Unbeherrschtheit erschwert das Zusammenleben und –arbeiten mit anderen Menschen. Wer gute Beziehungen aufzubauen versteht, schafft die Grundlage für effektive Zusammenarbeit. Das Königreich der Emotionen ist gewaltig. Betrachten wir seine essentiellen Aspekte einmal etwas näher. An erster Stelle steht die Fähigkeit zur Toleranz. Eine ausgeglichene Persönlichkeit kann viel tolerieren und andere Menschen mitreißen. Wer intolerant ist, kann nicht mit anderen arbeiten, geschweige denn sie mitreißen.
Als wir die Wichtigkeit einer effizienten Organisierung erörterten, sagte Acharya Tulsi: „Die meisten nehmen an, der Acharya hat die höchste Autorität hier. Das stimmt schon, doch aus einer anderen Perspektive betrachtet, muss der Acharya viel mehr aushalten als alle anderen. Nur ein Acharya, der tolerant, kompetent, ausgeglichen, liebevoll, zärtlich, ja, sogar mütterlich ist und zudem niemanden vorzieht, wird als Meister anerkannt.“
Auch Toleranz ist das wichtigste Erfordernis für Arbeitseffizienz. Wer seine Kollegen nicht toleriert und sie wie Untergebene behandelt, wird nicht effizient sein. Im Preksha Meditationscamp praktizieren wir regelmäßig die Kontemplation zur Entwicklung der Toleranzfähigkeit. Es gibt Menschen, die verfügen von Natur aus über die Fähigkeit der Toleranz, doch wem das nicht gegeben ist, kann an sich arbeiten und sie erlernen. Das mag nicht innerhalb der Zeitspanne eines Camps gelingen, doch wer konstant über mindestens zwei Monate an sich arbeitet und das, was er im Camp gelernt hat, weiter praktiziert, wird an sich bemerken können, wie seine Toleranz sich entwickelt und nach 6 Monaten voll ausgeprägt ist.
Bevor Mahavira Mönch wurde, hatte er als Prinz Vardhaman sechs Monate lang über Vergänglichkeit kontempliert. Diese Kontemplation, regelmäßig durchgeführt, öffnet dem Kontemplierenden die Augen für die Betörungen, mit denen die Welt immer wieder die Menschen zu verblenden versteht. In der Folge interessiert man sich zunehmend für das Mönchstum. Qualitäten kann man durch regelmäßiges Training weiterentwickeln. Der Boden in unserem Inneren ist in dieser Hinsicht besonders fruchtbar.
Wer beharrlich an der Entwicklung seiner Fähigkeit zur Toleranz arbeitet, wird letzten Endes auch Erfolg haben. Jeder Mensch sollte wissen, wann und was er spricht. Wenn ein jüngerer Mitarbeiter in aggressiver Stimmung ist, ist es die Aufgabe seines Vorgesetzten, ihn zu ertragen. Wenn er nämlich selbst aggressiv wird, verschlimmert sich die Situation. In diesem Fall ist ihm Schweigen anzuraten, jede wie auch immer geartete Reaktion würde nur verstärkend auf die Stimmung des anderen wirken.
Auf meinen Wanderungen habe ich das Oberhaupt einer Familie kennen gelernt. Dieser Mann war sehr aufbrausend, sein Knecht auch. Wann immer wir in ihre Nähe kamen, hörten wir sie schon von weitem laut streiten. Eines Tages sprach ich den Bauern an: „Ihr streitet sehr viel, das ist nicht gut.“
Er erwiderte: „Maharaj, die Wahrheit ist, dass wir beide sehr aggressiv sind.“
„Warum arbeitet ihr zusammen?“ fragte ich.
„Ohne ihn kann ich nicht arbeiten, und er kann ohne mich nicht arbeiten.“
„Wenn ihr so voneinander abhängig seid, warum versucht ihr es dann nicht mit mehr Toleranz?“
Ohne Praxis gibt es keinen Erfolg. Transformation gibt es nur, wenn man unablässig an sich arbeitet und nicht durch Gespräche darüber. Wer seine Arbeitseffektivität erhöhen möchte, muss auch seine Toleranz erhöhen.
Ebenso wichtig wie Toleranz ist eine versöhnliche Grundeinstellung.
Einmal versuchte ein Handwerker zwei Fensterläden an dem großen Fenster des Raumes anzubringen, in dem ich immer saß. Er hatte eine Auswahl von Fensterläden mitgebracht, doch soviel er auch probierte, es waren keine darunter, die zusammen passten. Nach mehreren Tagen Hobelns, Hämmerns und Aufeinanderlegens war es ihm schließlich gelungen, die Fensterläden nicht nur anzubringen, sie schlossen auch. Mir wurde klar, wenn so viel Arbeit nötig ist, um zwei Fensterläden einander anzupassen, wie viel schwerer ist es mit zwei Lebewesen!
Solange wir uns auf diese Arbeit nicht einlassen, ist keine Schlichtung möglich.
Wer die Kunst der Versöhnung beherrscht, kann mit zwei, ja sogar hundert Menschen problemlos auskommen. Deshalb ist es so wichtig, unsere Emotionen auf eine beschwichtigende Herangehensweise einzustimmen.
Auch Konzentrationsfähigkeit ist wesentlich für die Arbeitseffizienz. Ein Wissenschaftler hat im Laufe seines Lebens 900 Artikel angefangen, aber keinen zu Ende geschrieben. Wäre ihm das gelungen, wäre er sicherlich einer der angesehensten Wissenschaftler der Welt geworden. Viele Menschen haben Probleme damit, das zu Ende zu bringen, was sie angefangen haben. Ohne sich völlig auf ein Ziel zu konzentrieren, erreicht man es nicht.
Wie nun erreicht man diese totale Ausrichtung auf eine Sache? In der Preksha Meditation entwickeln wir die Konzentrationsfähigkeit über das tiefe und lange Atmen. Dabei ist wichtig, dass man diese Technik planvoll anwendet und sich die eigenen Fortschritte stets vor Augen führt. Eigene Fortschritte können daran gemessen werden, wie viel länger als vor Beginn der Atemübungen man sich auf einen Gedanken konzentrieren kann.
Man sollte sich immer vergewissern, ob das, was man praktiziert, auch im Alltag nützlich ist. Dazu sollte man sich Alltagssituationen aus der Vergangenheit vor dem inneren Augen vergegenwärtigen, die sogenannte Vogelperspektive einnehmen und sich selbst in der Situation beobachten. Ziel dieser Technik ist, in konfliktgeladenen Situationen sofort diese Perspektive einzunehmen und nicht impulsiv zu reagieren. Auf diese Weise gelingt es mit wachsendem Erfolg, die versöhnliche Grundstimmung angemessen im eigenen Handeln zu verwirklichen.