daneben benehmen.
In den zeitgenössischen Generationen scheint sich die allgemeine Stimmungslage in einer Schieflage zu befinden. Beide Geschlechter haben mit diesem Problem zu kämpfen. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die nicht dazu bereit sind, sich von jedem die Laune verderben zu lassen. Warum? Weil kaum jemand seine Affekte meistern kann. In der Preksha Meditation wird von Anfang an die Wahrnehmung der Emotionen gelehrt. Die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmer an Meditationscamps hat bestätigt, in der Meditation zur Ruhe gekommen zu sein und sich nach der Meditation heiter und gelöst gefühlt zu haben.
In Zeitungen und Zeitschriften werden viele Methoden zur Stressbewältigung angeboten, dazu kommen Seminare und Workshops. Ist es eigentlich gut, über Stressmanagement nachzudenken, ohne zu wissen, was den Stress verursacht? Sollten wir nicht vielmehr die Ursachen für den Stress beseitigen, anstatt ihn immer wieder neu zu beleben? Es scheint, wir ziehen es vor, wenn wir wieder und wieder hinfallen, ein Pflaster auf die Wunde zu kleben, anstatt uns zu fragen, was wir tun können, um nicht immer wieder hinzufallen.
Physischer Stress ist kein besonders komplexes Problem, ihm kann man mit einfachen Körperübungen begegnen. Doch mentale und emotionale Anspannung ist gefährlich. Emotionaler Anspannung sollte man unbedingt vorbeugen. Wenn wir durch eine gewisse Art der Ansprache schon mentale Spannungen in uns bemerken, ist es an der Zeit, dass wir etwas unternehmen und schleunigst unsere Einstellung ändern, damit wir die richtige Perspektive gewinnen können. Die richtige Perspektive beugt emotionaler und mentaler Überspannung vor.
Acharya Umaswati [vermutlich 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, Autor des Tattvartha Sutra, bekanntester Text des Jaina Kanons] hat die 3 Schritte auf dem Weg zur Emanzipation des Menschen (Moksha) benannt:
Richtige Perspektive
Richtige Erkenntnis
Richtiges Handeln
Meiner Auffassung nach sollte „richtige Sprache“ als Folge von richtiger Erkenntnis, bzw. faktisch fundiertem Wissen einbezogen werden. Wenn durch Einnehmen der richtigen Perspektive Einsichten und Erkenntnisse gewonnen werden können, die dazu führen, dass man die richtige Sprache wählt, bzw. sprachlich richtig handelt, gibt es keinen Spielraum mehr für Spannungen, weil uns die Situation klar vor Augen steht, bzw. wir erleuchtet worden sind.
Acharya Bikshu und seine Mönche verbrachten einmal die 4 Monate der Regenzeit (Chaturmas) in der berühmten Stadt Pali in Rajasthan und mit Erlaubnis des Besitzers in einem Geschäft. Der Ladeninhaber ließ sich einreden, dass die Mönche sein Geschäft bestimmt nicht freiwillig am Ende der Regenmonate verlassen würden und dass er sie besser sofort hinauswerfe, um späteren Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Gesagt, getan, Acharya Bikshu verließ mit seinen Mönchen das Geschäft. Obwohl er guten Grund zu einer heftigen Reaktion gehabt hätte, blieb er ganz ruhig. In dieser Regenzeit kam besonders viel Wasser vom Himmel, soviel, dass der Laden am nächsten Tag den Wassermassen nicht mehr standhielt und einstürzte. Acharya Bikshu sagte dazu: „So ein Mensch ist er also! Er bat uns zu gehen, bevor sein Geschäft einstürzte. Was wäre gewesen, wenn wir heute noch dort gewesen wären?“
Was brachte ihn zu dieser Akzeptanz? Die richtige Perspektive. Wenn wir eine Situation richtig betrachten wollen, müssen wir tief hineingehen, damit wir sie verstehen. Wenn wir etwas verstehen, sind wir auch nicht angespannt. Leichtfertiges Gerede wiegelt uns nur auf und lässt uns ohne konkreten Anlass der Anspannung zum Opfer fallen.
Es war einmal ein unschuldiger Mensch, der keine eigenen Ansichten hatte. Was auch immer die Leute ihm sagten, tat er. Er hatte keine eigenen Erkenntnisse, Visionen oder Gedanken. Üblicherweise werden derart unschuldige Menschen von anderen aufgezogen. So dachten sich eines Tages ein paar Jugendliche: „Mit dem leisten wir uns heute einen Spaß.“
Zwei aus der Gruppe gingen zu ihm und sagten: „Du schläfst nachts seelenruhig, während deine Frau sich in der Stadt herumtreibt. Es ist nicht richtig, dass dich das nicht kümmert.“
Als es Nacht wurde, setzte sich der Mann mit einem Stock in der Hand vor seine Tür.
Er sagte sich: „Wenn sie heute nach Hause kommt, haue ich ihr auf den Kopf.“
Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Schließlich dämmerte es.
Ein Vorübergehender fragte ihn: „Warum sitzt du hier mit dem Stock?“
Er erwiderte: „Meine Frau ist missraten. Sie kommt erst spät in der Nacht heim. Ich möchte ihr auf den Kopf hauen.“
Der Vorübergehende wunderte sich: „Du hast doch gar keine Frau!“
Der Mensch lässt sich von seinen Emotionen überrumpeln. Häufig gerät man nicht wegen der tatsächlichen Lage der Dinge, sondern wegen seiner Sicht auf die Ereignisse in Stress. Wenn jemand kommt und sagt, so-und-so sagt das-und-das über dich, wissen wir nicht, was die Person tatsächlich gesagt hat, haben aber in der Folge mit den durch diese Äußerungen ausgelösten Emotionen zu tun. Das geschieht häufiger im Leben, als wir bemerken. Viele Situationen, in denen wir unter Spannung stehen, sind geprägt von Einbildungen und irrealen Bedenken. Dem können wir mit der Entwicklung der richtigen Perspektive begegnen. Mit der richtigen Perspektive gerät man nicht unter Spannung und kann auf der Grundlage der richtigen Erkenntnisse und Einsichten angemessen handeln.
Acharya Tulsi sagte bis zu seinem letzten Atemzug: „Ich weiß gar nicht, was Anspannung ist.“ Ein Mann von 83 Jahren war in seinem ganzen Leben noch nie angespannt! Das kann zweierlei heißen, entweder hat er sein Leben nicht voll gelebt oder er kennt ein Geheimnis. Dieses Geheimnis müssen wir entdecken. Wer seine Affekte im Zaum halten kann, spannt sich nicht an. In der Preksha Meditation wird empfohlen, die Emotionen zu meistern, indem man darauf achtet, dass sie nicht herausgefordert werden. Das ist adäquate spirituelle Praxis (Sadhana).