Es stellt sich die Frage, wozu man die spirituelle Praxis (Sadhana) braucht, wenn die Sinnesorgane gesund sind, die mentalen und intellektuellen Fähigkeiten gut funktionieren und unser Zuhause mit allem Komfort ausgestattet ist. Diese Frage wollen wir hier erörtern.
Das Leben ist ein Kampf, der mit dem Strampeln ins Leben beginnt und sich Tag und Nacht in unserem Inneren fortsetzt. Manchmal wird er auch in der Außenwelt sichtbar. In der Welt gibt es zwei fundamentale Energien, die empfindende und die nicht empfindende. Erstere ist die Seele, die andere die Materie (Pudgala). Zwischen diesen beiden findet ein permanenter Kampf statt. Die Seele möchte bleiben, wie sie ist, doch die grobstrukturierte materielle Welt gesteht ihr das nicht zu. Acharya Pujapada schrieb darüber: „Materie (Pudgala) genügt Materie.“ Der physische Körper besteht aus Materie, also genügt ihm materielle Bequemlichkeit. Er braucht nur wenig mehr als Wasser und Nahrung und macht sich immer dann unangenehm bemerkbar, wenn seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Bezugnehmend auf die Äußerung, Materie genügt Materie, können wir hinzufügen, Bewusstsein genügt Bewusstsein, Seele genügt Seele. Die Materie zieht das Bewusstsein an, doch das Bewusstsein möchte sich lieber von ihr fernhalten.
Diesen Kampf gewinnt, wer die Anforderungen der Materie nicht beachtet. Wer sie erfüllt und mit dem Strom schwimmt, verliert ihn. Richten wir uns nach den Anforderungen der Materie (Pudgala), versinken wir in ihrer Welt und haben allein damit der Welt des Bewusstseins schon eine Absage erteilt. Wann immer ein Bedürfnis aus der Welt der Materie in uns geweckt wird, müssen wir unterscheiden, ob es zu erfüllen oder zu ignorieren ist. Die materielle Welt kann zwar den nicht überrumpeln, der die Fähigkeit zur Unterscheidung besitzt, dennoch steht unser gesamtes Handeln unter ihrem Einfluss. Sie unterstützt uns in allen lebensnotwendigen Funktionen wie essen, sprechen, denken, leben, etc. Unsere Welt ist unübersehbar materialistisch geworden. Das hat den Atheismus hervorgebracht.
Für uns ist Theist, wer an die Existenz der Seele glaubt und daran, dass die Seele sich emanzipieren kann (Paramatma). Für uns ist Atheist, wer nicht an die Lehre von der Seele glaubt und nicht an Paramatma und die Wiedergeburt. Fragte man mich, was von beiden natürlicher und einfacher ist, wäre meine Antwort „Atheismus“. Ein Atheist braucht nur auf die sichtbare Materie zu verweisen, während ein Theist sich vielen Problemen gegenüber sieht. Die Seele ist körperlos, unsichtbar und schwer zu erreichen. Es ist schwierig, die Existenz eines körperlosen Elementes zu beweisen. Was einen Körper hat und sichtbar ist, ist offensichtlich. Daher braucht man keine umfangreiche Literatur über die Philosophie des Atheismus. Doch es gibt unzählige dickleibige Bände, in denen versucht wird, die Existenz der Seele zu beweisen. Der Kampf findet also nicht nur zwischen der Lehre des Atheismus und derjenigen des Theismus statt, sondern auch auf dem Gebiet der Philosophie. Das ist insofern nicht verwunderlich, als es in der Natur des Menschen liegt sich durchzukämpfen.
Zu Beginn des Kapitels habe ich die Frage gestellt, wozu ein Mensch Spiritualität braucht, bzw. warum jemand 7 Tage seines Lebens in einem Meditationscamp verbringen sollte. Die Antwort kann nur lauten: Dieser Mensch möchte den Kampf gewinnen. Wer das nicht möchte, braucht keine spirituelle Praxis, sondern verbringt sein Leben am besten mit Essen, Trinken und Schlafen und hat seinen Spaß, bis es eines Tages zu Ende ist. Nur wer gewinnen möchte, nimmt die Mühe auf sich, in regelmäßiger Meditation und Introspektion seines Selbst gewahr zu werden und sich auf das Selbst zu beschränken.
Vor vielen Jahren habe ich einen Artikel über das Fasten geschrieben, der sehr viel Aufsehen erregt hat. Unter anderem hieß es dort: „Hungern ist natürlich, fasten nicht. Zorn ist natürlich, Vergebung nicht. Sexuelles Verlangen ist natürlich, sexuelle Enthaltsamkeit nicht.“ Es wurde eine große Sache daraus gemacht, aber warum sollen wir nicht darüber nachdenken, was für Lebewesen in der materiellen Welt (Pudgala) natürlich ist?
Essen, Trinken, Schlafen und Sex sind alles natürliche Instinkte, Zorn gehört auch dazu. Ein Verwaltungsbeamter sagte einmal, dass die Verwaltung nicht funktionieren würde, wenn die Verwaltungsangestellten nicht zornig wären. Zorn wird als natürlicher Instinkt betrachtet, die Fähigkeit zur Vergebung muss man kultivieren. Niemand gibt Empfehlungen, wie man zornig werden kann, aber um verzeihen zu können, werden viele Workshops veranstaltet. Von Workshops über Zorn haben wir noch nie gehört, dennoch wird jeder einmal zornig. Selbst kleine Kinder wissen, wie man zornig wird.
Das ist eine verzwickte Angelegenheit – wir möchten aufgeben, was natürlich ist und kultivieren, was unnatürlich ist. Genau dort liegt der Kampf. Wenn wir akzeptieren, was natürlich ist, gibt es keine Konflikte. Das müssen wir nicht trainieren.
Ein Atheist sagte zu seiner Frau: „Iss, trink, sei glücklich und froh, denn die Zeit verrinnt. Du wirst vielleicht niemals wieder ein menschliches Leben erhalten. Sorge dich nicht um deine nächste Geburt. Brauchst du Geld, leih’ es dir, und wenn du gern in Ghee [geklärte Butter] geschmorte Speisen isst, genieße sie. Da ist nichts nach diesem Leben.“ Ein zeitgenössischer Autor würde vielleicht noch hinzufügen: „Genieße alkoholische Getränke.“
Das ist auch ein Gesichtspunkt. Sadhana ist nicht angebracht, wo diese Perspektive vorherrscht. Aus spiritueller Sicht ist das der Aspekt eines Verlierers. Wer das Scheitern akzeptiert, indem er sich der Materie (Pudgala) ausliefert, unterliegt auch ihren Gesetzen. Scheinbar bereitet die äußere Welt das reinste Vergnügen, während in der inneren Welt nur immer gekämpft wird. Unabhängig davon, wie sehr sich jemand mit der Welt der Materie (Pudgala) verbunden fühlt, das Bewusstsein weckt ihn immer wieder und macht ihm klar, das ist nicht dein Königreich, nicht dein Zuhause. Man erhält immer wieder Motivation und Warnung aus der inneren Welt, die dazu auffordern, sich auf den Kampf einzustellen. Ein an die Materie gebundenes Leben sieht nur gut aus, ist es aber nicht wirklich. Konfrontiert mit den unangenehmen Konsequenzen dieser Einstellung, macht man eine Kehrtwendung und sucht nach einem neuen Weg – und dieser Weg ist die spirituelle Praxis (Sadhana). Warum wählt man diesen Weg? Weil man siegen möchte und Erfolg haben will und weil man den Versuchungen der materiellen Welt nicht mehr erliegen möchte. Sobald diese erleuchteten Gedanken im Geist aufdämmern, versucht man sich von weltlichen Aktivitäten fernzuhalten. An diesem Punkt ist das Bewusstsein erwacht.
Gebundenheit geht einher mit Unfreiheit, das liegt in der Natur der grobstofflichen Welt (Pudgala). Die Bindung an Objekte kann so stark sein, dass der Mensch auch nicht ein einziges bereit ist aufzugeben. Einem kleinen Kind Geld zu geben ist leicht, doch es ist schwer, es ihm wieder wegzunehmen. Die Welt der Materie (Pudgala) und die Bindung an ihre Objekte gehören zusammen.