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Jainismus

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Die Philosophie von der Seele und der Materie [1.2] Empfindende und nicht-empfindende Energie (2)

Gurudev Shree Chitrabhanu

29.04.2006



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Wie können wir den Unterschied zwischen empfindender und nicht-empfindender Energie wahrnehmen? Wie können wir die Beziehung zwischen den beiden erkennen? Wenn der wirklich Suchende anfängt zu verstehen, entdeckt er, dass intellektuelle Analyse und Logik ihm nicht helfen werden. Er nimmt wahr, dass der Verstand eine feine Form der Materie ist und nicht über sich selbst hinaussehen kann. Der Verstand zergliedert immer und legt auf eine materielle Ebene fest.

Der Suchende möchte über das Greifbare oder Sichtbare hinaus gehen. Er sieht, dass die Welt des Verstandes in erster Linie von Worten und Argumenten, Diskussionen und Zitaten beherrscht wird. Er beobachtet, wie der Verstand durch Worte in die Irre geführt wird und sich durch Vermutungen selbst täuscht: „Ich bekomme Einsicht in etwas Höheres.“ Aber anstatt Einsicht zu gewinnen, schafft er Kategorien. Der Verstand stempelt gerne diejenigen ab, die nicht der gleichen Meinung sind oder nicht glauben. Er benützt Namen wie ‚Atheist‘ oder ‚Heide‘, auf Grund seiner notorischen Neigung Kategorien zu bilden. Der Verstand, der sich an Kategorien klammert, betrachtet jeden, der von dieser Kategorie oder Norm abweicht, als seinen Feind.

Auf diese Weise erzeugen religiöse Menschen Disharmonie, obwohl sie erklären Harmonie zu lieben. Darum werden immer noch Kriege im Namen Gottes, eines Landes oder einer Ideologie geführt. Die Welt der Kategorien schafft immer Reibungsflächen. Man sieht dort das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Denkweisen.

Sogar psychische Erfahrungen sind Schöpfungen des Verstandes. Obwohl sie geistige Erfahrungen genannt werden und in einer subtilen Form erscheinen können, sind sie doch ein Zusammenspiel der Materie. Sie zählen zum Reich des Verstandes. Der Verstand regiert, handelt und kontrolliert immer noch.

Wenn wir dem Verstand durch Worte, Logik, Schriften, Argumente, Kategorien erlauben, unser Leben zu bestimmen, sind wir nicht mehr frei, die Schönheit und Gelassenheit dessen zu sehen und zu fühlen, was über den Verstand hinausgeht. Die wahre Schönheit fängt an, wenn wir beginnen, damit in Berührung zu kommen. Die Reise des aufrichtig Suchenden beginnt hier.

So machen jene, die über den Verstand hinaus gehen wollen, einen größeren Schritt. Anstatt sich auf Argumente einzulassen, wenden sie sich nach innen. Es ist nicht das In-sich-kehren , sondern das In-sich-schauen . Es ist ein Reinigen. Sie sind sich ihrer Gedanken, ihrer Gefühle und ihrer Phantasien bewusst. Allmählich beobachten wir unsere Beziehungen – zu uns selbst, zu unseren Gedanken, Wünschen und Neigungen, zu anderen Menschen und anderen Lebewesen.

Wenn wir weiter beobachten, geschieht folgendes: Das Licht der Achtsamkeit nimmt zu und kein dunkles Element kann sich ansammeln . Sobald wir ein negatives Element bemerken – einen Funken Ärger, einen Schimmer Eifersucht oder Neid, die Schwere der Gier, ein Aufflackern des Egoismus oder eine Welle Falschheit – wird das Licht der Achtsamkeit es sofort beleuchten und wir üben praktikam – gehen zurück und warten, bis die Dunkelheit verschwindet. Dann können wir wieder vorwärts gehen.

Schließlich wird mit Wachsamkeit und ständiger Praxis dieser Selbstbeobachtung eine neue Bewusstheit in uns erwachen: Der Verstand handelt, regiert oder kontrolliert jetzt nicht mehr. Der Verstand wird regiert, kontrolliert und sein Handeln wird bestimmt . Durch wen? Durch die empfindende Energie, atma, die Seele , durch das, was die lebendige Lebenskraft hat, eine tiefe Bewusstheit der angeborenen Eigenschaften.

* * *

Die beiden Energiearten, empfindende und nicht-empfindende werden auf spezifische Weise charakterisiert. Die empfindende Energie hat die ursprüngliche Eigenschaft Bewusstseins. Obwohl Bewusstsein selbst, wo immer es existiert, nicht gesehen werden kann, sieht man seine Entwicklung in allen lebendigen Formen der Materie. Sogar eine kleine Pflanze atmet ein und aus, nimmt Nahrung auf und gibt Überflüssiges ab, wächst und vergeht. Empfindende Energie ist die Ursache dieses Prozesses. Eine Pflanze, die nicht gegossen und gepflegt wird, wird verwelken. Wenn wir mitfühlend sind und sie wieder gießen, sehen wir, wie sie strahlt, wie sie antwortet.

Beobachten wir ein neues sprießendes Blatt, das fest an seinem Baum hängt. Während es wächst, ändert es seine Größe, Struktur und Farbe. Manchmal sprießt es mit rosa Adern, die beim Reifen in ein sanftes Grün übergehen. Es gibt einen frischen Geruch ab. Solange es mit dem Baum verbunden ist, ist es voller Lebenskraft, wenn es vom Baum gefallen ist, wird es trocken. Sein bewusstes Innewohnendes hat es verlassen und nur die nicht-empfindende Materie bleibt zurück.

In Pflanzen oder Tieren mag uns diese empfindende Energie nicht so entwickelt erscheinen wie unsere. Sie scheint nur eine schwache Version dessen zu sein, was sich in uns zeigt, aber es ist Bewusstsein. Wenn Pflanzen oder Tiere kein Bewusstsein hätten, würden sie sich nicht bewegen oder wachsen. Der Ablauf des Lebenskreises ist in allen der gleiche. Wenn dieses Empfindende sich von unserem Körper trennt, wird unser Körper eine leere Hülle, trockene, unbelebte Materie.

Bewusstsein ist das Hauptkriterium aller empfindenden Energie , die als atma bekannt ist. Wo wir kein Bewusstsein sehen, wird dies nicht-empfindende Materie genannt oder pudgala , das was füllt ( pud ) und leert ( gala ). Es existiert, aber lebt nicht. Zum Beispiel die äußeren Formen der Erde – Wasser, Feuer und Luft – sind Schalen; sie sind nicht-empfindende Substanzen. Ihre Atome zeigen keine Wahrnehmung, aber sie haben bestimmte Eigenschaften wie Farbe, Form, Geschmack, Geruch und Fühlbarkeit.

Die Schwingungen des Nicht-Empfindenden sind meßbar und gehören zu einer mathematischen, präzisen, stofflichen Welt. Sie variieren von grob bis fein, wobei die groben durch die Sinne beobachtet, entdeckt oder gefühlt werden können, während die feinen schwer aufzuspüren sind. Zum Beispiel bewegen sich Billionen von Atomen und Molekülen ungesehen in der Luft. Obwohl sie unseren Blick nicht verdunkeln, füllen sie die ganze Atmosphäre. Einige von ihnen, wie Amöben, Bakterien und Viren haben Bewusstsein, während andere, deren Atome vollkommen unbelebt sind, dies nicht haben.

Gelegentlich haben nicht-empfindende Schwingungen so viel Kraft, das sie den geistigen Zustand einer Person verdecken, beeinflussen oder ändern können. Alkohol, Marihuana, Opium und andere Drogen sind wirkungsvolle Formen solcher unbelebter Energien. Wenn einer dieser Energien erlaubt wird, in den Körper einzudringen, beginnt sie im System zu arbeiten und den Geist zu bestimmen. Dringt sie dann so weit vor, dass sie die Gehirnzellen verbrennt, ist es für atma nahezu unmöglich, sich zu behaupten und eine positive Änderung zu bewirken.

Jedoch muß atma sich behaupten, denn die Schwingungen des Empfindenden sind nicht dazu gedacht von der Materie beherrscht, beeinflußt und umschlossen zu bleiben. In der Gesellschaft von Ignoranz, Habsucht, Ärger oder anderen unreinen, von der Materie beherrschten Zuständen, schwingt die empfindende Energie in einer niedrigen Frequenz, beschränkt durch einen verwirrten Geist. Unsere Arbeit liegt darin unseren Geist zu verfeinern, um ihn darauf vorzubereiten, ein präziser Spiegel und Überträger des brillanten Lichtes des menschlichen Bewusstseins zu sein. Das ist die aktive Aufgabe von atma , während es in diesem Körper weilt.

Durch beständige Meditationspraxis, die das rechte Wissen allmählich enthüllt, gewinnt atma die Oberhand. Es kann die unreinen Schwingungen, die die negativen geistigen Zustände verursachen, verändern, abbiegen, schmelzen, verdampfen oder verbrennen. Negativität wird durch Positives ersetzt, und schließlich können die empfindenden Schwingungen, die nicht materiell und daher unmeßbar sind, ihre angeborene Fähigkeit, sich unendlich nach außen auszudehnen, behaupten und das gesamte Universum des Lebens umfassen.

Wenn die Schwingungen von atma einmal zu diesem höchsten Stand gereinigt sind, sind sie wirkliche Ausstrahlungen der reinen Energie . Der menschliche Geist ist nur ein winziger Teil dieser mächtigen Kraft. So wie die Sonne ihre warmen Lichtstrahlen aussendet und das Universum nährt, so strahlt gereinigtes atma , ausgehend von seiner ruhenden Mitte, den Glanz der universellen Liebe aus und nährt das Leben mit Frieden und Segen.




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©1977 by Gurudev Chitrabhanu
Übersetzung ©1988 von Trupti Traudel Pandya
Edited by Clare Rosenfield
Published by Jain Meditation International Center , NY
2nd Edition 1979


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