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Jainismus

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GEWALTLOSIGKEIT
das Grundgesetz im Jainismus


 

Die Philosophie von der Seele und der Materie [1.3] Empfindende und nicht-empfindende Energie (3)

Gurudev Shree Chitrabhanu

30.04.2006



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Bewegung und Ruhe

Zusätzlich zur Materie, die fühlbar ist, gibt es vier andere Klassifikationen der nicht-empfindenden Energie, die nicht fühlbar sind. Es sind die abstrakten Prinzipien: Bewegung, Ruhe, Raum und Zeit.

Beide, Seele und Materie, funktionieren in diesem Universum in Bezug auf diese vier Prinzipien. Das Gesetz von der Bewegung und Ruhe ermöglicht einen wechselseitigen Prozess, welcher der Balance in der materiellen Welt dient. Gäbe es nur Bewegung, wäre keine Anziehungskraft vorhanden, und gäbe es nur Ruhe, würde sich nichts bewegen. Beide Prinzipien sind lediglich Nebenursachen für die eigentliche Bewegung und Ruhe der Seele und Materie. Der Prozess wird letztlich von dem Zusammenprall der Teilchen eingeleitet, die fortwährend zwischen Bewegung und Ruhe wechseln. Sie stoßen ständig aneinander und setzen eine Kettenreaktion in Gang. Das Ergebnis dieses Aufeinanderprallens wird in dem Prozess der verbindenden und trennenden Moleküle widergespiegelt, der beständig die gleichen Elemente der Natur wieder verwendet. Er setzt sich bis ins Unendliche fort.

Während der nicht-empfindende Prozess kein anderes Ziel in seiner Bewegung hat, als das Bilden und die Auflösung von Molekülen, hat das Empfindende eine Richtung. Die Energie der Seele möchte aufwärts streben, wie eine Flamme, bis sie ihre Bestimmung erreicht hat. Wenn das Empfindende sich bewegt, ist es auf seine Lebensfrage ausgerichtet – seine Wirklichkeit aufzudecken, in einem Zustand vollkommenen Wissens zu leben, seine segensreiche, liebende Natur zu enthüllen. Seine Aufwärtsbewegung kommt erst zur Ruhe, wenn es seinen höchsten Punkt, seine Erfüllung und Vollendung erreicht hat. Aus diesem Grund muß es seinen Auftrag zu Ende führen und damit seine Verpflichtungen gegenüber der Welt der Lebewesen erfüllen und alle rauen Ecken seines Herzens runden.

Raum

Nach dieser alten Philosophie ist Raum das, was allen Wesen Raum gibt und ihnen erlaubt, sich ihrer eigenen Natur gemäß zu bewegen, zu entwickeln und zu leben. Dies gilt sowohl für den inneren Raum, als auch für die äußere Welt. In der Meditation werden wir unseres inneren Raumes, unseres inneren Lebens, bewusst. Wir berühren es, wenn wir unseren Atem berühren. Innerlich fühlen wir den Frieden, der mit der Zunahme des unbegrenzten Raumes einher geht. Wir fühlen, wie der gesamte Körper mit diesem Gefühl angefüllt wird. Wir erlauben uns, die Wahrnehmung von körperlichen Grenzen zu überschreiten und erschaffen um uns einen offenen Raum. Wir lassen die Mauern, Schranken und Kategorien fallen und fühlen uns mit allem Leben vereint. Nun spüren wir die lebendige Verbindung zwischen uns und allen Lebewesen.

Mit Hilfe der Achtsamkeit hat sich das Durcheinander geklärt. Es muß um nichts mehr gekämpft werden, es gibt kein Tauziehen zwischen gegensätzlichen Standpunkten. Wir vereinigen und vermischen uns mit Allem im unendlichen Raum. Dies ist die Erfahrung, zu der die Philosophie führt: Das Einssein zu spüren. Es ist die Erfahrung der eigenen Persönlichkeit – unteilbar und unzerstörbar, aufgegangen in höchster Freude, wenn unser Raum sich für den umfassenden Raum und unser Leben sich für das Leben in Allem geöffnet hat.

Zeit

Wenn wir uns auf diese grenzüberschreitende Ebene begeben, bemerken wir nicht die Zeit und fühlen nicht die Grenzen des Körpers. Die Funktion und Macht dieser beiden kontrolliert uns nicht länger. Genauso, wie es für die Sonne keine Dunkelheit gibt, so gibt es für uns, wenn wir in unserer reinen Natur leben, keine Begrenzung irgendwelcher Art. Dies ist die Erfahrung der unsterblichen Essenz. Nur auf der Stufe der weltlichen Existenz, bezogen auf den Prozess der Molekülbildung und des Molekülzerfalls, existiert Zeit als ein Ablauf. Zeit ist relativ, relativ zu unserem naya , dem Standpunkt oder der Ebene unserer Wahrnehmung. So scheint die Zeit sehr kurz oder nicht existent, wenn wir mit etwas beschäftigt sind, das wir gerne tun. Wenn wir aber etwas Unangenehmes tun, scheint sich die Zeit in die Länge zu ziehen. Deshalb müssen wir wissen, von welcher Stufe aus wir das Leben betrachten, und dann gibt es keinen Streit darüber, ob Zeit existiert oder nicht existiert.

Durch das Bewusstwerden dieser fünf Kategorien der nicht-empfindenden Energie – Materie, Bewegung, Ruhe, Raum und Zeit – werden wir erkennen, das nur das Innewohnende bewusst ist, indem es diese fünf benützt, um seine geistige Entwicklung zu unterstützen. Mit diesem Wissen werden wir sorgfältig darauf achten, dass der Ablauf eines jeden Prozesses uns in unserem Leben helfen kann, unsere Fesseln zu zerreißen und in eine sinnvolle Richtung zu fließen. Wir werden den Prozess oder Weg wählen, der für unser Wachstum förderlich sein wird. Wenn er richtig ist, werden wir das unzweifelhafte Gefühl haben, uns in Richtung unserer Bestimmung zu bewegen. Das ist das Ergebnis der gerichteten Bewegung, der empfindenden Energie. Dadurch werden wir nicht ziellos in der Welt kreisen, sondern uns mit Entschlossenheit in Richtung eines Zieles bewegen, mit einem tiefen Verständnis unserer Beziehung zum Universum.

* * *

Nicht-empfindendes und Empfindendes stehen in einer sehr engen Beziehung zueinander; sie leben in einer Partnerschaft, wie Spelze und Korn, wie Blume und Duft, wie Schlacke und Gold. Empfindende Energie arbeitet im Universum mit Hilfe der Nicht-empfindenden. Sie bewegen sich zusammen seit Anbeginn der Zeit und verkörpern die ganze Welt.

Sogar wenn wir die Eigenschaften beider kennen, können wir ihre Verbindung nicht verstehen, solange wir nicht tief in innere Erfahrungen gehen und sie als die Funktion von Beziehung und Vereinigung begreifen. Selbst wenn wir die Eigenschaft von H2 und O kennen sind wir nicht in der Lage Wasser zu machen. H2 und O müssen zusammen kommen, um Wasser zu bilden. Ähnlich ist es, wenn wir meditieren und wirklich unser Zentrum, das Herz des Bewusstseins, berühren. In diesem Moment erfahren wir: „Es ist ausschließlich empfindende Energie – das bin ich!“

Dann zitieren wir nicht irgendwelche Schriften oder Reden. Wir gleiten weiter, bis wir das Zentrum erreichen, das jenseits von Worten liegt. Später werden wir überlegen: „Was ich mich nannte, ist nur eine Schale. Der wirkliche Vogel ist innerlich!“ Wir benennen uns mit Namen, mit äußeren Schalen, da wir den „Vogel“ in uns nicht gesehen haben. Diesen „Vogel“ können wir nicht sehen, bis wir in die Tiefe gehen.

Wenn wir diese tiefe Erfahrung einmal gemacht haben, werden wir klarer die Beziehung zwischen Empfindendem und Nicht-empfindendem verstehen. Solange die Eierschale und der Vogel zusammen sind, gibt es eine Partnerschaft. Solange das Blatt an dem Baum hängt, ist das empfindende Leben durch die lebendige Gestalt ausgedrückt. Wenn die Eierschale zerbrochen ist, ist der Vogel weg. Wenn das Blatt vom Baum fällt, bewegt sich seine Lebenskraft in eine andere Richtung. Eierschale und trockenes Blatt – beide folgen dem Gesetz der Auflösung. Ihre empfindende Energie bewegt sich durch die Evolution in höhere Lebensformen.

Schließlich erkennen wir: „Es gibt etwas in mir, das mein ganzes Dasein aufbaut.“ Es scheint, als ob das Gehirn alle Arbeit leistet, aber das Gehirn ist nur eine Maschine. Es funktioniert nicht ohne einen Wirkenden. Hinter dem Gehirn, hinter dem Verstand, der als Motor dient, gibt es den Ingenieur, der den Schalter bedient. Dieser Ingenieur ist die bewusste Energie . Wenn diese Energie das Gehirn verlässt, sieht man, was das Gehirn ist – eine Maschine. Wir können es analysieren, um eine Krankheit zu finden, aber nicht zerlegen, um sein Motiv herauszufinden. Das kann in keinem Labor gefunden werden, da das Empfindende gestaltlos ist.

Lasst uns jetzt sehen, wie in Verbindung mit nicht-empfindender Materie die empfindende Energie Schwingungen erzeugt, die das ganze Dasein jedes einzelnen aufbauen. Der Prozess ist folgender: Wenn der Geist nicht klar, transparent und gereinigt ist, erzeugt er Schwingungen. Diese Schwingungen sind sowohl das Ergebnis, als auch die Ursache für mentale, emotionale oder physische Störungen oder negative Zustände. Entsprechend dem speziellen Zustand der Anziehung oder Abstoßung – sei es Ärger, Stolz, Falschheit, Habsucht, Neid, Sorge oder Zuneigung, bewirkt der Geist eine Störung der ihn umgebenden Atmosphäre. Er schafft negative Schwingungen. Diese Schwingungen wiederum ziehen automatisch nicht-empfindende Atome und Moleküle aus dem Universum an, welche eine Gestalt um die Seele bilden und ihre Wahrnehmung trüben.

In der Sprache der alten Weisen, von vor mehr als fünftausend Jahren, wurden diese nicht-empfindenden Teilchen K armas genannt. Gemäss dieser Philosophie bestimmen Karmas unsere Gestalt: Die Veranlagungen, Höhe, Hautbeschaffenheit, Feinheit, den Geburtsort, Gesundheitszustand und noch mehr. Durch die Projektion bestimmter Geisteszustände zieht die empfindende Energie aus dem Universum Atome an. Atome der Gestalt werden rup , Atome des Geschmacks rus , Atome des Geruchs gandh und Atome des Tastsinns sparsha genannt. Diese Atome sind das, was das karmische Make-up einer Person vom physischen Standpunkt ausmacht. Sie erklären die Tatsache, dass keine zwei Menschen gleich sind.

 




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©1977 by Gurudev Chitrabhanu
Übersetzung ©1988 von Trupti Traudel Pandya
Edited by Clare Rosenfield
Published by Jain Meditation International Center , NY
2nd Edition 1979


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