Veganismus als Lebensstil (1) Einleitung & Motive von VegetarierInnen
Wolf Dieter Becvar
Martin Hechenblaikner
Nedeljko Radojicic
07.02.2008
Veganismus als Lebensstil
Konsumverweigerung / Konsumalternative
Wolf Dieter Becvar,
Martin Hechenblaikner,
Nedeljko Radojicic
Uni Wien,
SoSe 2007
1. Einleitung
Ernährung als Konsum ist sehr vielfältig, was man isst, wie man isst, wie viel man isst, die unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen, vegetarische Ernährung, vegane Ernährung - mit unterschiedlichsten Vorstellungen was Vegan eigentlich bedeutet sowie damit verbundenen Lebensstilen und Konsumverhalten. Wer vegan leben will muss sich entscheiden ob auf alles Tierliche, also auch z.B. Leder bei der Bekleidung, oder nur teilweise auf tierliche Produkte verzichtet wird. Dies eröffnet eine breite Vorstellung darüber was vegane Ernährung und damit verbundene Lebensstile bedeuten und was damit einhergeht. Die Produktpalette und die Ansichten scheinen dabei unendlich zu sein.
Menschen haben unterschiedlichste Vorstellungen ihr Leben einzurichten und zu gestalten. Die Soziologie nennt dies Lebensstile. Lebensstile verweisen nicht ausschließlich auf Wertvorstellungen, Individualität oder Gruppenzugehörigkeit, vielmehr ist damit auch ein bestimmtes Kaufverhalten oder ein bestimmter Kaufstil verbunden. Manche Menschen essen gerne Wiener Schnitzel andere nicht. Manche Menschen machen gerne Sport andere nicht. Manche beteiligen sich an Tierschutzbewegungen für Andere ist dies Zeitverschwendung. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, so unterschiedlich Menschen sind so unterschiedlich sind ihre Lebensstile und somit auch ihr Konsumverhalten. Konsum bedeutet nicht nur Hunger, Durst oder ein anderes Bedürfnis zu stillen, es werden auch immer Symbole konsumiert. Konsum erhält so symbolischen Charakter und Produkte werden mit Symboliken behaftet, welche auf bestimmte Lebensstile verweisen. Durch Symbole werden Zeichen gesetzt, sie dienen einerseits der Distinktion sozialer Gruppen und haben andererseits Individualitätstendenzen - so kommt es zur Ausformung von Lebensstilgruppen.
2. Motive von VegetarierInnen
Allein die Einteilung nach der Lebensmittelauswahl sagt aber noch nichts über die tatsächlichen Motive bzw. die tatsächlich zugrunde liegende Motivation, für gerade diese Form der Ernährung, aus. Wesentlich für diese Verschiedenheit der Ausprägungsmerkmale des Vegetarismus sind die einzelnen Anschauungen und Ziele der Menschen. Die freie Entscheidung zum Vegetarismus über zu treten beruht auf den verschiedensten Erfahrungen, Lebensumständen, Überlegungen und Erwartungen (Leitzmann 1999: 33). Auch spielt der Faktor Zeit in dieser Anschauung eine wesentliche Rolle, oftmals unterliegen diese Merkmalsausprägungen einem stetigen Wandel über die Jahre hinweg und so kommt es oft vor, dass eine Person als z.B. Lakto-Ovo Vegetarierin beginnt, nach zwei Jahren zum Veganismus wechselt (durch Änderung der Lebensumstände und/oder Weltanschauungen, moralisch/ethische Motive) und durch verschiedene Einflüsse bedingt (z.B. gesundheitlichen Gründen) wieder zum Vegetarismus wechselt.
2.1. Religiöse Gründe
Mögliche Beweggründe stellen oft ethisch-religiöse Einflüsse dar, aber auch die gesundheitlichen Motive, die gleich häufig genannt werden, oftmals aber nur schwer voneinander zu trennen sind. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Riten verschiedenen Religionen, wo es oft zu regelrechten Huldigungen des Fleischverzehrs und nicht wie vielleicht angenommen der Enthaltsamkeit kam. Fleisch spielt seit jeher eine wichtige Rolle. Ein Ritus: der eigene Kampf ums Überleben, das gegenüber Feinden verteidigt werden musste und mit der siegreichen Einverleibung schlussendlich endete. Mit dem Übertritt in die Agrargesellschaft kam es jedoch zu einer Änderung der Stellung des Fleisches. Der Verzehr unterlag immer mehr sozialen und ökonomischen Normen, die durch die Veränderung der Ressourcennutzung bzw. des Ressourcenbesitzes zustande kamen. Verglichen mit dem Fleischkonsum in der Jäger- und Sammlergesellschaft kam es in der Agrargesellschaft erstmals zu einem Rückgang in der Versorgung mit fleischlicher Nahrung und es kam erstmals zu einem zentral geregelten System der Fleischverteilung. Fleisch wurde bald zu einem Luxusgut und es kam dazu, dass der Verzehr von Fleisch seltenerer Tierarten generell mit einem Verbot belegt wurden und in den Gegenden, die unter den schlimmsten Erschöpfungen zu leiden hatten, kam bald der Ruf auf, dass das Fleisch unrein sei (vgl. Mellinger 2000: 68).
Es dauerte nicht allzu lange bis es zu kirchlichen Doktrinen kam, die darauf abzielten, die Auffassung zu verbreiten, dass der Verzehr von Pflanzen gottesgefälliger sei als der von Fleisch. Sinn und Zweck dieser Speisevorschriften oder Speisetabus war jedoch keinesfalls ein moralisch-ethischer Ansatz, sondern es ging schlichtweg darum, die Ökonomie der agrarischen Knappheitsgesellschaften mit Hilfe von Verhaltensimperativen zu regeln und zu stabilisieren. Speisetabus sind somit Zeitzeugen und geben in gewisser Weise Aufschluss über die Lebensbedingungen die geprägt waren von Begrenztheit und Bedrohungen, entstanden aus einem instabilen Verhältnis von Produktion, Reproduktion und Ressourcen. Mellinger stellt die These auf, dass sich aus eben diesen Speisetabus die Grundlage für die spätere Entwicklung kulinarischer Vorlieben und Abneigungen innerhalb einer Gesellschaft ausschlaggebend waren, und in ihrer Bedeutung weit über das Entstehungsdatum hinausgehen (vgl. Mellinger 2000: 69f.). Als Beispiel sei nur die „heilige Kuh" genannt, die den Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelproduktion und dem ökonomischen Profil einer Gesellschaft illustriert. Zeitgleich mit der Entstehung des Buddhismus (600 v.Chr.) kam es zum Verbot des Rindfleischverzehrs. Die Menschen dieser Epoche waren zerrüttet durch Kriege, Überschwemmungen und Hungersnöte und ihre Lebensverhältnisse verschlechterten sich rapide. So erscheint es aus heutiger Sicht nur logisch, dass die von 1500 bis 500 v.Chr. eingeführten Opferreligionen unter den Brahamanen, als Grund für die soziale Not und ökonomische Krise gesehen wurden. Durch Gautama Buddha wurde aber mit der Verhängung eines Schlachtverbots, ein wirksames Krisenmanagement entwickelt.
Der Jainismus sorgte ebenfalls für die Verbreitung des Ideals der Askese und der Buddhismus kristallisierte sich dann als eine weniger orthodoxe Form des Jainismus heraus. Der Jainismus verbot jegliche Tötung und jeglichen Verzehr von Tieren. Der Buddhismus hingegen untersagte seinen Anhängern zwar das Schlachten, jedoch nicht den Verzehr von bereits getöteten Tieren. Der Hinduismus übernahm erst später das Prinzip des „ahimsa" - das Ideal der Askese. Man kann sich deshalb auch den großen Zulauf zum Buddhismus aus den eher bäuerlichen Schichten erklären, da für diese Menschen Rinder als Zugtiere, aber auch wegen des Düngers und Heizmaterials eine unentbehrliche Überlebenshilfe darstellten (vgl. Mellinger 2000: 71).
Die Einteilung in essbare und tabuisierte Tiere folgt einem antroprozentrischen Klassifikationsprinzip. Es werden alle Tiere von der Speisekarte genommen, die dem Menschen entweder besonders nützlich sind, als Arbeitstier oder als Symbol gesellschaftlichen Standes dienen, oder weil sie einer als „niedrig" eingestuften Gattung angehören (Mellinger 2000: 74). In Not- und Ausnahmezeiten wurden diese Tabus jedoch gelockert und mit ihnen flexibel verfahren. Gerade die unteren Schichten begannen wieder mit der Aufnahme des Schlachtens und Essens von Rindfleisch und anderen Fleischsorten. Wie die Kuh in Indien so waren auch die Pferde in der westlichen Hemisphäre eine Art von Notnahrung für die ärmsten Schichten und das Tabu wurde desavouiert ohne es jedoch auf Dauer zu entkräften. In Krisenzeiten wurden aber nicht nur Rinder und Pferde sondern auch, trotz allem Ekels, Hunde, Katzen, Ratten und Mäuse verzehrt. Hier regelte die Zugehörigkeit zu einem gewissen Stand die Wahl des Fleisches: während es dem Adel und den reichen Bürgern zustand Pferdefleisch zu essen, mussten die Armen mit Ratten und Mäusen vorlieb nehmen. Wer gegen ein Tabu verstieß spielte natürlich auch immer eine sehr große Rolle: die Rolle des Geschmacks als geeignetes Mittel der sozialen Abgrenzung gegen die landläufigen Nahrungsgewohnheiten. Somit war der Genuss von Pferdefleisch in bestimmten Situationen überhaupt nicht schändlich. 1708 lud der Marschall Louis Francois Herzog von Boufflers als Zeichen seiner Hochachtung seinen Gegner Prinz Eugen von Savoyen bei der Übergabe der Zitadelle von Lille zu einem Diner ein, bei dem das Pferd des Marschalls gemeinsam verspeist wurde. Was die einen aus Zwang heraus müssen, tun die anderen aus freien Zügen. Armut und Reichtum erweitern somit den Begriff der Essbarkeit (Mellinger 2000: 74).
2.2. Ethische Gründe
Die ethische Komponente verabscheut das Töten von Tieren und beschäftigt sich eingehend mit dem Verhältnis von Tier und Mensch. Hier sei besonders zu erwähnen, dass die seit ungefähr den 1970ger Jahren verstärkt geführte Diskussion über den Status von Tieren eine Abkehr vom Fleischverzehr erwirkt hat (vgl. Leitzmann 1999: 33). Auch wird seit dieser Zeit von den unterschiedlichsten
EthikerInnen versucht für die Tiere die gleichen moralisch-ethischen Grundrechte einzuklagen wie für den Menschen. Hier wird besonders die Leidensfähigkeit von Tieren, hervorgerufen durch Angst und Schmerz anerkannt. Auch trägt die Aufklärungsflut über die grausamen Bedingungen bei Aufzucht, Mast, Transport und Tötung ebenfalls zu einer Sensibilisierung der Bevölkerung und einer verstärkten Hinwendung zur vegetarischen Ernährungsweise bei. 1975 erschien das Buch: Animal Liberation von Peter Singer. Der Titel illustriert zugleich Programm und Ziel der ganzen Tierrechtsbewegung: der heutige Umgang mit Tieren entsprach dem damaligen Umgang mit schwarzen Sklaven, eine Befreiung der Tiere schien ebenso notwendig wie es einst die Befreiung der Sklaven war (Kaplan 2002: 23). Zusammen mit Peter Singer machte es sich Tom Regan zur Berufung das Gleichheitsprinzip auf alle Lebewesen anzuwenden und durchzusetzen. Das Gleichheitsprinzip fordert: Wo und soweit Menschen und Tiere ähnliche Interessen haben, da sollen diese ähnlichen Interessen auch gleich berücksichtigt werden (Kaplan 2002: 26). Innerhalb der Diskussion um Tierrechte wurde 1970 von Richard Ryder der Begriff des Speziesismus eingeführt. Speziesismus ist ein Begriff (speciesism), der als theoretische Konzeption in die Tierbefreiungsbewegung, die Tierethik und die Tierrechtsbewegung Eingang gefunden hat. Der Begriff Speziesismus versucht dabei die Ungleichbehandlung von Lebewesen aufgrund ihrer Art (Spezies) sprachlich fassbar zu machen, da die Ungleichbehandlung im Alltag oft eine unbewusste Selbstverständlichkeit bleibt. Es wird davon ausgegangen, dass der Speziesismus ein soziales Konstrukt seitens der Menschen ist. AntispeziesistInnen fordern deswegen die Gleichbehandlung von Tieren (vgl. Falkner o.J.). Auch Kaplan sieht den Speziesismus als Sklaverei, Rassismus und Sexismus (vgl. Kaplan 2002: 28). 1977 wurde im Rahmen der ersten internationalen Tierrechtskonferenz am Trinity College in Cambridge eine „Deklaration gegen Speziesismus" unterschrieben. Am 50. Jahrestag der Verabschiedung der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" von der Generalversammlung der Vereinten Nationen, am 10. Dezember 1998, rief die Organisation Uncaged Campaigns eine „Allgemeine Erklärung der Tierrechte (Universal Declaration of Animal Rights, UDAR) aus. Im angloamerikanischen Raum wird mit der Befreiung von Tieren, anders als bei uns, nicht etwa eine Tierbefreiung wie sie von autonomen Tierschützern durchgeführt werden, verstanden, sondern eine ethisch und kulturgeschichtlich bedingte Richtung des Tierschutzes verstanden. (Schwarz 2005: 111).
2.3. Gesundheitliche Gründe
Gesundheitliche Motive für eine vegetarische Ernährung umfassen Aspekte wie: Gesundheitserhaltung, Körpergewichtsreduktion, Prophylaxe, die Heilung verschiedener Krankheiten und die Steigerung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit. Ebenso „begünstigen" Lebensmittelskandale wie der jüngst aufgedeckte „Gammelfleisch Skandal" in Deutschland den Umstieg auf eine alternative Ernährungsform ohne Fleischverzehr. Auch John Robbins schreibt in seinem 2003 erschienenem Buch „Food Revolutions" hauptsächlich über den gesundheitlichen Aspekt einer fleischlosen Ernährung und erwähnt ebenfalls unzählige Fleischskandale die seiner Meinung nach oft durch enormen Lobbyismus keine Erwähnung in der Öffentlichkeit finden, obwohl die langfristigen Auswirkungen katastrophal zu sein scheinen:
„Möchten sie etwa keinen Fast-Food Hamburger essen, auf den eine Atombombe abgeworfen wurde? Dank der unermüdlichen Bemühungen der Rindfleischindustrie haben sie das wahrscheinlich schon getan. Am 22. Februar 2000 hat das amerikanische Landwirtschaftsministerium USDA die Bestrahlung von Rinderhackfleisch und anderen Fleischsorten legalisiert. Drei Monate später begannen die Supermärkte bestrahltes Fleisch zu verkaufen. Während ein Aufkleber verrät, dass das Fleischprodukt bestrahlt wurde, wenn es in einem Laden verkauft wird, sieht man bei Nahrungsmitteln, die in Restaurants oder Schulkantinen serviert werden, keinen solchen Hinweis [...] Die Fleischindustrie beharrt dagegen darauf, Bestrahlung sei absolut unschädlich" (Robbins 2003: 147).
Natürlich gibt es auch unzählige Beispiele für eine spontane Umstellung hin zum Vegetarismus, ausgelöst durch ein plötzliches Ereignis wie z.B. das Miterleben einer Tierschlachtung oder eine Dokumentation über die Umstände in Schlachthäusern. Sozialpsychologische Ansätze sprechen jedoch dafür, dass die Hinwendung zum Vegetarismus oft stufenweise erfolgt.
ethisch/religiös
Töten als Unrecht / Sünde
Fleischverzehr als religiöses Tabu
Lebensrecht für Tiere
Mitgefühl mit Tieren
Ablehnung der Massentierhaltung
Ablehnung der Tiertötung als Beitrag zur Gewaltfreiheit in der Welt
Ablehnung des Verzehrs tierlicher Nahrung als Beitrag zur Lösung des Welthungerproblems