Bis heute ist mir nicht zu Ohren gekommen, dass jemand im Anschluss an Samayik [spirituelle Praxis] Schuld- oder Reuegefühle entwickelt hat, 48 Minuten seines Tages mit Samayik verbracht zu haben. Doch wo schädliche Einflusse so wirksam werden, dass sie die Handlungen eines Menschen bestimmen können, besteht hinterher immer Anlass zu Bedauern und zur Bitte um Verzeihung. Wer auch in Konfliktsituationen versöhnlich und liebenswürdig bleibt, muss nichts bedauern und auch nicht um Verzeihung bitten.
Bemühen wir uns nun um das Verständnis von Materie und Geist. Der Unterschied liegt auf der Hand. Wer tief von der Materie gefärbt ist, hat Schwierigkeiten, die Welt des Bewusstseins zu verstehen. Manchmal kommt es zu einem Wendepunkt, an dem die Realität des Bewusstseins plötzlich wahrgenommen werden kann. Manche erwachen durch eigene spirituelle Praxis, manche dadurch, dass sie anderen folgen.
Ein Mann ging zu einem Heiligen und hörte dessen Vortrag über Frieden. Der Vortrag hatte ihn tief berührt und zum Nachdenken gebracht. Er versuchte, mit all seinen negativen Emotionen in Kontakt zu kommen, indem er sie ansprach: „Lieber Zorn! Unsere Beziehung dauerte sehr lange, nun ist es an der Zeit, dass du dir ein neues Zuhause suchst!“ Der Zorn stand schweigend auf und ging. „Liebes Ego,“ fuhr der Mann fort, „du warst lange mein Freund. Bitte verlasse nun mein Haus. - Liebe Täuschung, ich möchte, dass auch du mich verlässt! Und nun zu dir, meine liebste Freundin Gier, ich war dir ein guter Gefährte. Nun möchte ich nicht mehr mit dir leben. Finde deinen Platz woanders.“ All die negativen Emotionen riefen: „Bist du verrückt geworden? Was erzählst du da, wie können wir dich verlassen?“ Der Mann entgegnete gelassen: „Die Spiritualität hat mich erleuchtet! Jetzt gibt es für euch keinen Raum mehr in mir.“
Sobald sich die Tore zum Bewusstsein öffnen, lebt man in einer anderen Welt. Der Fluss des Lebens transformiert sich. Der Einfluss der Materie schwindet, das Bewusstsein wird frei gesetzt. Das hat zur Folge, dass man sein Leben anders ausrichtet. Bis zu einem Alter von 40 Jahren denkt man vielleicht nicht viel über die Entwicklung des Bewusstseins nach. Doch ab 40 sollte man sein Leben in neue Bahnen lenken. Die Reise unseres Lebens kriegt dann ein Gefälle, die Potenz unserer Sinne nimmt ab. Im Acharanga Sutra und auch im Ayurveda ist das ausführlich beschrieben.
Warum muss ich eine Brille tragen? Ich habe sehr gut gesehen bis 40. Augenspezialisten haben mir dann geraten, die Augen mit einer Brille zu entlasten, denn ich muss viel lesen. Mit 40 Jahren beginnt sich der Mensch zu verändern. Zuerst lassen die Funktionen seiner Sinnesorgane allmählich nach. Das zeigt an, dass es an der Zeit ist, den Geist zu öffnen und die Ernährung auf leichtere Kost umzustellen. Wenn wir uns in diesem Alter auf unsere innere Entwicklung konzentrieren, lösen sich auch unsere Bindungen an Objekte.
In der Psychologie klassifiziert man mehrere Grundinstinkte, vom spirituellen Standpunkt aus gibt es nur einen Grundinstinkt, den des Gebundenseins. Alle anderen Instinkte gehören spirituell gesehen zur gleichen Familie. Gebundensein und Ablehnung gehören ebenso zusammen wie Gebundensein und Anziehungskraft. Beide sind Produkte des Gebundenseins. Anziehungskraft (Zuneigung) oder Abstoßung (Abneigung) ziehen das Band, mit dem wir gefesselt sind, immer fester, verwickeln uns immer mehr und binden uns immer stärker an Personen oder materielle Objekte. Der Geist geht dann davon aus, dass wir ohne Gebundensein nicht leben können. So funktioniert das Gebundensein.
Erst wenn man sich von der Materie distanziert, lösen sich die Fesseln allmählich. Die Abkehr von der Materie setzt Energien des Geistes frei, die bisher durch das Gebundensein blockiert waren. Nun stehen sie für die Entwicklung des Bewusstseins zur Verfügung. Unser Bewusstsein ist nicht mehr gefesselt, wir sind befreit und unabhängig. Es gibt den Zustand der Gefangenschaft und den Zustand der Freiheit. Gebundensein an die Materie führt in die Gefangenschaft, Ungebundenheit, Abwendung von der Materie, in die Freiheit.
Wie nun setzt man sein Bewusstsein frei? Tiefenentspannung mit Selbstgewahrsein im Kayotsarga ist ein Weg zu der Freiheit, zwischen Seele und Körper unterscheiden zu lernen. Ziel dieser Unterscheidung ist die Auflösung des Gebundenseins an den Körper, an die Sinne und der Verzicht auf das Empfinden von „mein“. Kayotsarga ist nicht nur eine Entspannungsübung für den Körper, sondern simuliert durch die Stilllegung des Körpers den Verzicht des Gebundenseins an ihn, was zu dem Erlebnis und im Laufe wiederholter Praxis zu der Erfahrung führt, dass die Seele vom Körper verschieden ist.
Aus diesem Grund ist Kayotsarga eine wichtige Technik der Preksha Meditation, Einstieg und Meisterschaft zugleich. Unsere spirituelle Reise beginnt und endet mit Kayotsarga. Es gibt 14 Stufen (Gunasthanas) der spirituellen Entwicklung der Seele. Bewegt die Seele sich von der dreizehnten zur vierzehnten und letzten Stufe der spirituellen Entwicklung, ist Kayotsarga vollkommen realisiert. Kayotsarga aktiviert die Freisetzung des Bewusstseins nicht nur, sondern bringt sie auch voran.