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Jainismus

Jainismus

GEWALTLOSIGKEIT
das Grundgesetz im Jainismus


 

Die Philosophie von der Seele und der Materie [2.4] Wie "ich" vom "nicht-ich" unterschieden wird (4)

Gurudev Shree Chitrabhanu

09.05.2006



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Wenn der Verstand still geworden ist durch ein Mantra und durch sein tiefes Verständnis der Schwingungen und des Karmas, können wir jenseits von Körper, Sprache und Verstand erfahren, was wir in unserer Essenz sind. In der Zeit tiefer Meditation wird deutlich, dass die vorher erwähnten Erscheinungen von Bewusstsein, Wissen, Wiedererkennen und andere sinnverwandt sind. Dennoch sind sie unzulänglich zu beschreiben; nicht-verbale, transzendente Erfahrungen.

Indem wir über Körper, Verstand und Sprache hinausgehen, beginnen wir langsam die Natur Atmas zu erfahren. Laut Hemachandra, dem großen Jainmeister des 12. Jahrhunderts, sind die drei Juwelen – rechtes Wissen, rechte Anschauung und rechte Handlungsweise – Ursache für die endgültige Befreiung der Seele. Was ist die eigentliche Natur dieser drei? Hemachandra antwortet:

Atmanam atmana vett

Mohatyagad ya atmani

Tad eva tasya charitram

Taj jnanam tacha darshanam

„Es ist das Selbst des weisen Menschen, das rechtes Wissen, rechte Anschauung und rechte Handlungsweise ist. Sie sind nichts als das Begreifen des Selbst im Selbst durch das Selbst, da die ewige Illusion verschwunden ist.

Atman sieht Atma , erfährt sein eigenes Selbst . Nachdem es einmal und für immer aufgetaucht ist aus der Ignoranz der ewigen Täuschung, erreicht es endgültige Befreiung durch Einswerden mit den drei Juwelen des rechten Wissens , der rechten Anschauung und der rechten Handlungsweise, die nichts anderes als seine eigene, vollendete Natur sind...“

Wenn wir dieses erkennen fangen wir an, die Fragen beantworten zu können: „Wer bin Ich?“ und „Was ist meine wirkliche Eigenschaft?“ Nach und nach werden Antworten in unserem Bewusstsein aufsteigen und sich in unserer Erfahrung entfalten. Wir werden erkennen: „Ich bin Bewusstheit, ich bin Glückseligkeit, ich bin Unsterblichkeit.“

Wir werden sehen, dass wo und wann immer wir Bewusstheit erfahren, wir dies sind. Wo und wann immer wir Bewusstheit nicht erleben, wir dies nicht sind. Wir werden unser Selbst nicht länger mit nicht-empfindenden, vorübergehenden Augenblicken, Bedingungen, Situationen, Namen, Mustern und Rollen identifizieren. Wir werden unseren Verstand davon befreien von Gestalten verlockt zu werden, die ihn zwischen den Polen von Glück und Unglück, Freude und Schmerz schwankend und pendelnd halten und deshalb niemals zufrieden sein lassen. Stattdessen werden wir diese Glückseligkeit, die unsere wirkliche Eigenschaft ist, entdecken.

Glückseligkeit führt uns in unser Zentrum. Ein sanftes Lächeln wird unser Gesicht erhellen. Es ist nicht Lachen oder Weinen; es ist nicht Aufregung oder Traurigkeit. Es ist ein sehr zarter Zustand. Es ist Ausgeglichenheit.

Wenn wir uns einmal als Bewusstheit und Glück erfahren haben, steigt die dritte Wahrnehmung auf: Diese Bewusstheit, die durch so viele Stadien ging und die sich immer noch entwickelt, wird nicht zerstört werden. Geburt und Tod werden als das gesehen, was sie sind: Aufbau und Zerfall von nicht-empfindender Materie. Das, was wir gewöhnlich „Tod“ nennen, ist lediglich eine Veränderung der Gestalt. Aber die empfindende Energie ist unveränderlich, unsterblich.

Wir erkennen, dass eine Änderung der Gestalt unvermeidlich ist und begrüßen sie, wenn sie kommt. Es ist die Änderung, die das Leben gesund und frisch erhält. Wir erleben uns wie das Wasser, ständig fließend, um nicht zu stagnieren, doch ewig lebendig in seinem eigenen Element. Lassen wir uns deshalb fließen und keine Angst wird auftreten. Im Fließen werden wir uns ausdehnen. Angst ist zusammenziehend. Wenn wir ständig fließen und uns ausdehnen, können wir uns nicht zusammenziehen und in Angst schrumpfen.

Wenn wir unsere bewusste, glückselige und unsterbliche Eigenschaft – empfindende Energie – erfahren und tiefgehend verstanden haben, wird uns jede Änderung, in Gestalt oder Wahrnehmung, zu einer höheren Bewusstheitsebene bringen. Wir werden in einem Zustand von Angstlosigkeit meditieren.

Nun lasst uns unser Selbst erfahren, spüren, dass in dem Zentrum dieser Form, die ich geschaffen habe, das Ich ist; nicht der Körper, nicht er oder sie, nicht Gefühl oder Gedanke, nicht Erinnerung an Vergangenes oder Zukunftsplanung, keine vorübergehende Freude oder Schmerz, nicht die Schwingungen von Anziehung oder Abstoßung, sondern die wirkliche Ich-Bewusstheit, Glückseligkeit und Unsterblichkeit.

Texte zum Nachdenken

„Solange wir das Konzept ‚Alles ist verloren!‘ haben, werden wir Trauer und Tränen spüren. Lasst es uns stattdessen in diesem Licht sehen: Eine Person mag aus unserem Blick, aus unserem Umfeld verschwunden sein, aber nicht aus dem Universum. Sie hat ihre Gestalt verlassen, aber das Wesen bleibt erhalten. Wenn wir unsere Einsicht vergrößern, sagen wir, ‚Was ist verloren? Nur die Gestalt!‘ Ein goldenes Schmuckstück mag zerbrochen oder geschmolzen sein, aber das Gold bleibt erhalten.“

„Lasst uns die Kontinuität der Ewigkeit in jedem Samen, in jeder Gestalt wahrnehmen. Lasst uns das Gleiche in uns sehen. Die Gestalt wird zerbrechen oder zerfallen, aber es gibt etwas im Zentrum, das unveränderlich ist. Dieses Etwas ist empfindende Energie.“

„Die ‚Ich‘-Spiegel sind nicht unsere wirklichen Eigenschaften; sie sind Bedingungen. Wir haben uns mit diesen vorübergehenden Bedingungen identifiziert. Nun überschreiten wir diese vergänglichen Stadien und sehen, dass das ‚ich‘ kein Ego hat. Die wirkliche Meditation beginnt, wenn wir sagen: „Dies ist empfindende Energie und dies bin Ich. Diese Energie kann nicht aufgehoben oder zerstört werden.““

„Das ganze Universum ist für bewusste Energie bestimmt. Das Universum ist nichts anderes, als ein Übungsplatz für die Entfaltung von Atman.“

„Es gibt einen Prozeß des Lebens. In diesem Prozeß formt jede Seele, auf die eine oder andere Weise, durch die Schwingungen der Anziehung oder Abstoßung, während der Dunkelheit ihrer Unwissenheit oder im Licht des Wissens, ihr eigenes Leben. Sie wählt sich einen Geburtsort, eine Familie und alle Lebensbedingungen.“   

 




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©1977 by Gurudev Chitrabhanu
Übersetzung ©1988 von Trupti Traudel Pandya
Edited by Clare Rosenfield
Published by Jain Meditation International Center , NY
2nd Edition 1979


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